Archiv für Wittgenstein

Revival / Farben

Posted in Philosophie with tags , , , , on 16. März 2011 by sebastian

Ich plane ein Revival dieses Blogs und möchte mich bei all den Antwortenden entschuldigen, deren Beitrag ich nicht entsprechend gewürdigt habe. In der Phase der Diplomarbeit musste ich meine Energien von einigen Dingen abziehen. Vielen Dank an alle, die mir ihre Ansichten hinterlassen haben. Von nun an bin ich wieder „brav“ und antworte auch.
Und damit man sieht, dass ich es ernst meine, gleich ein paar Dinge, die mich aktuell beschäftigen. Weil es recht frisch ist, ist es auch unzusammenhängend.

„Ich weiß doch, wie es ist, Rot zu sehen und kann mich darin nicht irren“
Weiß man so etwas? Ich möchte sagen: Nein.

Hier muss man zwei Ebenen trennen.
1)    Ein Satz möchte eine Beziehung zwischen mir und einer Tatsache ausdrücken
2)    Ein Satz möchte die Beziehung zwischen mir und einem Bewußtseinsinhalt ausdrücken.
Der Satz, um den es geht, st vom Typ 2. Ich soll wissen, wie es sich für mich anfühlt, Rot zu sehen. Ich soll nicht unfehlbar darin sein, rote Gegenstände zu identifizieren.

Wissen wird üblicherweise als gerechtfertigte, wahre Überzeugung  definiert.
Ich weiß wie es ist, Rot zu sehen ist meiner Ansicht nach kein Wissen, weil die Rechtfertigung fehlt.

Man stelle sich vor:
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, Rot zu sehen!“
„Warum weißt du das? Und wie?“
„Naja ich habe immer diese Sensation wenn ich rote Gegenstände sehe“
„Aber es gibt optische Täuschungen, die eine Farbe vorgaukeln, die gar nicht da ist?“
„Egal, wenn man mir Rot vorgaukelt, habe ich das Rot-erlebnis“
„Das heißt dein Rot-erlebnis ist nicht abhängig von der Anwesenheit roter Gegenstände“
„Scheint so, aber ich kann mich darin nicht irren, dass ich Rot zu sehen glaubte“
„Dann geht es aber nicht mehr um ein Wissen sondern um ein Glauben. Wissen muss man rechtfertigen können und es soll eine Beziehung zwischen dir und Tatsachen herstellen. Du kannst dich hier aber nicht rechtfertigen, denn das Sprachspiel der Farbwahrnehmung ist so aufgebaut, dass es hier endet. Hier herrscht eine Gewissheit, aber kein Wissen. Denn für Wissen muss man Gründe anführen können.“
Dh ich kann die Gewissheit haben, rot zu sehen, aber Wissen kann ich es nicht. Selbiges gilt für Schmerzen. Hier endet das Sprachspiel.

Das bedeutet, auf lange Sicht gesehen, dass es keine Trennung zwischen physischen und psychischen Zuständen gibt, sondern eine Unterscheidung von Sprechweisen und ihren Grammatiken.

Das Mentale muss keine Nicht-physische Sache sein.

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Das dritte Dogma

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 31. August 2009 by sebastian

Donald Davidson hat meiner Ansicht nach eine sehr spannende Ansicht dazu vertreten, wie Sprache funktioniert. In Anlehnung an Willard van Orman Quines epochemachenden Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ möchte Davidson gegen das, von ihm so genannte, „dritte Dogma“ des Empirismus vorgehen. Die beiden Dogmen von Quine sind die Trennung von analytischen und synthetischen Sätzen, die Kant berühmt gemacht hat und der erkenntnistheoretische Reduktionismus, der besagt, das alle Theorien in empirisch überprüfbare Einzelaussagen zerlegt werden können müssen. Das dritte Dogma, gegen das Davidson argumentiert, ist das von Schema und Inhalt. Im klassischen Empirismus (und nicht nur dort) wird die Sprache als ein Schema gesehen, dass einen Inhalt namens „Welt“ strukturiert. Dieses Schema „Sprache“ kann dem Inhalt „Welt“ dann entsprechen oder auch nicht. Wenn es ihr entspricht, nennen wir die Aussagen wahr, wenn nicht falsch.
Gegen diese Ansicht argumentiert Davidson, um von den Abbildungstheorien der Wahrheit los zu kommen. Durch verschiedene Perioden seines Denkens ist es (mir zumindest) nicht klar, ob er überhaupt ein Wahrheitstheorie vertreten möchte. Seine Sichtweise, wie Sprache funktioniert legt er ausführlich in den Aufsätzen „Was ist eigentlich ein Begriffsschema?“ und „Eine hübsche Unordnung von Epitaphen“ dar. Seine Ansicht ist, wie die vieler amerikanischer Philosophen, von Darwin geprägt. Er geht davon aus, dass Menschen versuchen, sich in ihrer Umgebung zurecht zu finden und zu diesem Zweck versuchen, vorhersagen über Ereignisse zu machen. Wenn alle Handlungen eines Menschen auf dieses Ziel hin gerichtet sind, wäre es doch verwunderlich, wenn die Sprache anders funktionieren sollte. Er übernimmt also die Idee Wittgensteins, dass man Worte wie Werkzeuge betrachten kann. Diese Werkzeuge setzen Menschen ein, um die Verhaltensweisen anderer Menschen vorherzusagen oder so zu beeinflussen, dass diese vorhersagbar werden.
Menschen haben also eine Ausgangstheorie, Ideen dazu, wie andere Organismen und Menschen reagieren werden. Noch dazu bilden sie eine vorläufige Übergangstheorie, um mit anderen Sprechern zurecht zu kommen. Wenn zwei Menschen miteinander Sprechen, dann betreten sie das Gespräch mit einer Ausgangstheorie, die sie je nach den Reaktionen des Gegenüber verändern. Dies ist dann die Übergangstheorie. Davidson spricht von einer gelungenen Kommunikation, wenn die beiden Sprecher ihre Übergangstheorie einander soweit angeglichen haben, dass sie das Gefühl haben, die wichtigsten der Reaktionen des Gegenüber vorhersagen zu können. Dann „verstehen“ sie sich. Diese Übergangstheorie wird die Ausgangstheorie des nächsten Gesprächs verändern und immer so fort. Es wird nie einen „idealen Endpunkt“ geben, diese Idee hätte keinen Sinn. Man muss seine Theorien ständig offen halten für unvorhergesehenes wie geniale Einfälle, unglaubliche Dummheiten, Tics, Gestotter, Faustschläge, Küsse, und so weiter.
Wenn man in diesem Sinne einem Menschen „Bewußtsein“ oder „Sprache“ zuspricht, dann heißt das, dass es sich in Sachen der Vorhersage auszahlen wird, sie mit diesen Werkzeugen zu „bearbeiten“, sie als Organismen zu sehen, die über diese Eigenschaften verfügen.

Was sagt man dazu…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , , on 24. Juni 2009 by sebastian

Eine meiner grundlegendsten Überzeugungen ist die, dass die Welt uns nicht sagt, wie wir über sie sprechen müssen. Das meinte auch Nietzsche, wenn er zu Beginn von Jenseits von Gut und Böse sagt, dass Philosophen nichts finden sondern immer erfinden.

Die für mich wichtigste Folgerung daraus ist, dass man sich in Diskussionen nicht auf den „objektiven Standpunkt“ begeben kann. Man seinen Kontext nicht übersteigen, um vom „objektiven Boden des Wissens“ auf die menschlichen Tätigkeiten zu blicken. Man kann die Diskussion nicht mit einem „Die Welt hat meine Aussage gerechtfertigt“ abblocken (man kann „die Welt“ auch durch „mein Gott“ ersetzen)

Ich sage „Dieser Tisch ist braun“ oder ich sage „Dieser Tisch ist schwer“. Ich sage, dass weder die beiden, noch irgendwelche anderen Sätze über den Tisch, sich  näher am „Wesen“ des Tisches befinden. Wenn man so etwas sagt gibt es immer einen, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt „Das war aber doch nun viel basaler, das ist mein direkter, unmittelbarer Eindruck des Tisches.“ – Warum sollte der Satz „Der Tisch bietet Widerstand für schlagende Fäuste“ näher am Wesen des Tisches sein als „Der Tisch ist häßlich“? – Beides ist in Satzform.

Warum kann man aber sagen, dass der Schmerz des auf den Tisch schlagens näher an der Sache dran ist, als „ist häßlich“? Wahrscheinlich, da wir derart abgerichtet wurden. Man hat uns immer gelehrt, dass die primäre Verbindung von der Welt und unserem Wissen durch die Sinne stattfindet. Als ob die Gegenstände uns die Bedeutung gleichsam zuflüsterten, oder unsere Sinne uns das Wesen der Welt, ihre Bedeutung, offenbarten. Die Geschichte der Philosophie ist voll von Versuchen, dieses flüstern zu hören.

Ich glaube, die Welt hat uns nichts zu sagen, sie steht den Wahrheiten der Menschen gleichgültig gegenüber.

Dass unser Ausgangspunkt für all unsere Überzeugungen Sinnesreize an unserer Oberfläche sind, hat Quine sehr schon beschrieben. Er hat diese Art zu reden erfunden. Aber dass daraus keine Bedeutung folgt, war ihm sehr klar. Man kann mit demselben Set an Reizen zu ganz unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Beispielsweise „Die Welt ist von einem Gott geschaffen“ oder „Die Welt ist ein Produkt blinder Kräfte und Gewalten“.

„Aber wie sind denn die Dinge WIRKLICH?“ – Was soll dieses WIRKLICH bedeuten? Stammt diese Frage nicht aus einem ganz bestimmten Bild, wie man „Wissen“ versteht, nämlich als richtige innere Abbildung der äußeren, objektiven Welt? Wenn man „Wahrheit“ anders zu erfassen versucht, dann wird diese Frage unwichtig.

„Aber es gibt doch nun einmal biologische Tatsachen, sieh hin!“ – Hier versucht man, seine eigene, kontingente Art, die Dinge zu betrachten als „gods eyeview“ auszugeben. Gerade die Naturwissenschaften sind so nahe dran, Theologie zu betreiben, dass die ständige Betonung der „Vorläufigkeit all ihrer Aussagen“ befremdlich wirkt. „Alle unsere Forschungsergebnisse sind nur vorläufig, bis sie falsifiziert werden!“ – alle – außer dem Falsifikationskriterium und den anderen Methoden der Wissenschaft.

Ich denke, es würde mehr helfen, wenn Naturwissenschaftler sich nicht als Menschen sehen würden, die mit einer besonderen Methode Wahrheiten über die Welt finden, sondern wenn sie die Naturwissenschaften als ein Werkzeug betrachten würden, das hilft, besser und angenehmer zusammenzuleben.

Was für positive Auswirkungen diese Sichtweise auf beispielsweise die Genderfrage hätte…

Wittgenstein und Vagheit

Posted in Philosophie with tags , , , , on 6. Juni 2009 by sebastian

Letzen Donnerstag gab es im Kolloquium des Wiener Kreises einen Vortrag zu „Wittgensteins Skeptizismus in den Philosophischen Untersuchungen“. Schon alleine der Titel verwunderte mich (ich konnte ihn auch für mich nicht mit Bedeutung füllen). Jedenfalls ging es um ein Gleichnis, dass Frege entwarf und Wittgenstein sehr gewinnbringend übernahm: das Gleichnis der Sprache als Stadt. Bei Frege wird dies daraufhin ausgebaut, dass Bezirke in einer Stadt immer klar abgetrennt sein müssen, sonst kann man sie nicht Bezirk nennen. Es muss also – um es auf Freges Intention umzulegen – jeder Begriff eindeutig in einem Bezirk zu verorten sein, anders gesagt ihm müssen eindeutige Inhalte zukommen. Ein unscharfer Begriff ist demnach kein Begriff.
Wittgenstein trieb dieses Beispiel in eine ganz andere Richtung. Er meinte, dass hier nicht klar sei, was „klar abgetrennt“ hießen soll. Denn wenn diese Bezirke mit einem Kreidestrich getrennt sind, habe der Strich immer noch eine dicke, etc. Vielleicht sollte man eher eine Farbgrenze verwenden. Doch hilft das noch? Wittgenstein verneint, hier laufe die Sprache leer. Es sei einfach nicht unser Ziel, immer die größtmögliche und noch dazu kontextlose Genauigkeit zu erreichen. Wie soll man sich Genauigkeit überhaupt vorstellen, ohne ein „Genau, im Hinblick auf…“?
In diesem Vortrag nun wurde die Sache so dargstellt, dass Wittgenstein hier ausschließlich Freges Bild kritisierte und dass Frege es gar nicht so plump gemeint habe, Wittgensteins Kritik also unberechtigt sei. Gut, letzteres könnte stimmen, dazu kann ich aber nichts sagen, da mein Wissen zu Frege sehr begrenzt ist. Was ich aber bestreiten möchte, ist, dass sich Wittgenstein hier allein mit Frege auseinandersetzte. Ich würde eher dafür plädieren, dass Wittgenstein hier von Frege seinen Ausgang nahm, aber dann eine sehr fruchtbare und hilfreiche Metapher fand, um unsere Begriffsverwendungen auch jenseits aller Logik zu beschreiben. Dabei kann ich mich auf den weiteren Verlauf der Philosophischen Untersuchungen stützen, in dem Wittgenstein viele weitere Beispiele bringt, wo es gar nicht klar ist, so ganz ohne Kontext, was „genau“ eigentlich bedeutet. Ich denke, dass er mit all diesen Metaphern versuchen wollte, ein hilfreicheres Bild zu etablieren, wie wir die faktische Sprachverwendung verstehen können und uns von der philosophischen Suche nach einem letzten, alles beschreibenden Vokabular trennen können.
In der Diskussion nach dem Vortrag ging es dann um „Vagheit“. Ich habe dafür argumentiert, dass „Vagheit“ in jedem Sprachspiel etwas anderes bedeutet, ich denke, dass dies ganz im Sinne des späten Wittgensteins gewesen wäre. Doch ein anwesender Logiker meint, dass „Vagheit“ immer dasselbe bedeuten würde, das heißt auch immer dieselbe Rolle im Spiel spielen würde. Also, dass Vagheit in der Astrophysik dasselbe bedeutet wie beim einparken. Im ersten Falle ist es aber vage, die Entfernung von Erde und Mond nur in Schätzungen anzugeben, die um etliche Kilometer variieren können. Im zweiten Falle ist es vage zu sagen „Ein wenig geht es noch“. Im ersten Spiel ist das ein Problem, im zweiten verwenden wir es erfolgreich.
Vielleicht hängt dies mit der Geschichte des Wiener Kreises zusammen, aber wenn man so etwas behauptet, dann will man meiner Ansicht nach nicht wahr haben, dass die Philosophischen Untersuchungen keine einfache Verlängerung des Tractatus darstellen. Wenn man versucht, einen Begriff sprachspielübergreifend zu sehen, dann verliert man meiner Ansicht nach genau die Kraft, die das Denken des späten Wittgenstein auszeichnet.

Antiessentialisten lesen Darwin

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , , , , on 20. Februar 2009 by sebastian

Darwin ist momentan in aller Munde, so auch in meinem. Wer meinen Blog etwas kennt weiß, dass ich dem Pragmatismus nicht abgeneigt bin. Ich habe die These, dass ein Philosoph, der ernsthaft Darwin liest, ein Pragmatist werden wird. Doch diese These will ich hier nicht verteidigen, sondern es geht mir wieder einmal um Religion.
Meiner Ansicht nach werden die (hegelsche) Vernunft, die alles versteht und verstehbar macht und die Religion niemals zusammenfinden, sie werden niemals verschmelzen, die eine Weltsicht wird für die andere immer unverstehbar bleiben. Das kann man von Kierkegaard lernen. Weiters nehme ich eben deswegen an, dass sich die grammatischen Sätze, die das jeweilige Fundament der beiden Sprachspiele darstellen, unvereinbar sind. Für den, der das Sprachspiel der Wissenschaftlichkeit spielt, wird der Satz „Gott ist allmächtig“ niemals die Bedeutung haben wir für den religiösen Sprachspieler. Das kann man von Wittgenstein lernen. Für den Wissenschaftler ist dieser Satz vielleicht eine falsifizierbare These, für den religiösen Menschen ist er ein grammatischer Satz, der die eigene Weltanschauung regelt. Um Vereinigung und Verstehen kann es also beim Konflikt von Wissenschaft und Theologie nicht gehen. Aber um Toleranz im Angesicht unvereinbarer Überzeugungen, ja vielleicht macht das Wort Toleranz nur hier einen Sinn.
Hat man die Bereiche, die ich hier zu trennen versucht habe, nicht lange Zeit und sehr erfolgreich vermischt? Besteht nicht mindestens die Hälfte der abendländischen Philosophie aus Gottesbeweisen?
Ja, ganz sicher. Aber vielleicht wäre es hilfreicher, wenn man diese beiden Sprachspiele strikter trennt. Vielleicht hat sich hier im Laufe der kulturellen Evolution etwas ereignet, das es sinnvoller erscheinen läßt, in neuer Art über das Problem zu sprechen. Vielleicht hätte es für Menschen, die sich als religiös bezeichnen, ebensolche Vorteile wie für diejenigen, die den Naturwissenschaften frönen wollen.
Die bleibende Trennung, die ich vorschlagen möchte, geht von den Thesen Darwins aus, die von Antiessentialisten wie Richard Rorty und Ludwig Wittgenstein auf die Philosophie übertragen wurden. Demnach gibt es kein Ziel, das die Menschheit erreichen müsste, und die eine bestimmte rationale Methode oder eine bestimmte Art zu sprechen voraussetzt. Wenn man sich deshalb, ganz im Sinne Darwins, von einer Wahrheit als einem Abbildungsverhältnis trennt, dann gibt es keinen Grund mehr, warum ein Sprachspieler verächtlich auf einen anderen blicken sollte, obschon dessen (aus der eigenen Perspektive) scheinbar offensichtlich inadäquaten Beschreibung der Wirklichkeit. Die Abkehr von einer Wahrheit, die man am Wesen der Dinge festmachen möchte, hin zu einer Wahrheit als momentan gerechtfertigter Behauptbarkeit, ist sicher ein philosophischer Schritt auf dem Weg, den Darwin vorgezeigt hat.
Meiner Ansicht nach würde eine solch Toleranz und Demut den Anschauungen anderer Menschen gegenüber auch der Bewegung gut zu Gesicht stehen, die man die „neuen Atheisten“ nennt. Ich möchte hier als Beispiel Richard Dawkins und dessen Buch Der Gotteswahn nennen. Er handelt darin einige Themen ab, bei denen ich ihm durchaus zustimme. Beispielsweise, dass Kinder von religiöser Indoktrination fern gehalten werden sollten, und dass Religion nichts Spezifisches mit ethischem Verhalten zu tun hat, das einem abgeht, wenn man nicht religiös ist.
Dawkins vertritt die Theorie, dass sich Religion als ein Nebenprodukt von anderen Mechanismen entwickelt habe. Grundsätzlich ist das aus dem Munde eines Evolutionsbiologen noch keine verächtliche Beschreibung, denn alle menschlichen Praktiken können als Nebenprodukte einer anderen Funktion beschrieben werden. Doch dann sagt er: „Die allgemeine Theorie, wonach Religion ein Nebenprodukt ist – eine Fehlfunktion eines eigentlich nützlichen Mechanismus –, möchte auch ich vertreten.“ (DAWKINS, Richard: Der Gotteswahn. S. 263) Ganz wie es in einem Buch zu erwarten war, das als eine „Streitschrift wider die Religion“ betitelt wird, stellt Dawkins hier, wie sehr oft, die Religion als irgendwie unnütz und dumm dar und meint das natürlich in einem abschätzigen Sinn. So vergleicht er beispielsweise den religiösen Menschen mit einer Motte, die geblendet in ihren eigenen Tod fliegt und nicht zuletzt nennt sich eine große Schar dieser „neuen Atheisten“ die „Brights“. Natürlich kann Dawkins zu Recht stolz auf die Vernunft, die Wissenschaften und ihren Erfolg sein, doch meiner Ansicht nach verliert er mit seiner Verabsolutierung der wissenschaftlichen Vernunft genau das, was man von Darwin gelernt haben könnte.
Vielleicht könnte man sagen, dass Dawkins einen kantischen Vernunftbegriff voraussetzt. Die Vernunft ist für Dawkins der Schlüssel, die Welt zu verstehen. Nicht zuletzt prangt gleich am Umschlag des Buches der Satz: „Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.“ Das Privileg, die Welt richtig abzubilden, also wahre Sätze zu formulieren, hat laut Dawkins die Naturwissenschaft, hier ist sich die Vernunft quasi selbstdurchsichtig geworden. Vor allem in der Biologie und in Sachen Abstammung hätte Darwin endlich aufgeräumt mit diesen primitiven theologischen Ansichten, die die Wissenschaft gefangen hielten. Für Dawkins ist es Darwin und seiner Evolutionstheorie zu verdanken, dass sich die Naturwissenschaften von der Theologie emanzipieren konnten, da die gesamte Komplexität nun ohne „göttlichen Uhrmacher“ erklärt werden kann. Auf dieser rein wissenschaftstheoretischen Ebene wird ihm auch noch niemand widersprechen. Prekär wird die Sache erst dort, wo Dawkins seine Leidenschaft für naturwissenschaftliche Vernunft und Darwin zu einer Pflichtübung für alle Menschen machen möchte, die den Anspruch erheben, sich „vernünftig“ verhalten zu wollen. Natürlich hat Darwin mit geholfen, meine These, dass Wissenschaft und Religion getrennt bleiben sollen, überhaupt erst denkbar zu machen. Doch aus ebendiesen Thesen Darwins kann man nicht folgern, dass eine der Weltbeschreibungen besser weil adäquater wäre also die andere. Auch wenn Dawkins also den Namen „Darwin“ im Gotteswahn am zweithäufigsten erwähnt, so hat er meiner Ansicht nach die wahre Kraft seiner Theorie im Hinblick auf Toleranz anderen Ansichten gegenüber, nicht erkannt. (Interessanterweise gibt es nur einen Namen, den Dawkins im Gotteswahn öfter nennt als den von Charles Darwin: Jesus von Nazareth. Vgl. S. 558ff)
Eigentlich hat Dawkins „Gott“ durch „Vernunft“ ersetzt, so wie die Essentialisten „Bewusstsein“ mit „Sprache“ ersetzt haben. So hat er das darwinsche Wuchern des Lebensbaumes (oder der Koralle, von der Darwin auch spricht) wieder zu einem Konvergieren zu einem Ziel hin uminterpretiert. Diese Ersetzung macht ihn vielleicht blind dafür, dass die Vernunft kein Hintergrund ist, der alle vereinen wird, wie ein Kant es gerne gesehen hätte. Es macht ihn vielleicht auch blind dafür, dass die Ausübung einer Religion keine Dummheit ist, nur weil man hier nicht alles rational erfassen will. Er verkennt, dass jedes Sprachspiel, auch sein eigenes, grammatische Sätze hat, oder anders gesagt, dass sein Sprachspiel ebenso einen uneinholbaren Hintergrund hat. Und schließlich verkennt er wohl, dass es nach Darwin höchst problematisch ist, eine „wissenschaftlich rationale Vernunft“ als privilegierte Weltbeschreibung zu sehen.
Natürlich kann er immer versuchen, andere Menschen für sein Sprachspiel zu gewinnen, doch untergriffige Diffamierungen des religiösen Menschen als primitive, geblendete Motten zeugen weder von Toleranz noch von Demut im Angesicht der eigenen potentiellen Fehlbarkeit und Relativität.
Vielleicht könnte man sagen, dass Richard Dawkins in den Naturwissenschaften das absolute, cartesische Subjekt endlich verwirklicht zu sehen glaubt, zu dessen Dekonstruktion Charles Darwin so viel beigetragen hat.

Hintergrundgeräusche

Posted in Philosophie, Verwaltung with tags , , , on 18. Februar 2009 by sebastian

Im Zuge eines Seminars über die analytische Realismusdebatte habe ich im letzten Semester eine Arbeit geschrieben, die meine momentanen Ansichten in Sachen Wissen, Wahrheit und Objektivität zusammenfasst. Vielleicht besteht interesse: Hintergrundgeräusche.

Mein momentanes philosophisches Testament, wenn man so will : )

Wittgenstein über Gott

Posted in Zitate with tags , , , , on 13. Februar 2009 by sebastian

„Es ist ein Dogma der römischen Kirche, daß die Existenz Gottes durch die natürliche Vernunft bewiesen werden kann. Wegen dieses Dogmas wäre es unmöglich für mich, Katholik zu sein. Wäre ich der Auffassung, Gott sei ein Wesen wie ich selbst, außerhalb meiner selbst, nur unendlich viel mächtiger, dann würde ich es für meine Pflicht halten, ihm die Stirn zu bieten.“

Wittgenstein in: Rush Rhees: Ludwig Wittgenstein: Portraits und Gespräche. Suhrkamp.