Archiv für Philosophie

Revival / Farben

Posted in Philosophie with tags , , , , on 16. März 2011 by sebastian

Ich plane ein Revival dieses Blogs und möchte mich bei all den Antwortenden entschuldigen, deren Beitrag ich nicht entsprechend gewürdigt habe. In der Phase der Diplomarbeit musste ich meine Energien von einigen Dingen abziehen. Vielen Dank an alle, die mir ihre Ansichten hinterlassen haben. Von nun an bin ich wieder „brav“ und antworte auch.
Und damit man sieht, dass ich es ernst meine, gleich ein paar Dinge, die mich aktuell beschäftigen. Weil es recht frisch ist, ist es auch unzusammenhängend.

„Ich weiß doch, wie es ist, Rot zu sehen und kann mich darin nicht irren“
Weiß man so etwas? Ich möchte sagen: Nein.

Hier muss man zwei Ebenen trennen.
1)    Ein Satz möchte eine Beziehung zwischen mir und einer Tatsache ausdrücken
2)    Ein Satz möchte die Beziehung zwischen mir und einem Bewußtseinsinhalt ausdrücken.
Der Satz, um den es geht, st vom Typ 2. Ich soll wissen, wie es sich für mich anfühlt, Rot zu sehen. Ich soll nicht unfehlbar darin sein, rote Gegenstände zu identifizieren.

Wissen wird üblicherweise als gerechtfertigte, wahre Überzeugung  definiert.
Ich weiß wie es ist, Rot zu sehen ist meiner Ansicht nach kein Wissen, weil die Rechtfertigung fehlt.

Man stelle sich vor:
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, Rot zu sehen!“
„Warum weißt du das? Und wie?“
„Naja ich habe immer diese Sensation wenn ich rote Gegenstände sehe“
„Aber es gibt optische Täuschungen, die eine Farbe vorgaukeln, die gar nicht da ist?“
„Egal, wenn man mir Rot vorgaukelt, habe ich das Rot-erlebnis“
„Das heißt dein Rot-erlebnis ist nicht abhängig von der Anwesenheit roter Gegenstände“
„Scheint so, aber ich kann mich darin nicht irren, dass ich Rot zu sehen glaubte“
„Dann geht es aber nicht mehr um ein Wissen sondern um ein Glauben. Wissen muss man rechtfertigen können und es soll eine Beziehung zwischen dir und Tatsachen herstellen. Du kannst dich hier aber nicht rechtfertigen, denn das Sprachspiel der Farbwahrnehmung ist so aufgebaut, dass es hier endet. Hier herrscht eine Gewissheit, aber kein Wissen. Denn für Wissen muss man Gründe anführen können.“
Dh ich kann die Gewissheit haben, rot zu sehen, aber Wissen kann ich es nicht. Selbiges gilt für Schmerzen. Hier endet das Sprachspiel.

Das bedeutet, auf lange Sicht gesehen, dass es keine Trennung zwischen physischen und psychischen Zuständen gibt, sondern eine Unterscheidung von Sprechweisen und ihren Grammatiken.

Das Mentale muss keine Nicht-physische Sache sein.

Was sagt man dazu…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , , on 24. Juni 2009 by sebastian

Eine meiner grundlegendsten Überzeugungen ist die, dass die Welt uns nicht sagt, wie wir über sie sprechen müssen. Das meinte auch Nietzsche, wenn er zu Beginn von Jenseits von Gut und Böse sagt, dass Philosophen nichts finden sondern immer erfinden.

Die für mich wichtigste Folgerung daraus ist, dass man sich in Diskussionen nicht auf den „objektiven Standpunkt“ begeben kann. Man seinen Kontext nicht übersteigen, um vom „objektiven Boden des Wissens“ auf die menschlichen Tätigkeiten zu blicken. Man kann die Diskussion nicht mit einem „Die Welt hat meine Aussage gerechtfertigt“ abblocken (man kann „die Welt“ auch durch „mein Gott“ ersetzen)

Ich sage „Dieser Tisch ist braun“ oder ich sage „Dieser Tisch ist schwer“. Ich sage, dass weder die beiden, noch irgendwelche anderen Sätze über den Tisch, sich  näher am „Wesen“ des Tisches befinden. Wenn man so etwas sagt gibt es immer einen, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt „Das war aber doch nun viel basaler, das ist mein direkter, unmittelbarer Eindruck des Tisches.“ – Warum sollte der Satz „Der Tisch bietet Widerstand für schlagende Fäuste“ näher am Wesen des Tisches sein als „Der Tisch ist häßlich“? – Beides ist in Satzform.

Warum kann man aber sagen, dass der Schmerz des auf den Tisch schlagens näher an der Sache dran ist, als „ist häßlich“? Wahrscheinlich, da wir derart abgerichtet wurden. Man hat uns immer gelehrt, dass die primäre Verbindung von der Welt und unserem Wissen durch die Sinne stattfindet. Als ob die Gegenstände uns die Bedeutung gleichsam zuflüsterten, oder unsere Sinne uns das Wesen der Welt, ihre Bedeutung, offenbarten. Die Geschichte der Philosophie ist voll von Versuchen, dieses flüstern zu hören.

Ich glaube, die Welt hat uns nichts zu sagen, sie steht den Wahrheiten der Menschen gleichgültig gegenüber.

Dass unser Ausgangspunkt für all unsere Überzeugungen Sinnesreize an unserer Oberfläche sind, hat Quine sehr schon beschrieben. Er hat diese Art zu reden erfunden. Aber dass daraus keine Bedeutung folgt, war ihm sehr klar. Man kann mit demselben Set an Reizen zu ganz unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Beispielsweise „Die Welt ist von einem Gott geschaffen“ oder „Die Welt ist ein Produkt blinder Kräfte und Gewalten“.

„Aber wie sind denn die Dinge WIRKLICH?“ – Was soll dieses WIRKLICH bedeuten? Stammt diese Frage nicht aus einem ganz bestimmten Bild, wie man „Wissen“ versteht, nämlich als richtige innere Abbildung der äußeren, objektiven Welt? Wenn man „Wahrheit“ anders zu erfassen versucht, dann wird diese Frage unwichtig.

„Aber es gibt doch nun einmal biologische Tatsachen, sieh hin!“ – Hier versucht man, seine eigene, kontingente Art, die Dinge zu betrachten als „gods eyeview“ auszugeben. Gerade die Naturwissenschaften sind so nahe dran, Theologie zu betreiben, dass die ständige Betonung der „Vorläufigkeit all ihrer Aussagen“ befremdlich wirkt. „Alle unsere Forschungsergebnisse sind nur vorläufig, bis sie falsifiziert werden!“ – alle – außer dem Falsifikationskriterium und den anderen Methoden der Wissenschaft.

Ich denke, es würde mehr helfen, wenn Naturwissenschaftler sich nicht als Menschen sehen würden, die mit einer besonderen Methode Wahrheiten über die Welt finden, sondern wenn sie die Naturwissenschaften als ein Werkzeug betrachten würden, das hilft, besser und angenehmer zusammenzuleben.

Was für positive Auswirkungen diese Sichtweise auf beispielsweise die Genderfrage hätte…

Holocaustleugner, der Papst und Kierkegaard

Posted in Religion with tags , , , , on 5. Februar 2009 by sebastian

In Anbetracht des meines Erachtens nach skandalösen Benehmen des Oberhauptes der katholischen Kirche, möchte ich ein wenig was dazu sagen.
Nach einer scharfen Zurechtweisung von Angela Merkel reagiert der Papst also empört. Sehr interessant. Doch noch interessanter finde ich daran die Kritik derjenigen Menschen, die sich „Katholiken“ nennen, oder doch zumindest bei der Erhaltung dieses Vereins beteiligt sind. Sie bleibt nämlich, wenig überraschend, wieder einmal aus, oder dort wo sie geübt wird ist sie ein zahnloser und gezwungen anmutender Gestus.
Moment, könnte man mir hier entgegnen: „Es gibt doch wohl nachweislich genügend öffentliche Einsprüche gegen die neusten Aktionen des Papstes, z.B. bei der Rehabilitierung von Holocaust Leugnern und beim Einsetzen eines theologischen Fundamentalisten in hohe kirchliche Ämter!“
Da mag etwas dran sein, ich hab die leeren Worthülsen auch gehört. Aber: Hat das den Papst beeindruckt? Oder irgendjemanden im Vatikan? Oder hat es einen Kirchenzweifler davon überzeugt, dass „die Katholiken“ ja eigentlich doch keine so üblen Gesellen sind? Ich denke nicht.
Aber, so kann man weiter einwenden: „Das sagt ja nur der Papst, aber bei den einzelnen Gläubigen in den Kirchen ist das ganz anders!“
Da mag etwas dran sein, ich möchte das mit einem Zitat beantworten, das man hier nachlesen kann, indem man aber „akademische Linke“ für diese zwecke durch „Katholiken“ ersetzen muss. Meiner Ansicht nach stellt die Situation der selbsternannten „rechtschaffenen, aber nicht erhörten Gläubigen“ genau so eine Struktur der Selbstlegitimierung in der eigenen Untätigkeit dar.
Die These die ich vorbringen möchte, ist an Kierkegaard angelehnt: Wenn es diesen Menschen, diesen „aufrechten Katholiken“ die dem Vatikan widersprechen, wenn es diesen Menschen mit ihrem Glauben ernst wäre, dann gäbe es die Struktur der katholischen Amtskirche nicht mehr. Dann wären die meisten Menschen schon aus der Kirche ausgetreten und die letzten Fundamentalisten wären ein trauriger aber theologisch wie politisch bedeutungsloser Haufen. Aber es ist eher wie Kierkegaard schon anprangerte: Die Einzelnen lassen sich hier von den Sicherheiten, die das Allgemeine ihnen bietet einlullen, sie bleiben in einer uneigentlichen Allgemeinheit gefangen, sie ergreifen sich nicht selbst, sie sind Sklaven des Allgemeinen.
Ich hege indes keine Hoffnung, dass sich an dieser katholischen Struktur etwas ändert. Der Punkt, der mich aufregt ist dieser unhinterfragte Selbstbetrug, diese Trennung von der „Kirche für uns Gläubigen“ und in die „Kirche des Vatikans“. Hier ist der religiöse Glaube unauthentisch, er ist eine Entschuldigung, ein Placebo für eigene Ängste.
„Ja wirklich schrecklich was der Papst da schon wieder gesagt hat. Bei uns im Pfarrkaffee ist das ja ganz anders. Austreten? Ich? Nein, warum?“

Lesen sie das im Original!

Posted in Philosophie with tags , , , on 26. September 2008 by sebastian

Es gibt in der Philosophie den Glaubenssatz, dass philosophische Texte nur in ihrer Originalsprache gelesen werden sollten. Ich verstehe dieses Dogma nicht. Es begegnet einem besonders oft bei den Philosophen der Antike. Es gibt drei verschiedene Übersetzungen und es wird sich immer noch jemand finden, der gerne eine vierte hätte. Was verspricht er sich davon?
Ich denke, dass dahinter vor allem die Idee steht, dass die Wahrheiten eines Textes am besten in ihrer Originalsprache wieder zu finden sind. Das bedeutet in diesem Fall letztlich, dass das Altgriechische einen besseren Zugang zum Wesen der Dinge – zur Wahrheit – bietet als andere Sprachen. Es gibt viele Philosophen die implizit so denken und zwar diejenigen, die meinen, dass nicht alle Sprachspiele und sprachliche Bedeutungen hinlänglich ineinander Übersetzbar sind. Ich bin anderer Meinung. Ich denke, dass einer guten Übersetzung nichts vom Original fehlt und ich denke, dass jede Sprache mitsamt ihren Bedeutungen in jede Andere Sprache übersetzt werden kann.
Vielleicht steht hinter der Idee, dass das Original immer besser ist, auch, dass man sich mehr mit dem Umfeld beschäftigt hat, wenn man die Originalsprache gelernt hat. Dass man dann das Lebensgefühl des Textschreibers besser verstehen kann. Das klingt schon plausibel für mich, aber es hat nichts mit der Sprache zu tun sondern damit, wie sehr sich der Leser bemüht. Um sich mit dem kulturellen Hintergrund der griechischen Antike auseinandergesetzt zu haben, muss man kein Altgriechisch können. Es erleichtert die Sache, aber es ist nicht unbedingt nötig.
Der letzte Grund, der mir noch einfällt ist, dass der Stil im Original besser ist. Aber auch das hat mit der Sprache nichts zu tun sondern mit dem Engagement des Lesers.
Ich hänge dem Originalsprachlichkeitsdogma also nicht an.

Auf Genauigkeit achten!

Posted in Philosophie with tags , on 15. Juli 2008 by sebastian

Erst heute wieder habe ich gemerkt, wie wenig ich vom religiös anmutenden Glauben an „Begriffsdefinitionen“ mancher Philosophieprofessoren im universitären Rahmen halte. Das ist eine Krankheit die vor allem aus der analytischen Richtung kommt, die die Wissenschaftlichkeit zur einzig richtigen Verwendung der Vernunft erklärt.
Natürlich ist es richtig und wichtig, die Begriffe die man benutzen möchte ausreichend klar macht, aber Wittgenstein hat meinen Punkt in „Über Gewißheit“ herausgestrichen: Alles Zweifeln, Erklären und Rechtfertigen hat einmal ein Ende. Interessante Gedanken dadurch auszubremsen, dass man sich über die scheinbar unzureichende basale Begriffsdefinition mokiert ist eher traurig und langweilig als eine „philosophische Tugend“.

Einige Gedanken zur Religion

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , on 5. März 2008 by sebastian
Ich möchte ein kurzes Statement verfassen, das mein Verhältnis zu dem Phänomen „Religion“ ein wenig darstellt. Einerseits als Hintergrund, um meine, hier vertretenen Meinungen besser einordnen zu können, andererseits auch für mich selber, um diese Gedanken einmal in aller Klarheit zusammengefasst zu haben.
Im Bezug auf die Gottesfrage bin ich Agnostiker, prinzipiell recht mittig-neutral. Das heißt eigentlich nur, dass ich unentschlossen bin. Den Gottesbegriff, den dieser Agnostizismus betrifft, ist ein unpersönlicher. Ein personaler oder auch mehrere personale Götter erscheinen mir einfach zu plump vom Vorbild „Mensch“ abgekupfert. Solch ein personaler Eingottglaube hat sich geschichtlich prinzipiell eher dort entwickelt, wo die Vernunft und die Suche nach der einen Wahrheit präsent waren. Was davon zuerst war kann und muss ich dazu nicht wissen. Wenn es aber diesen personalen Gott nicht gibt, wird der Gottesbegriff als solcher in seiner Sinnhaftigkeit schwankend. So wird mit einem personalen Gott die Suche nach einer dem Menschen übergeordneten, mächtigen und meistens prinzipiell wohlwollenden Macht aufgenommen, die dem Menschenleben Sinn und Sicherheit geben soll. Wenn man diesem gesuchten Gott Absichten abspricht, wird er für die Sinnsuche zumindest relativiert. Aber genug von metaphysischen Spekulationen.
Die Religion selber halte ich für eine menschliche, sinnstiftende Praxis, so wie beispielsweise auch Philosophie oder Naturwissenschaft und Ähnliches. Grob gesagt ist es der Glaube an höhere Mächte, Gott im Besonderen. Versuche, den Begriff „Religion“ für Vielschichtiger zu erklären halte ich für sinnlos, hier wird ein Problem aufgeblasen, wo keines ist. Die Religion unterscheidet sich aber von anderen sinnstiftenden Systemen darin, dass ihre empirischen Belege im besten Falle dünn und ihr Dreh- und Angelpunkt eine vage Hoffnung bleiben muss. Als soziale Praxis bezieht sich Religion ebenso nicht auf eine Größe außerhalb des menschlichen Zusammenlebens wie die Naturwissenschaft. Letztere ist genau so wenig an den Dingen selbst wie die Religion an höheren Dingen selbst ist – beide sind beim Menschen und nur beim Menschen.
Mit Dawkins könnte man von mir sagen, dass ich an den Glauben glaube. Ich nehme an, dass der Glaube, auch wenn ich ihn nicht teile, positive Auswirkungen für diejenigen haben kann, die ihn freiwillig und reflektiert ausüben. Dazu gehört für mich, wie Dawkins auch sagt, dass Kinder nicht mit religiösen Belangen in bestimmte Richtungen dressiert werden sollten, bis sie selber reflektiert entscheiden können ob sie aktiv einen Glauben ausüben wollen. Das bedeutet, dass Kindern eher Religionsgeschichte aller Religionen und die Geschichte der Sinnfindung näher gebracht werden sollte als irgendeine einzelne Religion und deren Praktiken.
Ein Einwand könnte hier sein: Eltern dressieren Kinder immer mit ihrer Erziehung. Das stimmt natürlich und im besten Falle dressieren Eltern ihre Kinder dazu, einmal alles zu hinterfragen. Doch falsch verstandene Religion kann, soweit ich sehe, schneller zu gewaltbereiter Intoleranz führen als alle anderen Vorgänge der Sinnsuche. Man vergleiche: „Du beleidigst den Satz des Pythagoras!“ mit „Du hast Kant verflucht!“ und „Du hast Gott beleidigt!“. Welche dieser drei Aussagen führt Erfahrungsgemäß am schnellsten zu Gewalt?
Da ist das Problem der Religion, dass sie sich als oberstes Prinzip etwas gesetzt hat, das man leicht und umfassend anzweifeln kann. Dieser Zweifel hat aber immer den Beigeschmack der Relativierung. Wenn man sich in der Religion geirrt habe, so lautet die Überlegung, könnte man falsch gelebt haben. Da dies zu verhindern ist, wird man leichter einmal Ausfällig, als wenn jemand den deutschen Idealismus angreift. Von Schelling hängt weniger für mich persönlich ab.
Da also schlechte Religion in der Praxis leicht zu Gewalt führt, sollten erst reflektierende Menschen eines Gewissen Alters sich damit beschäftigen, die zuvor über die Geschichte und kontingente Entwicklung der Religionen aufgeklärt wurden. Dies würde größtmögliche Wahlfreiheit ermöglichen und man könnte auch das Schindluder vereiteln, das politische oder religiöse Machthaber mit Religion betreiben (wollen).
Religionen und der Glaube sind genau so Kontingent wie alle anderen Handlungsweisen des Menschen und nicht näher an einer ominösen „Wahrheit“ als alle anderen Sinnpraktiken. Aber sie sind ein sehr kreativer Weg der Sinnfindung, der aus unserem Zusammenleben, denke ich, letztlich nicht wegzudenken ist. Für die Zukunft sollten, ebenso meiner Meinung nach, ihre positiven Teile kultiviert werden und die zerstörerischen also so wenig wünschenswert dargestellt werden, dass man sich von ihnen abwendet.

Objektivität

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , on 6. Februar 2008 by sebastian
Die Möglichkeit einer objektiven Sicht der Welt war immerschon (implizit) das Thema der Philosophie. Begonnen hat diese Implizierung schon in der griechischen Antike, wo Wissen über Objekte (noch) nicht wirklich in der Philosophie problematisiert war (in de Sophistik schon, bei Gorgias zb, aber man bemühte sich recht umfassend, sich als Philosoph von den Sophisten zu distanzieren). Platons Ideen waren Wissen, damit ist man wirklich an genau jenen Teilen der Realität, die wahr sind, sogar noch die Teile, die Realer als die dingliche Realität sind. Platon stellte die Ideen auch als prinzipiell erkennbar dar, wenn man sich nur Mühe gibt.
Im christlichen Mittelalter, das sehr vom Platonismus inspiriert war (der Platonismus musste sich aber den Platz an der Sonne mit dem Aristotelismus teilen), war die objektive Wahrheit vor allem bei Gott, der überhaupt der Dreh und Angelpunkt jedes Wissens war. Menschen, die nicht so perfekt waren wie Gott konnten sich natürlich Irren aber prinzipiell war es, auch durch Gottes Hilfe, möglich, die Dinge so zu erkennen, wie sie wirklich sind.
Über die frühe Neuzeit hat sich die Möglichkeit der Wirklichkeit und deren Erkenntnis durch uns Menschen nicht verändert. David Hume, der zwar unsere a priori Erkenntnis leugnete, leugnete dennoch nicht, dass sich unsere Perzeptionen auf etwas wahres, real Existentes bezogen, die wir zumindest a posteriori erkennen können. Wir können laut Hume zwar nicht die wesenhafte Ordnung hinter den Dingen der Welt erkennen, wohl aber, dass es eine Welt gibt, die sich uns zeigt.
Mit Kant änderte sich die Problematik. Durch seine Kopernikanischen Wende wurde erstmals thematisiert, dass wir vielleicht nicht die Dinge an sich, die wahre Welt objektiv wahrnehmen. Doch da die Sichtweise der Welt zwar vom Subjekt gemacht war, aber bei allen Subjekten gleich, hatte dies vorerst nicht allzu viel Auswirkung für das Thema „objektives Wissen“. Mit dem Erstarken der Naturwissenschaften wurde die Voraussetzung der Erkennbarkeit der objektiven Wahrheit nicht wirklich Hinterfragt.
In den Schriften Nietzsches, vor allem den Nachgelassenen, wird aber beispielsweise thematisiert, dass der Satz vom Ausgeschlossenen Widerspruch kein Seinsgesetz sei, sondern ein Gesetz für den Menschen.
Mit dem Auftreten der Analytischen Philosophie wurde dies großteils ausgeblendet. Das Analytische Projekt befasste sich mit der möglichst genauen Wiedergabe einer objektiven Welt. Die objektive Welt muss demnach erst mit kleinsten Sprachatomen verbunden werden, und dies hat möglichst genau im Sinne einer Wissenschaftssprache zu passieren. Dass dieses Projekt nicht durchhaltbar ist, zeigte vor allem der späte Wittgenstein. Er sprach sich vor allem gegen die Vorstellung der Sprachatome aus, die mit kleinsten Teilen der nichtsprachlichen Realität irgendwie verbunden sind.
Putnam kritisiert, dass sich dieser „metaphysische Realismus“ bis heute gehalten habe, vor allem in den Naturwissenschaften. Putnams internalistische Perspektive, die einen Mittelweg zwischen Realismus und Relativismus darstellen soll, ist aber auch noch ein wenig in dieser metaphysischen Sicht gefangen. Denn Putnam beschreibt, dass es wohl „nur“ den Dialog gibt, mehr können wir als Menschen nicht erreichen. Und noch dazu, und das verwundert, fragt Putnam dann, ob dieser Dialog einen idealen Schlusspunkt hat, auch wenn wir ihn möglicherweise nicht erkennen können. Richard Rorty, aus dem Neopragmatismus kommend, sieht für diese Annahme des idealen Endpunktes keine Verwendung, schließlich muss im Pragmatismus ein Unterschied ein Unterschied für die Praxis sein. Die internalistische Perspektive die auf den Dialog zentrieren wollte fällt somit eigentlich in den metaphysischen Realismus zurück.
Rortys Ansicht dazu ist weitaus radikaler und umstrittener. So fällt bei Rorty die objektive, ewige Wahrheit mit momentaner, lokal begrenzter Rechtfertigbarkeit zusammen. Mehr, als das wir uns vor einer momentan relevanten Gruppe rechtfertigen können ist niemals erreichbar. Wenn wir dieser Gruppe hinter uns haben, müssen wir uns um unseren Bezug zur Realität nicht mehr sorgen. Objektivität sei durch Solidarität zu ersetzen. Oft wird dazu kommentiert, dass durch Rortys Sicht alles im Relativismus versinkt. Rorty kommentiert diese Vorwürfe zwar, aber seine Ausführungen dazu können wohl nicht alle Überzeugen.
Die Ansicht „Mensch trifft auf äußere Realität“ (=Objektive Welt ist Abbildbar) ist nach wie vor umstritten. In den meisten Diskussionen folgt inzwischen auf ein „Normalerweise ist das so!“ ein „Ja was ist schon Normal?“. Abseits aller Phrasendrescherei, die nur die eigene Position als „besser als normal“, also als wesenhaft besser platzieren möchte, wird das Paradigma der Naturwissenschaft mit ihrem Exaktheitsideal immer noch als die Methode der Forschung propagiert.
Um zum Abschluss Adolf Holl zu paraphrasieren: „Es muss doch absolute Werte geben, meinen die Leute. Und sie meinen damit ihre eigenen Werte.“