Archiv für Wahrheit

Was sagt man dazu…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , , on 24. Juni 2009 by sebastian

Eine meiner grundlegendsten Überzeugungen ist die, dass die Welt uns nicht sagt, wie wir über sie sprechen müssen. Das meinte auch Nietzsche, wenn er zu Beginn von Jenseits von Gut und Böse sagt, dass Philosophen nichts finden sondern immer erfinden.

Die für mich wichtigste Folgerung daraus ist, dass man sich in Diskussionen nicht auf den „objektiven Standpunkt“ begeben kann. Man seinen Kontext nicht übersteigen, um vom „objektiven Boden des Wissens“ auf die menschlichen Tätigkeiten zu blicken. Man kann die Diskussion nicht mit einem „Die Welt hat meine Aussage gerechtfertigt“ abblocken (man kann „die Welt“ auch durch „mein Gott“ ersetzen)

Ich sage „Dieser Tisch ist braun“ oder ich sage „Dieser Tisch ist schwer“. Ich sage, dass weder die beiden, noch irgendwelche anderen Sätze über den Tisch, sich  näher am „Wesen“ des Tisches befinden. Wenn man so etwas sagt gibt es immer einen, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt „Das war aber doch nun viel basaler, das ist mein direkter, unmittelbarer Eindruck des Tisches.“ – Warum sollte der Satz „Der Tisch bietet Widerstand für schlagende Fäuste“ näher am Wesen des Tisches sein als „Der Tisch ist häßlich“? – Beides ist in Satzform.

Warum kann man aber sagen, dass der Schmerz des auf den Tisch schlagens näher an der Sache dran ist, als „ist häßlich“? Wahrscheinlich, da wir derart abgerichtet wurden. Man hat uns immer gelehrt, dass die primäre Verbindung von der Welt und unserem Wissen durch die Sinne stattfindet. Als ob die Gegenstände uns die Bedeutung gleichsam zuflüsterten, oder unsere Sinne uns das Wesen der Welt, ihre Bedeutung, offenbarten. Die Geschichte der Philosophie ist voll von Versuchen, dieses flüstern zu hören.

Ich glaube, die Welt hat uns nichts zu sagen, sie steht den Wahrheiten der Menschen gleichgültig gegenüber.

Dass unser Ausgangspunkt für all unsere Überzeugungen Sinnesreize an unserer Oberfläche sind, hat Quine sehr schon beschrieben. Er hat diese Art zu reden erfunden. Aber dass daraus keine Bedeutung folgt, war ihm sehr klar. Man kann mit demselben Set an Reizen zu ganz unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Beispielsweise „Die Welt ist von einem Gott geschaffen“ oder „Die Welt ist ein Produkt blinder Kräfte und Gewalten“.

„Aber wie sind denn die Dinge WIRKLICH?“ – Was soll dieses WIRKLICH bedeuten? Stammt diese Frage nicht aus einem ganz bestimmten Bild, wie man „Wissen“ versteht, nämlich als richtige innere Abbildung der äußeren, objektiven Welt? Wenn man „Wahrheit“ anders zu erfassen versucht, dann wird diese Frage unwichtig.

„Aber es gibt doch nun einmal biologische Tatsachen, sieh hin!“ – Hier versucht man, seine eigene, kontingente Art, die Dinge zu betrachten als „gods eyeview“ auszugeben. Gerade die Naturwissenschaften sind so nahe dran, Theologie zu betreiben, dass die ständige Betonung der „Vorläufigkeit all ihrer Aussagen“ befremdlich wirkt. „Alle unsere Forschungsergebnisse sind nur vorläufig, bis sie falsifiziert werden!“ – alle – außer dem Falsifikationskriterium und den anderen Methoden der Wissenschaft.

Ich denke, es würde mehr helfen, wenn Naturwissenschaftler sich nicht als Menschen sehen würden, die mit einer besonderen Methode Wahrheiten über die Welt finden, sondern wenn sie die Naturwissenschaften als ein Werkzeug betrachten würden, das hilft, besser und angenehmer zusammenzuleben.

Was für positive Auswirkungen diese Sichtweise auf beispielsweise die Genderfrage hätte…

Gesetzeskraft

Posted in Philosophie with tags , , , , on 26. März 2009 by sebastian

„Das Selbe kann dem Selben in derselben Art und Weise nicht zugleich zukommen und nicht zukommen“
Den recht berühmten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch formuliert Aristoteles in seiner Metaphysik. Man sollte meinen er ist einleuchtend und klar. Doch er rief auch Widerspruch hervor, den wohl eindringlichsten Einwand formulierte Friedrich Nietzsche. Dieser meinte, in einer relativ späten Phase seines Denkens (der betreffende Aphorismus wurde von Nietzsches Schwester in den „Willen zur Macht“ eingebaut), dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch kein Seinsgesetz ist, sondern ein Denkgesetz für den Menschen. Den Dingen könnte beispielsweise zukommen, zugleich Hart und Weich zu sein, in ebenjener Weise, wie Aristoteles sie ausschließt – aber wir Menschen könnten es aufgrund der Beschaffenheit unseres Denkens niemals nachvollziehen oder erkennen.
Moment! Sagen hier findige Metaphysiker. Aber dadurch, dass Nietzsche hier quasi eine Position außerhalb alles Denkgesetze bezieht, macht er doch selber eine Aussage über das Sein, dass das „bloße Denken“ übersteigt. Indem er sagt, der Satz treffe nur auf unser Denken zu, nicht auf die Dinge, beansprucht er doch eben, jene Dinge erkannt zu haben und nicht „nur“ unser Denken.
So, ohne weiteren Kommentar ist dieser Einwand meiner Ansicht nach auch ziemlich stichhaltig. Doch ich denke, man sollte diese Aussage Nietzsches mehr in seinem Kontext betrachten. Konkret heißt das, dass man seine Umdeutung des Wahrheitsbegriffes mitbedenken sollte, um in Nietzsches Aussage mehr zu sehen als eine Fehlerhafte Abbildung der Gegebenheiten. Denn Nietzsches berühmte Formulierung der „Wahrheit als bewegliches Heer von Metaphern“ bezieht Nietzsche auch auf sich selbst. Auch er selbst spricht in Metaphern, er selbst will für sich keine Abbildungswahrheit beanspruchen.
Er wollte mit dieser Metapher, dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ein Denkgesetz und kein Seinsgesetz sei, vielleicht einen Raum besetzen, der nach der Metapher von Gottes Tod leer geworden war. Vielleicht ist es eine Metapher die dem ihm vorschwebenden Übermenschen, der gelernt hat, ohne Gott, ohne Absolutes zu Leben, hilfreich ist. Vielleicht auch nicht, vielleicht gäbe es bessere Metaphern, Nietzsche hat zumindest immer weiter nach ihnen gesucht.
Ich denke, das wäre spannender, als in Nietzsche einen „bloßen Metaphysiker“ zu sehen, der gedanklich so plump war, dass ihm dieser Widerspruch nicht aufgefallen wäre. Ich denke nicht, dass Nietzsche dieser grobe Fehler unterlaufen ist. Eher glaube ich, dass er keine Wahrheit, keine Seinsgesetze, richtig abbilden wollte, da der „Tod Gottes“ meines Erachtens genau mit dem Abschied von solchen ewigen Seinsgesetzen zu tun hat.

…diese Studie besagt…

Posted in Philosophie with tags , , on 26. Februar 2009 by sebastian

Ich denke am Umgang mit „offiziellen Studien“ zu bestimmten Themen in der öffentlichen Diskussion kann man gut erkennen, was ich meine, wenn ich sage, dass Wahrheit von der Anerkennung der Mehrheit abhängt, nicht von objektiven Fakten.
Sobald der erste eine „offizielle Studie“ aus der Tasche zieht, bezweifeln die anderen Diskussionsteilnehmer einfach die Bedienungen, unter denen diese Studie zustande gekommen ist, oder die Aktualität der Studie und ihrer Bedingungen oder in wie fern sie für das Thema von Belang ist und ähnliches. Das Spektrum für die gesellschaftlich legitimierte Ablehnung der sogenannten „objektiven Fakten“ ist sehr breit. Eben hier zeigt sich sehr schön, dass eine momentan rechtfertigbare Behauptbarkeit erst über einen Konsens von bereits interpretierten Aussagen erreicht wird.
Man könnte sagen „die Welt“ steht unserer „Wahrheit“ überraschend gleichgültig gegenüber.

Bullshit!

Posted in Philosophie with tags , , , on 25. Februar 2009 by sebastian

Harry Frankfurt brachte so etwas wie einen Bestseller der Philosophie heraus, einen von ihm gehaltenen Vortrag Namens On Bullshit. Er will darin versuchen, eine philosophische Theorie des Bullshits zu umreißen. Das ist ein wichtiges Thema, schließlich gäbe es so viel Bullshit, heute wohl mehr als früher. Doch was ist er genau, was ist das Konzept von Bullshit?
Frankfurt geht dafür auf eine autobiographische Notiz von Wittgenstein ein. Als dieser eine Freundin im Krankenhaus besuchte, der die Mandeln entfernt wurden, sagte sie mit brüchiger Stimme „Ich fühle mich wie ein überfahrener Hund“ und Wittgenstein antwortete relativ schroff (wie es wohl so seine Art war) „Unsinn, woher sollten sie wissen, wie sich ein überfahrener Hund fühlt.“
Diese Aussage war laut Frankfurt Bullshit. Es war eine Aussage, die sich einfach nicht um den Wahrheitswert kümmert, das trennt sie von der Lüge. Der Lügende kennt eine „Wahrheit“ (etwas, das so genannt wird) und will diese bewußt verschleiern. Derjenige, der Bullshit verbreitet kümmert sich nicht um den Wahrheitswert, es geht ihm um den Effekt, den sein rhetorischer Bullshit erzielt. Es geht ihm nicht um eine Faktenlage. In diesem Sinne, sagt Frankfurt, ist der Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge.
Bullshit nimmt in unserer Zeit zu, weil es mehr Kommunikation gibt. Er taucht vermehrt dort auf, wo Menschen über Themen sprechen in denen sie keine Experten sind. So ziehen sie Halbwissen heran und verbinden dieses mit Floskeln, um einen Anspruch durchzusetzen, nicht um etwas korrekt darzustellen. Das Problem ist irgendwie damit verbunden, dass man in einer Demokratie zu allem eine politische Meinung haben muss, auch wenn man sich gar nicht wirklich damit befaßt hat.
„The contemporary proliferation of bullshit also has deeper sources, in various forms of skepticism which deny that we can have any reliable access to an objective reality, and which therefore reject the possibility of knowing how things truly are. These ‘antirealist’ doctrines undermine confidence in the value of disinterested efforts to determine what is true and what is false, and even in the intelligibility of the notion of objective inquiry.” (FRANKFURT, Harry: On Bullshit. S. 64f)
Für Frankfurt ist diese antirealistische Bewegung, weg von wahr und falsch, wohl etwas Schlechtes, wie ihre Verbindung zu dem wenig schmeichelhaften Konzept des Bullshits nahelegt. Mir persönlich macht diese Verbindung eher den Bullshit um einiges sympathischer.

Naturwissenschaft als Kulturpolitik

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 20. Juli 2008 by sebastian

Gerne trennt man unsere Kultur in zwei Bereiche, die nicht zusammenhängen. Auf der einen Seite kann man den „harten Bereich“ sehen, auf der anderen den „weichen Bereich“ der Kultur. Im harten Bereich, dort ist die Naturwissenschaft zu finden, dort ist die Wahrheit zuhause. Hier geht es um eine Korrespondenz des Menschen mit einer nichtmenschlichen Welt, die sich vom möglichst genauen und objektiven Forscher abbilden lässt. Dieser Bereich entspricht unserem Streben nach Wahrheit das den Menschen innewohnt.
Im weichen Bereich geht es im Gegensatz dazu um historisch kontingente Ereignisse, um Kunst und um Politik. Kurz in diesem Bereich ist alles zu finden, was sich nur auf Intersubjektivität als Maßstab für Richtigkeit bezieht. Dem entsprechend kann man im „weichen Bereich“, oder man könnte dies auch „Kulturpolitik“ nennen, entscheiden, über welche Dinge wir reden sollten und über welche nicht. Zum Beispiel, ob wir eine geschlechtsneutrale Formulierung verwenden wollen, oder ob wir Randgruppen mit Unschönen Kosenamen belegen etc. Im „harten Bereich“, oder der „Naturwissenschaft“, sieht es so aus, als müsste man sagen „Wir sollen besser über Photonen reden, denn sie existieren nun mal!“
Laut Richard Rorty, der diese Trennung nicht hilfreich findet, sagen die Empiristen, dass die lokale Gemeinschaft nicht alles ist, was es gibt, wir sollten lieber „Verbindung mit der Realität“ aufnehmen um zu sehen, was wirklich wahr ist.
Diese Idee der Kontaktaufnahme mittels der Sinne verwechsle aber Begründungsbeziehungen mit kausalen Beziehungen. Ersteres besteht zwischen Aussagen, letzteres besteht zwischen Ereignissen. Bei den Begründungsbeziehungen geht es vor allem darum, was wir als ausreichende Begründung annehmen oder nicht. Das manche kausalen Beziehungen Aussagen auslösen erklärt allerdings nicht, wie wir zu unseren Meinungen kommen. Dieser Umstand, und dass wir erst eine Ahnung von „Dingen“ haben, sobald wir sprachlich verfasst sind, sprechen gegen einen „unmittelbaren Zugang zur Realität mittels der Sinne“.
Im Endeffekt, so Rorty, verlassen wir uns nicht auf den speziellen Zugang zur Realität den unsere Sinnesorgane bieten, sondern wir glauben demjenigen, den wir für glaubhaft halten. Wenn uns, und diesen Gedanken halte ich für sehr wahr, jemand etwas Unglaubliches berichtet, oder dieser Jemand unglaubwürdig ist, dann hilft auch sein Verweis auf seine sinnliche Erfahrung nichts. Wir sagen dann wohl etwas wie „Seine Methoden waren nicht ausreichend wissenschaftlich!“ um auszudrücken, dass wir ihm nicht glauben, weil unser Weltbild dies nicht zulässt. Auf der anderen Seite könnte man dasselbe auch mit Gotteserfahrung machen. Wenn es in mein Weltbild passt, oder dieser Mensch ausreichend Glaubwürdig ist, dann werde ich ihm zumindest zuhören.
Die Konklusion der Sache ist, dass Aussagen über Gott oder über naturwissenschaftliche Tatsachen beide eine Erwartungshaltung erfüllen müssen, wenn sie von den Zuhörern angenommen werden wollen. „Erfahrung“ hilft nicht dabei, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, worüber wir reden sollten (Kulturpolitik) und dem, worüber wir reden müssen (Naturwissenschaft). Richard Rorty hat sich vor allem in seiner posthum erschienenen Aufsatzsammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ dafür ausgesprochen, diese Trennung fallen zu lassen, und alles als Kulturpolische Fragen zu verstehen.

Ohne Wahrheit werden wir schlechte Menschen…

Posted in Philosophie with tags , , , on 13. Juli 2008 by sebastian

Menschen, die eine kontextualistische Wahrheitsauffassung vertreten werden oft mit einem (vermeintlichen) Totschlagargument konfrontiert. Ein plakatives Beispiel für dieses Totschlagargument war immer schon Nietzsche, der sich (meiner Einschätzung nach in seinem Frühwerk zumindest) für eine Wahrheit als ein „bewegliches Heer von Metaphern“ stark machte. Das bedeutet letztlich, dass es keine fixe Wahrheit gibt, außer dem, was wir uns als Wahrheit anzuerkennen bereit erklären. Durch Nietzsches spätere Konzentration auf den Übermenschen gelang es den Nationalsozialisten, Nietzsche für sich in beschlag zu nehmen.
Damit war diese Art der Wahrheitstheorie (unverschuldet) in Verruf geraten. Ihre Gegner sagten Dinge wie „Seht her, wenn wir die Wahrheit nicht als eine Korrespondenz mit einer dem Menschen übergeordneten und von ihnen unabhängigen Welt sehen, dann gibt es keinen Grund, warum man nicht auch ein Nazi sein sollte!“ Wiederholt kann ich zu diesem Thema auf das früher gezeigte Zitat zum Herrschaftsfreien Diskurs von Richard Rorty hinweisen.
In seiner nun posthum erschienenen Essaysammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ beschreibt Rorty, warum er diesen Vorwurf für unbegründet hält. Denn die Nazis wären aus ihrer restlichen Haltung niemals die Idee gekommen, die Wahrheit zu kontextualisieren. Nichts in ihrem politischen System gibt einen Hinweis darauf, dass eine kontextualisierte Wahrheitsauffassung ihren politischen Zielen hilfreich sein könnte. Nur demokratisch eingestellte Liberale zögen einen Vorteil aus dieser Idee, die viele verschiedene Lebens-, Glaubens- und Denkformen als Gleichwertig nebeneinander stellt, da es keinen objektiven Standpunkt von außerhalb gibt, von dem man bewerten könnte.
Rorty ist also nicht der Ansicht, dass man sich seine Meinung zu grundlegenden (ontologischen) Dingen zurecht legt und sich dann dazu passend eine politische Haltung anfertigt. Viel mehr sei es so, dass man sich zuerst die politische Haltung (in diesem Fall die der liberalen Demokratie) zu eigen macht und daraus resultiert die Kontextualisierung der Wahrheit, die es ermöglicht, noch mehr und unterschiedliche Menschen gleichwertig in das große Gespräch einzubinden. Daher sei der Vorwurf des kontextualistischen Nazis für Pragmatisten keine ernsthafte Schwierigkeit.

Tertiärliteraten unter sich

Posted in Philosophie with tags , , , , on 8. Juli 2008 by sebastian

Diese Replik bezieht sich auf die „Angriffe“ auf die Geisteswissenschaft durch Ulrich Kutschera. Hier kann man den Auslöser nachlesen.

Ulrich Kutschera ist Platoniker. Er denkt, dass die Naturwissenschaften es irgendwie geschafft haben, die erstrebte Ideenwelt zu erkennen. Die Naturwissenschaft habe es obschon ihrer besonderen Methode irgendwie geschafft, mit dem wirklich Wirklichen in Verbindung zu treten. Diese Ansicht wurde im neuzeitlichen „Kampf wider der Theologie“ lange kultiviert und nicht zuletzt von Kant verfeinert, der die Sicherheit, die einem ein Gott geben konnte durch eine Sicherheit die einem die Wahrheit geben kann, ersetzt hat. So suchen also die Naturwissenschaften als Erben der Metaphysik, scheinbar am Fundament alles Wirklichen, mit ganz besonderen, zeitlosen Methoden die Wahrheit. Deswegen können sie uns als einzige sagen, was wirklich ist, also wie die „platonischen Ideen“ aussehen.
Ich halte dieses Verständnis von menschlichen Praktiken für wenig zielführend. Als Ziel, das muss ich ausdrücklich betonen, sehe ich, pragmatistisch und utilitaristisch, die Förderung des Wohls der Menschen. Ein Unterschied muss ein Unterschied sein, der eine bessere, d.h. lebensfreundlichere Praxis ermöglicht. Philosophische Antworten auf diesen Vorwurf der „Sinnlosigkeit der Geisteswissenschaften“ wurden vielfach und von großen Denkern gegeben. Einige Namen die man hier nennen kann: Richard Rorty, Ludwig Wittgenstein, Willard van Orman Quine, Winfried Sellars, Robert Brandom, William James, John Dewey, Hans Georg Gadamer oder auch Friedrich Nietzsche.
Vor allem die letzten beiden traten immer für ein anderes Ziel aller Praktiken ein, als die Wahrheitssuche. Sie meinten, dass der Mensch nicht von einem „Willen zur Wahrheit“ getrieben wird, der ihn über alle anderen Lebewesen und die Kontingenz erhebt und zu einem Bürger im Reich der Objektivität macht, in dem er neben Gott am Festmahl der Wahrheit teilnehmen kann. Sie traten ein für eine Selbstbildung, eine Vervollkommnung der eigenen Lebensgeschichte, sodass man seinen eigenen kontingenten Roman glaubhaft erzählen könnte. Diese Ansicht über Philosophie und menschliche Praktiken überhaupt ist den Ästheten näher als den Naturwissenschaftlern. Hinter beiden Vorstellungen steht im Endeffekt die Idee, dass der Mensch etwas Besonderes sei. Nur über das Warum ist man sich noch nicht einig. Ulrich Kutschera ist der Meinung, der Mensch sei etwas besonderes, weil er an einer übermenschlichen Wahrheit teilhaben kann. Deswegen ist es für ihn so wichtig, die Grenze klar zu ziehen zwischen den Praktiken, die die Wahrheit garantieren und jenen Praktiken, die nichts dazu beitragen. Da die Methode der Naturwissenschaften scheinbar eine andere, am Fundament der Realität ansetzende, ist, muss sie klar von der Methode der Geisteswissenschaften getrennt werden, die „nur“ bei Gesprächen bleibt. John Dewey auf der anderen Seite war der Meinung, dass der Mensch etwas Besonderes sei, da er seine eigene Evolution (durch solche gespräche) beeinflussen kann. Diese Fähigkeiten könnte man nutzen, um eine Welt zu schaffen die für die Menschen lebbarer wird. Aber nicht, weil man mit dem Gott „Wahrheit“ in Verbindung steht, sondern da man mit den anderen Menschen in Verbindung steht.