Archiv für Neopragmatismus

…vielleicht Geschichten erzählen…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , on 17. Januar 2009 by sebastian

Ich möchte also den Faden vom letzten Eintrag aufzunehmen. Ich denke, dass man vielleicht hier den (Neo)Pragmatismus in die Nähe des Poststrukturalismus rücken kann, dass man der Wahrheitsdebatte im analytischen Kontext vielleicht nur hier einen größeren Sinn abgewinnen kann. Die für mich hier wichtige Idee im Poststrukturalismus besagt, dass auch das Subjekt kein kontextloses Fundament, kein Starpunkt für alles andere darstellt. Das wollte beispielsweise Lacan mit dem Spiegelstadium darstellen und Levinas mit dem Denken der Alterität. Kurz zusammengefaßt besagt das Lacan’sche Spiegelstadium (für diesen Kontext), dass mein Subjekt-sein immer von anderen konstituiert ist. Ich sehe mich quasi durch die Augen der Anderen. Levinas ging so weit, nur das „Subjekt“ zu nennen, was den Ansprüchen der anderen, der Alterität wie er es nannte, antwortet.
Was diese Autoren mit dem Vokabular der Psychoanalyse oder der Metaphysik versucht haben, kann man – meiner Ansicht nach – bei Richard Rorty in einem analytisch geprägten Umfeld finden. Auch hier lautet das Problem: Warum haben wir nicht schon lange das Wesen der Welt richtig erkannt? Auch bei Rorty kann man die im letzten Eintrag erwähnte Ablehnung der Abbildungswahrheit finden (auf seinen Lösungsvorschlag bin ich in diesem Blog schon etliche Male eingegangen). Seine Erklärung dafür, warum das Subjekt nicht zur „wahrheitsgetreuen“ Abbildung der Welt imstande ist, ist eher Darwinistisch – es ging immer ums funktionieren. Was am besten funktioniert, das setzt sich durch.
In Zeiten von Hochkulturen und einer geistigen Evolution die nicht vom Kampf ums nackte Überleben überschattet ist, hat der Mensch sein großes Gehirn kreativ benutzt und mit dem vorliegenden Faktenmaterial verschiedene Geschichten erzählt (die alle zulässig sind, da die Welt nicht sagt wie wir über sie sprechen sollen). Eine der Geschichten heißt Religion, eine heißt Wissenschaft, eine Metaphysik, eine Pragmatismus, eine Poststrukturalismus, und so weiter.
Beim Poststrukturalismus folgt aus dem rein logischen Problem der konsistenten Selbstanwendung des Strukturalismus, dass man auch das Subjekt und dessen Anspruch auf Wahrheit auf eine neue Art beschreibt (Im Modus des vielleicht bei Derrida, im Modus des futur anterieur bei Lyotard,…). Doch was sagt der (Neo)Pragmatismus, warum ich meine Ansichten so weit relativieren sollte, als das ich anerkenne, nicht die letzte Wahrheit zu besitzen? Es ist die emphatische Konzentration auf die Zukunft. Die Zukunft ist das alles entscheidende Ziel für den Pragmatisten, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft treibt für den Pragmatisten alles Denken und Handeln an. Das ist hier auch der Grund, warum ich meine Meinung ändern können sollte – vielleicht kommt ja in Zukunft eine noch bessere Beschreibung, die ein noch besseres Leben ermöglicht, warum sollte ich dann stur auf meiner „alten Meinung“ hocken bleiben? Weil ich sie von Gott habe? Weil sie die Welt richtig abbildet? Weil ich die großen Gesetze hinter der Wirklichkeit erkannt habe? Nein, das führt für Rorty zu nichts, außer zu Rechthaberei und im weiteren zu Blutvergießen.
Wenn man Rorty (und alle anderen „Antirealisten“) rein als Erkenntnistheoretiker liest, dann haben sie natürlich keine „guten Argumente“, warum man den epistemischen Realismus aufgeben sollte, und meiner Ansicht nach blendet man auch eine wichtige (vielleicht die wichtigste) Dimension dieser „antirealistischen Überlegungen“ aus. Erst mit diesem, von der Ethik inspirierten, hinwenden zum zukünftigen Besseren ist meiner Ansicht nach der Impuls gegeben, der auch für Rorty ausreicht um die leidliche (wissenschaftliche) Debatte „Realismus oder Antirealismus“ auf ein gemeinsames Ziel hin gerichtet hinter sich zu lassen, um neue, kreativere Geschichten zu erzählen…

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Naturwissenschaft als Kulturpolitik

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 20. Juli 2008 by sebastian

Gerne trennt man unsere Kultur in zwei Bereiche, die nicht zusammenhängen. Auf der einen Seite kann man den „harten Bereich“ sehen, auf der anderen den „weichen Bereich“ der Kultur. Im harten Bereich, dort ist die Naturwissenschaft zu finden, dort ist die Wahrheit zuhause. Hier geht es um eine Korrespondenz des Menschen mit einer nichtmenschlichen Welt, die sich vom möglichst genauen und objektiven Forscher abbilden lässt. Dieser Bereich entspricht unserem Streben nach Wahrheit das den Menschen innewohnt.
Im weichen Bereich geht es im Gegensatz dazu um historisch kontingente Ereignisse, um Kunst und um Politik. Kurz in diesem Bereich ist alles zu finden, was sich nur auf Intersubjektivität als Maßstab für Richtigkeit bezieht. Dem entsprechend kann man im „weichen Bereich“, oder man könnte dies auch „Kulturpolitik“ nennen, entscheiden, über welche Dinge wir reden sollten und über welche nicht. Zum Beispiel, ob wir eine geschlechtsneutrale Formulierung verwenden wollen, oder ob wir Randgruppen mit Unschönen Kosenamen belegen etc. Im „harten Bereich“, oder der „Naturwissenschaft“, sieht es so aus, als müsste man sagen „Wir sollen besser über Photonen reden, denn sie existieren nun mal!“
Laut Richard Rorty, der diese Trennung nicht hilfreich findet, sagen die Empiristen, dass die lokale Gemeinschaft nicht alles ist, was es gibt, wir sollten lieber „Verbindung mit der Realität“ aufnehmen um zu sehen, was wirklich wahr ist.
Diese Idee der Kontaktaufnahme mittels der Sinne verwechsle aber Begründungsbeziehungen mit kausalen Beziehungen. Ersteres besteht zwischen Aussagen, letzteres besteht zwischen Ereignissen. Bei den Begründungsbeziehungen geht es vor allem darum, was wir als ausreichende Begründung annehmen oder nicht. Das manche kausalen Beziehungen Aussagen auslösen erklärt allerdings nicht, wie wir zu unseren Meinungen kommen. Dieser Umstand, und dass wir erst eine Ahnung von „Dingen“ haben, sobald wir sprachlich verfasst sind, sprechen gegen einen „unmittelbaren Zugang zur Realität mittels der Sinne“.
Im Endeffekt, so Rorty, verlassen wir uns nicht auf den speziellen Zugang zur Realität den unsere Sinnesorgane bieten, sondern wir glauben demjenigen, den wir für glaubhaft halten. Wenn uns, und diesen Gedanken halte ich für sehr wahr, jemand etwas Unglaubliches berichtet, oder dieser Jemand unglaubwürdig ist, dann hilft auch sein Verweis auf seine sinnliche Erfahrung nichts. Wir sagen dann wohl etwas wie „Seine Methoden waren nicht ausreichend wissenschaftlich!“ um auszudrücken, dass wir ihm nicht glauben, weil unser Weltbild dies nicht zulässt. Auf der anderen Seite könnte man dasselbe auch mit Gotteserfahrung machen. Wenn es in mein Weltbild passt, oder dieser Mensch ausreichend Glaubwürdig ist, dann werde ich ihm zumindest zuhören.
Die Konklusion der Sache ist, dass Aussagen über Gott oder über naturwissenschaftliche Tatsachen beide eine Erwartungshaltung erfüllen müssen, wenn sie von den Zuhörern angenommen werden wollen. „Erfahrung“ hilft nicht dabei, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, worüber wir reden sollten (Kulturpolitik) und dem, worüber wir reden müssen (Naturwissenschaft). Richard Rorty hat sich vor allem in seiner posthum erschienenen Aufsatzsammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ dafür ausgesprochen, diese Trennung fallen zu lassen, und alles als Kulturpolische Fragen zu verstehen.

Ohne Wahrheit werden wir schlechte Menschen…

Posted in Philosophie with tags , , , on 13. Juli 2008 by sebastian

Menschen, die eine kontextualistische Wahrheitsauffassung vertreten werden oft mit einem (vermeintlichen) Totschlagargument konfrontiert. Ein plakatives Beispiel für dieses Totschlagargument war immer schon Nietzsche, der sich (meiner Einschätzung nach in seinem Frühwerk zumindest) für eine Wahrheit als ein „bewegliches Heer von Metaphern“ stark machte. Das bedeutet letztlich, dass es keine fixe Wahrheit gibt, außer dem, was wir uns als Wahrheit anzuerkennen bereit erklären. Durch Nietzsches spätere Konzentration auf den Übermenschen gelang es den Nationalsozialisten, Nietzsche für sich in beschlag zu nehmen.
Damit war diese Art der Wahrheitstheorie (unverschuldet) in Verruf geraten. Ihre Gegner sagten Dinge wie „Seht her, wenn wir die Wahrheit nicht als eine Korrespondenz mit einer dem Menschen übergeordneten und von ihnen unabhängigen Welt sehen, dann gibt es keinen Grund, warum man nicht auch ein Nazi sein sollte!“ Wiederholt kann ich zu diesem Thema auf das früher gezeigte Zitat zum Herrschaftsfreien Diskurs von Richard Rorty hinweisen.
In seiner nun posthum erschienenen Essaysammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ beschreibt Rorty, warum er diesen Vorwurf für unbegründet hält. Denn die Nazis wären aus ihrer restlichen Haltung niemals die Idee gekommen, die Wahrheit zu kontextualisieren. Nichts in ihrem politischen System gibt einen Hinweis darauf, dass eine kontextualisierte Wahrheitsauffassung ihren politischen Zielen hilfreich sein könnte. Nur demokratisch eingestellte Liberale zögen einen Vorteil aus dieser Idee, die viele verschiedene Lebens-, Glaubens- und Denkformen als Gleichwertig nebeneinander stellt, da es keinen objektiven Standpunkt von außerhalb gibt, von dem man bewerten könnte.
Rorty ist also nicht der Ansicht, dass man sich seine Meinung zu grundlegenden (ontologischen) Dingen zurecht legt und sich dann dazu passend eine politische Haltung anfertigt. Viel mehr sei es so, dass man sich zuerst die politische Haltung (in diesem Fall die der liberalen Demokratie) zu eigen macht und daraus resultiert die Kontextualisierung der Wahrheit, die es ermöglicht, noch mehr und unterschiedliche Menschen gleichwertig in das große Gespräch einzubinden. Daher sei der Vorwurf des kontextualistischen Nazis für Pragmatisten keine ernsthafte Schwierigkeit.

Religion als Hobby?

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , on 25. Mai 2008 by sebastian

Nachstehender Text beschränkt sich großflächig auf die Religion „Christentum“, die Idee der Privatisierung gilt aber für alle Religionen.
Analytische Philosophen äußern sich aktuell recht spärlich über Religion. Eine Ausnahme stellen (Neo)Pragmatisten und Hermeneutiker dar, im Allgemeinen eher Philosophen, die der „ordinary language philosophy“ angehören. Denn bei diesen kann die Religion leicht in das normale Leben der Menschen integriert werden – es ist ein Sprachspiel unter vielen, das gespielt werden kann, aber nicht muss.
Ganz in diesem Kontext stehen sich hier zwei Meinungen gegenüber.
Soll die Religion privatisiert werden, also quasi zu einem Hobby werden, oder soll sich die klerikale Struktur weiterhin in politische Aspekte, die das Leben aller bestimmen, einmischen?
Ich denke, dass letztendlich die Befürworter einer Privatisierung die besseren Argumente haben. Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig so wirkt als wolle man die Religion verbannen, würde eine privatisierte Religion doch auch Vorteile genießen. In einer liberalen Demokratie darf der Staat in die privaten Freiheiten des Menschen nicht eingreifen, sie nur dort regulieren, wo eine private Freiheit die privaten Freiheiten anderer einschränkt. In diesem Sinne hätten Menschen, die zuvor der Institution „Christentum“ angehörten, keine Probleme mehr mit Kondomen, mit gleichgeschlechtlichen Ehen, mit dem Zölibat und so weiter. Denn in seinem Privaten Bereich darf jeder Leben wie er es für richtig hält – manche können predigen und dabei eine Frau lieben, andere entscheiden sich für das Zölibat, etc.
Die Religion – sprich die Amtskirche – müsste natürlich auf der anderen Seite einsehen, dass ihr allgemeiner Einfluss, ihre Macht und ihr Geld nicht der Sache der „liberalen Religion“ entsprechen. Auch Werte dürften beispielsweise nicht mehr religiös begründet werden.
In der heutigen Zeit – dem Zeitalter der Interpretation – gilt z.B. für Richard Rorty die Nächstenliebe höher als die Religion, die diese Nächstenliebe stark gemacht hat. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass Rorty sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet.
Ich denke auch, dass die Nächstenliebe allgemein dem Zusammenleben aller Menschen per se hilft, die mystische Komponente der Religion hilft denen, die sich angesprochen fühlen – aber eben nur jenen. Jeder darf die Hobbys haben, die ihm gefallen und erfüllen. Eine „mystische Religion“ die diejenigen, die sie frei ausüben erfüllt, das wäre doch etwas Schönes.

Rorty über den Ethos des Philosophen

Posted in Zitate with tags , , , on 10. März 2008 by sebastian
„Dichter und Romanciers hatten nun anstelle der Prediger und Philosophen die Aufgabe der moralischen Erziehung der Jugend übernommen. Infolgedessen entfernte sich die Philosophie um so mehr von der übrigen Kultur und erschien in ihrer hergebrachten Anmaßung umso absurder, je ‚wissenschaftlicher’ und ‚strenger’ sie wurde. Versuche von seiten der analytischen Philosophen und der Phänomenologen, dies zu ‚begründen’ oder jenes zu ‚kritisieren’, stießen bei den Betroffenen, deren Tätigkeiten vermeintlich begründet oder kritisiert wurden, auf bloßes Achselzucken.“

aus: Richard Rorty – Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, Suhrkamp

Rorty und die Illusion eines Ich

Posted in Philosophie with tags , , , , on 20. Februar 2008 by sebastian
Das Fazit des Buches „Ich: Wie wir uns selbst erfinden“ ist recht überraschend und auch wieder nicht. Es besagt, dass wir unser Ich, Neurologisch gesehen, wohl aus vielen kleineren Bewusstseinsaktivitäten herausillusionieren. Das Gehirn hat es nicht direkt mit der Außenwelt zu tun, sondern mit einem Modell, das die Sinne ihm liefert. Das Gehirn selbst ist blind und taub, es kann sich nur aus den neuronalen Daten der Sinnesorgane eine Simulation der Umwelt basteln. Genau in dieser Simulation befindet sich das Gehirn jederzeit, niemals „an den Sachen selbst“. Weil wir das Gefühl, jemand zu sein, immer nur innerhalb dieser Gehirnsimulation der Außenwelt haben, ist das Selbst, etwas essenziell immer gleich bleibendes, ebenso Teil der Simulation.
Man könnte sich an Kant erinnert fühlen. Das transzendentale Subjekt erschafft Raum und Zeit, in dem sich die Erscheinungen, die Simulationen der Dinge an Sich bewegen. Aber das ist ein Notwendiges Geschehen und kein relativistisches fabulieren, was einem gerade in den Sinn kommt. Das wir nicht anders können als uns als ein Ich zu begreifen steht immer noch außer Frage. Weil dem so ist hat, nach meiner Meinung, diese Einsicht zunächst keine allzu große Auswirkung auf die Praxis, eher beschränkt sich die Wirkung auf bestimmte Sprachspiele. Wenn man das Ganze beispielsweise aus der Perspektive Richard Rortys betrachtet (ja, ich bin ziemlich beeindruckt davon), dann kann man daraus sehr viel gewinnen.
Die These des Buches kommt Rorty letztendlich sehr entgegen, denn auch er wollte die Annahme einer Essenz der Dinge stets vermieden wissen. Es gibt also kein Wesen des Selbst, es gibt nur Verhaltensweisen unter bestimmten Hinsichten, nichts was außerhalb des steten Wandels steht. Die Annahme eines Ichs im Kontext der Hirnsforschung mag also obsolet geworden sein. In anderen Sprachspielen, wie zum Beispiel dem der Selbsterfindung oder der Rechtssprechung wird ein System, das auf ein Ich verzichtet nicht durchhaltbar sein. Daher muss man auch die lokale Begrenztheit der Sprachspiele immer erkennen.
Die Gefahr die sich bei Rorty immer auftut ist, dass der Mensch in viele Menschen aufsplittert, dass sich quasi in jedem Sprachspiel ein anderer Mensch befindet. Wenn man aber von Vorne herein das „eine Selbst“ als situationsabhängige Simulation betrachtet, kann einem das nicht passieren. Man könnte sagen, ich bin immer derjenige, als der ich mich in einer bestimmten momentanen Situation sehe.
Die Erinnerungen an unser Selbst können nicht als verlässliche Zeugen aufgerufen werden um uns zu versichern, dass wir heute der sind, der wir auch letztes Jahr schon waren. Auch die Erinnerungen an ein Selbst werden, wie alle Erinnerungen, ständig umgeschrieben. Da der Mensch von der Evolution so ausgestattet wurde, dass er möglichst lange überlebt, hat er wenig Interesse an einer „objektiven Abbildung“ der äußeren Welt. Diese Neodarwinistische Sicht macht er erklärbar, wieso es im Gehirn dazu kommt, dass Erinnerungen erfunden oder zumindest massiv verändert werden, um das Selbstbild konsistent zu halten. Ein Gedächtnis, das manches Mal die Fakten ein wenig verdreht oder schönt, kann im Überlebenskampf definitiv von Vorteil sein. Aus der Erinnerung können wir eine unwandelbare Essenz des Selbst nicht ableiten, der von Rorty beschworene liberale Ironiker wird mit dieser Kontingenz umgehen können…

Beide Ausgangspunkte (Das Ich als Simulation und Rortys Sichtweise) verbindend: Das Ich ist Situationsabhängig, es gibt keinen Kern des Selbst, es besteht aus einem beweglichen Zusammenspiel von vielen, kleineren Systemen des Gehirns. Ebenso, mit Rorty verhält es sich mit allem anderen, nirgendwo gibt es ewige, unwandelbare, für alle gültige Wahrheiten. Das Ich, die Sprache und damit die Wahrheit, werden gemacht und nicht gefunden.

Hume und Rorty

Posted in Philosophie with tags , , , , , , on 2. Februar 2008 by sebastian
David Hume behandelte in seinem Werk „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ das Problem der Erkenntnisfähigkeit aus einer empirischen Sicht. Seine Konklusion ist, dass wir a priori gar nichts wissen können, unser so sicher geglaubtes Wissen über Ursache und Wirkung ist beispielsweise auch kein Wissen sondern nur Gewohnheit. „Custom is the great Guide of life“, fasst Hume diese Einsicht zusammen. Hume wollte damit nicht zeigen, dass wir uns keiner Sache sicher sein könnten, er war kein spätpubertärer Aushilfsskeptiker, der beispielsweise den Anarchismus erkenntnistheoretisch rechtfertigen wollte. Er wollte nur darauf hinweisen, dass vieles, was wir als sicheres Wissen annehmen gar nicht so sicher ist.
Dieser Gedanke wurde in gewisser Weise im Neopragmatismus im Umfeld von Richard Rorty kultiviert. Dieser betont, dass die Objektivität und damit die Wahrheit als höchstens als normative Begriffe gebraucht werden können und selbst da haben sie keinen tieferen Inhalt als „momentane Rechtfertigbarkeit.
Im Grunde sind diese beiden Gedanken sehr ident. Sie wollen vor der Arroganz und Starrsichtigkeit schützen, die man entwickelt, wenn man meint, die eigene Weltsicht würde auf einer wesenhaft besseren Meinung beruhen. Die Absage an eine wesenhafte bessere, objektivere, wahrere Sichtweise hat in der Praxis, und um nichts anderes geht es dem Pragmatismus, die selbe Auswirkung wie Humes Darstellung, dass wir unser Leben und unsere Meinung auf Gewohnheiten aufbauen. Gewohnheiten sind alle wesenhaft gleich, nur sind manche sind in gewissen sozialen Kontexten besser rechtfertigbar. So ist die Gewohnheit, den hungrigen Göttern Menschen zu opfern bei den Azteken relativ gut rechtfertigbar gewesen, heute allerdings wird man sich schwerer tun. Aber keine der beiden Gewohnheiten liegt, laut dem Neopragmatismus, näher an einer objektiven Wahrheit.