Archiv für Rorty

Was sagt man dazu…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , , on 24. Juni 2009 by sebastian

Eine meiner grundlegendsten Überzeugungen ist die, dass die Welt uns nicht sagt, wie wir über sie sprechen müssen. Das meinte auch Nietzsche, wenn er zu Beginn von Jenseits von Gut und Böse sagt, dass Philosophen nichts finden sondern immer erfinden.

Die für mich wichtigste Folgerung daraus ist, dass man sich in Diskussionen nicht auf den „objektiven Standpunkt“ begeben kann. Man seinen Kontext nicht übersteigen, um vom „objektiven Boden des Wissens“ auf die menschlichen Tätigkeiten zu blicken. Man kann die Diskussion nicht mit einem „Die Welt hat meine Aussage gerechtfertigt“ abblocken (man kann „die Welt“ auch durch „mein Gott“ ersetzen)

Ich sage „Dieser Tisch ist braun“ oder ich sage „Dieser Tisch ist schwer“. Ich sage, dass weder die beiden, noch irgendwelche anderen Sätze über den Tisch, sich  näher am „Wesen“ des Tisches befinden. Wenn man so etwas sagt gibt es immer einen, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt „Das war aber doch nun viel basaler, das ist mein direkter, unmittelbarer Eindruck des Tisches.“ – Warum sollte der Satz „Der Tisch bietet Widerstand für schlagende Fäuste“ näher am Wesen des Tisches sein als „Der Tisch ist häßlich“? – Beides ist in Satzform.

Warum kann man aber sagen, dass der Schmerz des auf den Tisch schlagens näher an der Sache dran ist, als „ist häßlich“? Wahrscheinlich, da wir derart abgerichtet wurden. Man hat uns immer gelehrt, dass die primäre Verbindung von der Welt und unserem Wissen durch die Sinne stattfindet. Als ob die Gegenstände uns die Bedeutung gleichsam zuflüsterten, oder unsere Sinne uns das Wesen der Welt, ihre Bedeutung, offenbarten. Die Geschichte der Philosophie ist voll von Versuchen, dieses flüstern zu hören.

Ich glaube, die Welt hat uns nichts zu sagen, sie steht den Wahrheiten der Menschen gleichgültig gegenüber.

Dass unser Ausgangspunkt für all unsere Überzeugungen Sinnesreize an unserer Oberfläche sind, hat Quine sehr schon beschrieben. Er hat diese Art zu reden erfunden. Aber dass daraus keine Bedeutung folgt, war ihm sehr klar. Man kann mit demselben Set an Reizen zu ganz unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Beispielsweise „Die Welt ist von einem Gott geschaffen“ oder „Die Welt ist ein Produkt blinder Kräfte und Gewalten“.

„Aber wie sind denn die Dinge WIRKLICH?“ – Was soll dieses WIRKLICH bedeuten? Stammt diese Frage nicht aus einem ganz bestimmten Bild, wie man „Wissen“ versteht, nämlich als richtige innere Abbildung der äußeren, objektiven Welt? Wenn man „Wahrheit“ anders zu erfassen versucht, dann wird diese Frage unwichtig.

„Aber es gibt doch nun einmal biologische Tatsachen, sieh hin!“ – Hier versucht man, seine eigene, kontingente Art, die Dinge zu betrachten als „gods eyeview“ auszugeben. Gerade die Naturwissenschaften sind so nahe dran, Theologie zu betreiben, dass die ständige Betonung der „Vorläufigkeit all ihrer Aussagen“ befremdlich wirkt. „Alle unsere Forschungsergebnisse sind nur vorläufig, bis sie falsifiziert werden!“ – alle – außer dem Falsifikationskriterium und den anderen Methoden der Wissenschaft.

Ich denke, es würde mehr helfen, wenn Naturwissenschaftler sich nicht als Menschen sehen würden, die mit einer besonderen Methode Wahrheiten über die Welt finden, sondern wenn sie die Naturwissenschaften als ein Werkzeug betrachten würden, das hilft, besser und angenehmer zusammenzuleben.

Was für positive Auswirkungen diese Sichtweise auf beispielsweise die Genderfrage hätte…

Antiessentialisten lesen Darwin

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , , , , on 20. Februar 2009 by sebastian

Darwin ist momentan in aller Munde, so auch in meinem. Wer meinen Blog etwas kennt weiß, dass ich dem Pragmatismus nicht abgeneigt bin. Ich habe die These, dass ein Philosoph, der ernsthaft Darwin liest, ein Pragmatist werden wird. Doch diese These will ich hier nicht verteidigen, sondern es geht mir wieder einmal um Religion.
Meiner Ansicht nach werden die (hegelsche) Vernunft, die alles versteht und verstehbar macht und die Religion niemals zusammenfinden, sie werden niemals verschmelzen, die eine Weltsicht wird für die andere immer unverstehbar bleiben. Das kann man von Kierkegaard lernen. Weiters nehme ich eben deswegen an, dass sich die grammatischen Sätze, die das jeweilige Fundament der beiden Sprachspiele darstellen, unvereinbar sind. Für den, der das Sprachspiel der Wissenschaftlichkeit spielt, wird der Satz „Gott ist allmächtig“ niemals die Bedeutung haben wir für den religiösen Sprachspieler. Das kann man von Wittgenstein lernen. Für den Wissenschaftler ist dieser Satz vielleicht eine falsifizierbare These, für den religiösen Menschen ist er ein grammatischer Satz, der die eigene Weltanschauung regelt. Um Vereinigung und Verstehen kann es also beim Konflikt von Wissenschaft und Theologie nicht gehen. Aber um Toleranz im Angesicht unvereinbarer Überzeugungen, ja vielleicht macht das Wort Toleranz nur hier einen Sinn.
Hat man die Bereiche, die ich hier zu trennen versucht habe, nicht lange Zeit und sehr erfolgreich vermischt? Besteht nicht mindestens die Hälfte der abendländischen Philosophie aus Gottesbeweisen?
Ja, ganz sicher. Aber vielleicht wäre es hilfreicher, wenn man diese beiden Sprachspiele strikter trennt. Vielleicht hat sich hier im Laufe der kulturellen Evolution etwas ereignet, das es sinnvoller erscheinen läßt, in neuer Art über das Problem zu sprechen. Vielleicht hätte es für Menschen, die sich als religiös bezeichnen, ebensolche Vorteile wie für diejenigen, die den Naturwissenschaften frönen wollen.
Die bleibende Trennung, die ich vorschlagen möchte, geht von den Thesen Darwins aus, die von Antiessentialisten wie Richard Rorty und Ludwig Wittgenstein auf die Philosophie übertragen wurden. Demnach gibt es kein Ziel, das die Menschheit erreichen müsste, und die eine bestimmte rationale Methode oder eine bestimmte Art zu sprechen voraussetzt. Wenn man sich deshalb, ganz im Sinne Darwins, von einer Wahrheit als einem Abbildungsverhältnis trennt, dann gibt es keinen Grund mehr, warum ein Sprachspieler verächtlich auf einen anderen blicken sollte, obschon dessen (aus der eigenen Perspektive) scheinbar offensichtlich inadäquaten Beschreibung der Wirklichkeit. Die Abkehr von einer Wahrheit, die man am Wesen der Dinge festmachen möchte, hin zu einer Wahrheit als momentan gerechtfertigter Behauptbarkeit, ist sicher ein philosophischer Schritt auf dem Weg, den Darwin vorgezeigt hat.
Meiner Ansicht nach würde eine solch Toleranz und Demut den Anschauungen anderer Menschen gegenüber auch der Bewegung gut zu Gesicht stehen, die man die „neuen Atheisten“ nennt. Ich möchte hier als Beispiel Richard Dawkins und dessen Buch Der Gotteswahn nennen. Er handelt darin einige Themen ab, bei denen ich ihm durchaus zustimme. Beispielsweise, dass Kinder von religiöser Indoktrination fern gehalten werden sollten, und dass Religion nichts Spezifisches mit ethischem Verhalten zu tun hat, das einem abgeht, wenn man nicht religiös ist.
Dawkins vertritt die Theorie, dass sich Religion als ein Nebenprodukt von anderen Mechanismen entwickelt habe. Grundsätzlich ist das aus dem Munde eines Evolutionsbiologen noch keine verächtliche Beschreibung, denn alle menschlichen Praktiken können als Nebenprodukte einer anderen Funktion beschrieben werden. Doch dann sagt er: „Die allgemeine Theorie, wonach Religion ein Nebenprodukt ist – eine Fehlfunktion eines eigentlich nützlichen Mechanismus –, möchte auch ich vertreten.“ (DAWKINS, Richard: Der Gotteswahn. S. 263) Ganz wie es in einem Buch zu erwarten war, das als eine „Streitschrift wider die Religion“ betitelt wird, stellt Dawkins hier, wie sehr oft, die Religion als irgendwie unnütz und dumm dar und meint das natürlich in einem abschätzigen Sinn. So vergleicht er beispielsweise den religiösen Menschen mit einer Motte, die geblendet in ihren eigenen Tod fliegt und nicht zuletzt nennt sich eine große Schar dieser „neuen Atheisten“ die „Brights“. Natürlich kann Dawkins zu Recht stolz auf die Vernunft, die Wissenschaften und ihren Erfolg sein, doch meiner Ansicht nach verliert er mit seiner Verabsolutierung der wissenschaftlichen Vernunft genau das, was man von Darwin gelernt haben könnte.
Vielleicht könnte man sagen, dass Dawkins einen kantischen Vernunftbegriff voraussetzt. Die Vernunft ist für Dawkins der Schlüssel, die Welt zu verstehen. Nicht zuletzt prangt gleich am Umschlag des Buches der Satz: „Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.“ Das Privileg, die Welt richtig abzubilden, also wahre Sätze zu formulieren, hat laut Dawkins die Naturwissenschaft, hier ist sich die Vernunft quasi selbstdurchsichtig geworden. Vor allem in der Biologie und in Sachen Abstammung hätte Darwin endlich aufgeräumt mit diesen primitiven theologischen Ansichten, die die Wissenschaft gefangen hielten. Für Dawkins ist es Darwin und seiner Evolutionstheorie zu verdanken, dass sich die Naturwissenschaften von der Theologie emanzipieren konnten, da die gesamte Komplexität nun ohne „göttlichen Uhrmacher“ erklärt werden kann. Auf dieser rein wissenschaftstheoretischen Ebene wird ihm auch noch niemand widersprechen. Prekär wird die Sache erst dort, wo Dawkins seine Leidenschaft für naturwissenschaftliche Vernunft und Darwin zu einer Pflichtübung für alle Menschen machen möchte, die den Anspruch erheben, sich „vernünftig“ verhalten zu wollen. Natürlich hat Darwin mit geholfen, meine These, dass Wissenschaft und Religion getrennt bleiben sollen, überhaupt erst denkbar zu machen. Doch aus ebendiesen Thesen Darwins kann man nicht folgern, dass eine der Weltbeschreibungen besser weil adäquater wäre also die andere. Auch wenn Dawkins also den Namen „Darwin“ im Gotteswahn am zweithäufigsten erwähnt, so hat er meiner Ansicht nach die wahre Kraft seiner Theorie im Hinblick auf Toleranz anderen Ansichten gegenüber, nicht erkannt. (Interessanterweise gibt es nur einen Namen, den Dawkins im Gotteswahn öfter nennt als den von Charles Darwin: Jesus von Nazareth. Vgl. S. 558ff)
Eigentlich hat Dawkins „Gott“ durch „Vernunft“ ersetzt, so wie die Essentialisten „Bewusstsein“ mit „Sprache“ ersetzt haben. So hat er das darwinsche Wuchern des Lebensbaumes (oder der Koralle, von der Darwin auch spricht) wieder zu einem Konvergieren zu einem Ziel hin uminterpretiert. Diese Ersetzung macht ihn vielleicht blind dafür, dass die Vernunft kein Hintergrund ist, der alle vereinen wird, wie ein Kant es gerne gesehen hätte. Es macht ihn vielleicht auch blind dafür, dass die Ausübung einer Religion keine Dummheit ist, nur weil man hier nicht alles rational erfassen will. Er verkennt, dass jedes Sprachspiel, auch sein eigenes, grammatische Sätze hat, oder anders gesagt, dass sein Sprachspiel ebenso einen uneinholbaren Hintergrund hat. Und schließlich verkennt er wohl, dass es nach Darwin höchst problematisch ist, eine „wissenschaftlich rationale Vernunft“ als privilegierte Weltbeschreibung zu sehen.
Natürlich kann er immer versuchen, andere Menschen für sein Sprachspiel zu gewinnen, doch untergriffige Diffamierungen des religiösen Menschen als primitive, geblendete Motten zeugen weder von Toleranz noch von Demut im Angesicht der eigenen potentiellen Fehlbarkeit und Relativität.
Vielleicht könnte man sagen, dass Richard Dawkins in den Naturwissenschaften das absolute, cartesische Subjekt endlich verwirklicht zu sehen glaubt, zu dessen Dekonstruktion Charles Darwin so viel beigetragen hat.

Hintergrundgeräusche

Posted in Philosophie, Verwaltung with tags , , , on 18. Februar 2009 by sebastian

Im Zuge eines Seminars über die analytische Realismusdebatte habe ich im letzten Semester eine Arbeit geschrieben, die meine momentanen Ansichten in Sachen Wissen, Wahrheit und Objektivität zusammenfasst. Vielleicht besteht interesse: Hintergrundgeräusche.

Mein momentanes philosophisches Testament, wenn man so will : )

…vielleicht Geschichten erzählen…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , on 17. Januar 2009 by sebastian

Ich möchte also den Faden vom letzten Eintrag aufzunehmen. Ich denke, dass man vielleicht hier den (Neo)Pragmatismus in die Nähe des Poststrukturalismus rücken kann, dass man der Wahrheitsdebatte im analytischen Kontext vielleicht nur hier einen größeren Sinn abgewinnen kann. Die für mich hier wichtige Idee im Poststrukturalismus besagt, dass auch das Subjekt kein kontextloses Fundament, kein Starpunkt für alles andere darstellt. Das wollte beispielsweise Lacan mit dem Spiegelstadium darstellen und Levinas mit dem Denken der Alterität. Kurz zusammengefaßt besagt das Lacan’sche Spiegelstadium (für diesen Kontext), dass mein Subjekt-sein immer von anderen konstituiert ist. Ich sehe mich quasi durch die Augen der Anderen. Levinas ging so weit, nur das „Subjekt“ zu nennen, was den Ansprüchen der anderen, der Alterität wie er es nannte, antwortet.
Was diese Autoren mit dem Vokabular der Psychoanalyse oder der Metaphysik versucht haben, kann man – meiner Ansicht nach – bei Richard Rorty in einem analytisch geprägten Umfeld finden. Auch hier lautet das Problem: Warum haben wir nicht schon lange das Wesen der Welt richtig erkannt? Auch bei Rorty kann man die im letzten Eintrag erwähnte Ablehnung der Abbildungswahrheit finden (auf seinen Lösungsvorschlag bin ich in diesem Blog schon etliche Male eingegangen). Seine Erklärung dafür, warum das Subjekt nicht zur „wahrheitsgetreuen“ Abbildung der Welt imstande ist, ist eher Darwinistisch – es ging immer ums funktionieren. Was am besten funktioniert, das setzt sich durch.
In Zeiten von Hochkulturen und einer geistigen Evolution die nicht vom Kampf ums nackte Überleben überschattet ist, hat der Mensch sein großes Gehirn kreativ benutzt und mit dem vorliegenden Faktenmaterial verschiedene Geschichten erzählt (die alle zulässig sind, da die Welt nicht sagt wie wir über sie sprechen sollen). Eine der Geschichten heißt Religion, eine heißt Wissenschaft, eine Metaphysik, eine Pragmatismus, eine Poststrukturalismus, und so weiter.
Beim Poststrukturalismus folgt aus dem rein logischen Problem der konsistenten Selbstanwendung des Strukturalismus, dass man auch das Subjekt und dessen Anspruch auf Wahrheit auf eine neue Art beschreibt (Im Modus des vielleicht bei Derrida, im Modus des futur anterieur bei Lyotard,…). Doch was sagt der (Neo)Pragmatismus, warum ich meine Ansichten so weit relativieren sollte, als das ich anerkenne, nicht die letzte Wahrheit zu besitzen? Es ist die emphatische Konzentration auf die Zukunft. Die Zukunft ist das alles entscheidende Ziel für den Pragmatisten, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft treibt für den Pragmatisten alles Denken und Handeln an. Das ist hier auch der Grund, warum ich meine Meinung ändern können sollte – vielleicht kommt ja in Zukunft eine noch bessere Beschreibung, die ein noch besseres Leben ermöglicht, warum sollte ich dann stur auf meiner „alten Meinung“ hocken bleiben? Weil ich sie von Gott habe? Weil sie die Welt richtig abbildet? Weil ich die großen Gesetze hinter der Wirklichkeit erkannt habe? Nein, das führt für Rorty zu nichts, außer zu Rechthaberei und im weiteren zu Blutvergießen.
Wenn man Rorty (und alle anderen „Antirealisten“) rein als Erkenntnistheoretiker liest, dann haben sie natürlich keine „guten Argumente“, warum man den epistemischen Realismus aufgeben sollte, und meiner Ansicht nach blendet man auch eine wichtige (vielleicht die wichtigste) Dimension dieser „antirealistischen Überlegungen“ aus. Erst mit diesem, von der Ethik inspirierten, hinwenden zum zukünftigen Besseren ist meiner Ansicht nach der Impuls gegeben, der auch für Rorty ausreicht um die leidliche (wissenschaftliche) Debatte „Realismus oder Antirealismus“ auf ein gemeinsames Ziel hin gerichtet hinter sich zu lassen, um neue, kreativere Geschichten zu erzählen…

Eigenwerbung

Posted in Verwaltung with tags , , , on 1. August 2008 by sebastian

An dieser Stelle möchte ich kurz Werbung in eigener Sache machen. Es gibt im Internet das sogenannte Textfeld zu finden. Auf dieser Seite kann man universitäre Arbeiten (bis hin zur Diplomarbeit) online verfügbar machen, und so einem größeren Publikum zugänglich machen. Da die Fakultät für Philosophie von der Universität Wien dort reichlich unterbesetzt ist, habe ich mich vor einiger Zeit auch angemeldet und nunmehr schon 2 Arbeiten dort veröffentlicht. Die eine handelt (überraschenderweise) von Richard Rorty und der Objektivität. Die andere handelt von Andrew Newbergs Buch Der gedachte Gott.

Wen jemand interesse hat… ; )

Naturwissenschaft als Kulturpolitik

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 20. Juli 2008 by sebastian

Gerne trennt man unsere Kultur in zwei Bereiche, die nicht zusammenhängen. Auf der einen Seite kann man den „harten Bereich“ sehen, auf der anderen den „weichen Bereich“ der Kultur. Im harten Bereich, dort ist die Naturwissenschaft zu finden, dort ist die Wahrheit zuhause. Hier geht es um eine Korrespondenz des Menschen mit einer nichtmenschlichen Welt, die sich vom möglichst genauen und objektiven Forscher abbilden lässt. Dieser Bereich entspricht unserem Streben nach Wahrheit das den Menschen innewohnt.
Im weichen Bereich geht es im Gegensatz dazu um historisch kontingente Ereignisse, um Kunst und um Politik. Kurz in diesem Bereich ist alles zu finden, was sich nur auf Intersubjektivität als Maßstab für Richtigkeit bezieht. Dem entsprechend kann man im „weichen Bereich“, oder man könnte dies auch „Kulturpolitik“ nennen, entscheiden, über welche Dinge wir reden sollten und über welche nicht. Zum Beispiel, ob wir eine geschlechtsneutrale Formulierung verwenden wollen, oder ob wir Randgruppen mit Unschönen Kosenamen belegen etc. Im „harten Bereich“, oder der „Naturwissenschaft“, sieht es so aus, als müsste man sagen „Wir sollen besser über Photonen reden, denn sie existieren nun mal!“
Laut Richard Rorty, der diese Trennung nicht hilfreich findet, sagen die Empiristen, dass die lokale Gemeinschaft nicht alles ist, was es gibt, wir sollten lieber „Verbindung mit der Realität“ aufnehmen um zu sehen, was wirklich wahr ist.
Diese Idee der Kontaktaufnahme mittels der Sinne verwechsle aber Begründungsbeziehungen mit kausalen Beziehungen. Ersteres besteht zwischen Aussagen, letzteres besteht zwischen Ereignissen. Bei den Begründungsbeziehungen geht es vor allem darum, was wir als ausreichende Begründung annehmen oder nicht. Das manche kausalen Beziehungen Aussagen auslösen erklärt allerdings nicht, wie wir zu unseren Meinungen kommen. Dieser Umstand, und dass wir erst eine Ahnung von „Dingen“ haben, sobald wir sprachlich verfasst sind, sprechen gegen einen „unmittelbaren Zugang zur Realität mittels der Sinne“.
Im Endeffekt, so Rorty, verlassen wir uns nicht auf den speziellen Zugang zur Realität den unsere Sinnesorgane bieten, sondern wir glauben demjenigen, den wir für glaubhaft halten. Wenn uns, und diesen Gedanken halte ich für sehr wahr, jemand etwas Unglaubliches berichtet, oder dieser Jemand unglaubwürdig ist, dann hilft auch sein Verweis auf seine sinnliche Erfahrung nichts. Wir sagen dann wohl etwas wie „Seine Methoden waren nicht ausreichend wissenschaftlich!“ um auszudrücken, dass wir ihm nicht glauben, weil unser Weltbild dies nicht zulässt. Auf der anderen Seite könnte man dasselbe auch mit Gotteserfahrung machen. Wenn es in mein Weltbild passt, oder dieser Mensch ausreichend Glaubwürdig ist, dann werde ich ihm zumindest zuhören.
Die Konklusion der Sache ist, dass Aussagen über Gott oder über naturwissenschaftliche Tatsachen beide eine Erwartungshaltung erfüllen müssen, wenn sie von den Zuhörern angenommen werden wollen. „Erfahrung“ hilft nicht dabei, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, worüber wir reden sollten (Kulturpolitik) und dem, worüber wir reden müssen (Naturwissenschaft). Richard Rorty hat sich vor allem in seiner posthum erschienenen Aufsatzsammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ dafür ausgesprochen, diese Trennung fallen zu lassen, und alles als Kulturpolische Fragen zu verstehen.

Ohne Wahrheit werden wir schlechte Menschen…

Posted in Philosophie with tags , , , on 13. Juli 2008 by sebastian

Menschen, die eine kontextualistische Wahrheitsauffassung vertreten werden oft mit einem (vermeintlichen) Totschlagargument konfrontiert. Ein plakatives Beispiel für dieses Totschlagargument war immer schon Nietzsche, der sich (meiner Einschätzung nach in seinem Frühwerk zumindest) für eine Wahrheit als ein „bewegliches Heer von Metaphern“ stark machte. Das bedeutet letztlich, dass es keine fixe Wahrheit gibt, außer dem, was wir uns als Wahrheit anzuerkennen bereit erklären. Durch Nietzsches spätere Konzentration auf den Übermenschen gelang es den Nationalsozialisten, Nietzsche für sich in beschlag zu nehmen.
Damit war diese Art der Wahrheitstheorie (unverschuldet) in Verruf geraten. Ihre Gegner sagten Dinge wie „Seht her, wenn wir die Wahrheit nicht als eine Korrespondenz mit einer dem Menschen übergeordneten und von ihnen unabhängigen Welt sehen, dann gibt es keinen Grund, warum man nicht auch ein Nazi sein sollte!“ Wiederholt kann ich zu diesem Thema auf das früher gezeigte Zitat zum Herrschaftsfreien Diskurs von Richard Rorty hinweisen.
In seiner nun posthum erschienenen Essaysammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ beschreibt Rorty, warum er diesen Vorwurf für unbegründet hält. Denn die Nazis wären aus ihrer restlichen Haltung niemals die Idee gekommen, die Wahrheit zu kontextualisieren. Nichts in ihrem politischen System gibt einen Hinweis darauf, dass eine kontextualisierte Wahrheitsauffassung ihren politischen Zielen hilfreich sein könnte. Nur demokratisch eingestellte Liberale zögen einen Vorteil aus dieser Idee, die viele verschiedene Lebens-, Glaubens- und Denkformen als Gleichwertig nebeneinander stellt, da es keinen objektiven Standpunkt von außerhalb gibt, von dem man bewerten könnte.
Rorty ist also nicht der Ansicht, dass man sich seine Meinung zu grundlegenden (ontologischen) Dingen zurecht legt und sich dann dazu passend eine politische Haltung anfertigt. Viel mehr sei es so, dass man sich zuerst die politische Haltung (in diesem Fall die der liberalen Demokratie) zu eigen macht und daraus resultiert die Kontextualisierung der Wahrheit, die es ermöglicht, noch mehr und unterschiedliche Menschen gleichwertig in das große Gespräch einzubinden. Daher sei der Vorwurf des kontextualistischen Nazis für Pragmatisten keine ernsthafte Schwierigkeit.