Archiv für Philosophische Untersuchungen

Wittgenstein und Vagheit

Posted in Philosophie with tags , , , , on 6. Juni 2009 by sebastian

Letzen Donnerstag gab es im Kolloquium des Wiener Kreises einen Vortrag zu „Wittgensteins Skeptizismus in den Philosophischen Untersuchungen“. Schon alleine der Titel verwunderte mich (ich konnte ihn auch für mich nicht mit Bedeutung füllen). Jedenfalls ging es um ein Gleichnis, dass Frege entwarf und Wittgenstein sehr gewinnbringend übernahm: das Gleichnis der Sprache als Stadt. Bei Frege wird dies daraufhin ausgebaut, dass Bezirke in einer Stadt immer klar abgetrennt sein müssen, sonst kann man sie nicht Bezirk nennen. Es muss also – um es auf Freges Intention umzulegen – jeder Begriff eindeutig in einem Bezirk zu verorten sein, anders gesagt ihm müssen eindeutige Inhalte zukommen. Ein unscharfer Begriff ist demnach kein Begriff.
Wittgenstein trieb dieses Beispiel in eine ganz andere Richtung. Er meinte, dass hier nicht klar sei, was „klar abgetrennt“ hießen soll. Denn wenn diese Bezirke mit einem Kreidestrich getrennt sind, habe der Strich immer noch eine dicke, etc. Vielleicht sollte man eher eine Farbgrenze verwenden. Doch hilft das noch? Wittgenstein verneint, hier laufe die Sprache leer. Es sei einfach nicht unser Ziel, immer die größtmögliche und noch dazu kontextlose Genauigkeit zu erreichen. Wie soll man sich Genauigkeit überhaupt vorstellen, ohne ein „Genau, im Hinblick auf…“?
In diesem Vortrag nun wurde die Sache so dargstellt, dass Wittgenstein hier ausschließlich Freges Bild kritisierte und dass Frege es gar nicht so plump gemeint habe, Wittgensteins Kritik also unberechtigt sei. Gut, letzteres könnte stimmen, dazu kann ich aber nichts sagen, da mein Wissen zu Frege sehr begrenzt ist. Was ich aber bestreiten möchte, ist, dass sich Wittgenstein hier allein mit Frege auseinandersetzte. Ich würde eher dafür plädieren, dass Wittgenstein hier von Frege seinen Ausgang nahm, aber dann eine sehr fruchtbare und hilfreiche Metapher fand, um unsere Begriffsverwendungen auch jenseits aller Logik zu beschreiben. Dabei kann ich mich auf den weiteren Verlauf der Philosophischen Untersuchungen stützen, in dem Wittgenstein viele weitere Beispiele bringt, wo es gar nicht klar ist, so ganz ohne Kontext, was „genau“ eigentlich bedeutet. Ich denke, dass er mit all diesen Metaphern versuchen wollte, ein hilfreicheres Bild zu etablieren, wie wir die faktische Sprachverwendung verstehen können und uns von der philosophischen Suche nach einem letzten, alles beschreibenden Vokabular trennen können.
In der Diskussion nach dem Vortrag ging es dann um „Vagheit“. Ich habe dafür argumentiert, dass „Vagheit“ in jedem Sprachspiel etwas anderes bedeutet, ich denke, dass dies ganz im Sinne des späten Wittgensteins gewesen wäre. Doch ein anwesender Logiker meint, dass „Vagheit“ immer dasselbe bedeuten würde, das heißt auch immer dieselbe Rolle im Spiel spielen würde. Also, dass Vagheit in der Astrophysik dasselbe bedeutet wie beim einparken. Im ersten Falle ist es aber vage, die Entfernung von Erde und Mond nur in Schätzungen anzugeben, die um etliche Kilometer variieren können. Im zweiten Falle ist es vage zu sagen „Ein wenig geht es noch“. Im ersten Spiel ist das ein Problem, im zweiten verwenden wir es erfolgreich.
Vielleicht hängt dies mit der Geschichte des Wiener Kreises zusammen, aber wenn man so etwas behauptet, dann will man meiner Ansicht nach nicht wahr haben, dass die Philosophischen Untersuchungen keine einfache Verlängerung des Tractatus darstellen. Wenn man versucht, einen Begriff sprachspielübergreifend zu sehen, dann verliert man meiner Ansicht nach genau die Kraft, die das Denken des späten Wittgenstein auszeichnet.

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