Archiv für Kant

John Stuart Mill über voraussetzungslose Moral

Posted in Philosophie, Zitate with tags , , , , on 23. Juni 2009 by sebastian

„Es wäre höchst verwunderlich, wenn die Menschen, wären sie sich einig, in der Nützlichkeit das Kriterium der Moral zu sehen, sich in keiner Weise auch darüber einig sein sollten, was nützlich ist, und nichts unternehmen würden, um ihre Vorstellung von Nützlichkeit ihren Kindern beibringen zu lassen und durch Gesetzgebung und öffentliche Meinung zu bekräftigen. Es ist nicht schwer, von jedem ethischen Prinzip zu beweisen, dass es in der Praxis scheitern muss, wenn man zugleich voraussetzt, dass allgemeiner Schwachsinn herrscht. Aber unter jeder anderen Voraussetzung muss die Menschheit im Laufe der Zeit feste Überzeugungen darüber gewonnen haben, wie sich verschiedene Handlungsweisen auf ihr Glück auswirken, und in den auf diese Weise überlieferten Überzeugungen findet sowohl die Masse der Menschen als auch der Philosoph die Gebote der Moral – der Letztere zumindest so lange, bis es ihm gelingt, bessere zu finden.“

aus: John Stuart Mill – Der Utilitarismus, Reclam. [Hervorherbung von mir]

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Tugendethik

Posted in Philosophie with tags , , , , , , on 13. Mai 2008 by sebastian

Bei der Nikomachischen Ethik des Aristoteles handelt es sich um eine so genannte Tugendethik. Tugenden sind Haltungen, oder besser Dispositionen zu Handlungen, die längerfristig und im Kontext gesehen werden müssen.
Dieser Ansatz erscheint mir alleine deshalb schon eine gute Möglichkeit (unter Anderen), dem Dilemma der Prinzipienethik zu entgehen. Ich möchte Kant als Beispiel nennen. Hinter Kants Vorstellung der Ethik steht ein kontextunabhängiges Gutes, das objektiv sittlich gut ist. Dass es unmöglich scheint zu einer objektiven, kontextunabhängigen Hinterwelt zu gelangen, indem wir unseren Standpunkt transzendieren, davon bin ich, sozusagen als Prämisse, überzeugt.
Die Antwort die Aristoteles auf die Frage nach dem gesollten gibt, könnte man als die „Lehre von der Mitte“ bezeichnen. Die Tugend ist das angemessene Handeln im Einzelfall, nicht eine ewig wahre, objektive Vorgabe. Diese Angemessenheit ist immer die Mitte zwischen zwei Extremen, die in der jeweiligen Situation schlecht wären. Insofern gleicht dies den hypothetischen Imperativen Kants, da die beiden Extreme nicht an sich schlecht sind, sondern im Bezug auf eine besondere Situation, in der sie zu einem schlechteren Ergebnis in Sachen Glückseligkeit führen würden. (Hier setzt im Übrigen auch der Utilitarismus eines Mill an)
Aber bei Kant wie bei Aristoteles gibt es etwas, dass kontextunabhängig erstrebt wird (werden muss), um seiner selbst Willen. Der Unterschied ist nur, dass es bei Kant eine Sache der Vernunft ist, bei Aristoteles ein Gefühl. Bei Aristoteles kann man (zumindest geht es mir so) leichter nachvollziehen, warum das, welches von allen erstrebte werden soll auch von allen erstrebt werden kann. Es hat einen Hauch von einem späteren Kontraktualismus, welchen ich im Übrigen für die brauchbarste moralische Theorie halte.
Eine Ethik wie die Kantens, die den Egoismus und die Neigungen vollkommen ausklammern will, entspricht einfach nicht der Realität in der wir leben. Aber auch innerhalb eines Kontraktualismus kann die Aristotelische Lehre von der Mitte einen guten Leitfaden abgeben. Nur aus Prinzipien kann eine Ethik nicht bestehen, aber wohl auch nicht ganz ohne sie.

Objektivität

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , on 6. Februar 2008 by sebastian
Die Möglichkeit einer objektiven Sicht der Welt war immerschon (implizit) das Thema der Philosophie. Begonnen hat diese Implizierung schon in der griechischen Antike, wo Wissen über Objekte (noch) nicht wirklich in der Philosophie problematisiert war (in de Sophistik schon, bei Gorgias zb, aber man bemühte sich recht umfassend, sich als Philosoph von den Sophisten zu distanzieren). Platons Ideen waren Wissen, damit ist man wirklich an genau jenen Teilen der Realität, die wahr sind, sogar noch die Teile, die Realer als die dingliche Realität sind. Platon stellte die Ideen auch als prinzipiell erkennbar dar, wenn man sich nur Mühe gibt.
Im christlichen Mittelalter, das sehr vom Platonismus inspiriert war (der Platonismus musste sich aber den Platz an der Sonne mit dem Aristotelismus teilen), war die objektive Wahrheit vor allem bei Gott, der überhaupt der Dreh und Angelpunkt jedes Wissens war. Menschen, die nicht so perfekt waren wie Gott konnten sich natürlich Irren aber prinzipiell war es, auch durch Gottes Hilfe, möglich, die Dinge so zu erkennen, wie sie wirklich sind.
Über die frühe Neuzeit hat sich die Möglichkeit der Wirklichkeit und deren Erkenntnis durch uns Menschen nicht verändert. David Hume, der zwar unsere a priori Erkenntnis leugnete, leugnete dennoch nicht, dass sich unsere Perzeptionen auf etwas wahres, real Existentes bezogen, die wir zumindest a posteriori erkennen können. Wir können laut Hume zwar nicht die wesenhafte Ordnung hinter den Dingen der Welt erkennen, wohl aber, dass es eine Welt gibt, die sich uns zeigt.
Mit Kant änderte sich die Problematik. Durch seine Kopernikanischen Wende wurde erstmals thematisiert, dass wir vielleicht nicht die Dinge an sich, die wahre Welt objektiv wahrnehmen. Doch da die Sichtweise der Welt zwar vom Subjekt gemacht war, aber bei allen Subjekten gleich, hatte dies vorerst nicht allzu viel Auswirkung für das Thema „objektives Wissen“. Mit dem Erstarken der Naturwissenschaften wurde die Voraussetzung der Erkennbarkeit der objektiven Wahrheit nicht wirklich Hinterfragt.
In den Schriften Nietzsches, vor allem den Nachgelassenen, wird aber beispielsweise thematisiert, dass der Satz vom Ausgeschlossenen Widerspruch kein Seinsgesetz sei, sondern ein Gesetz für den Menschen.
Mit dem Auftreten der Analytischen Philosophie wurde dies großteils ausgeblendet. Das Analytische Projekt befasste sich mit der möglichst genauen Wiedergabe einer objektiven Welt. Die objektive Welt muss demnach erst mit kleinsten Sprachatomen verbunden werden, und dies hat möglichst genau im Sinne einer Wissenschaftssprache zu passieren. Dass dieses Projekt nicht durchhaltbar ist, zeigte vor allem der späte Wittgenstein. Er sprach sich vor allem gegen die Vorstellung der Sprachatome aus, die mit kleinsten Teilen der nichtsprachlichen Realität irgendwie verbunden sind.
Putnam kritisiert, dass sich dieser „metaphysische Realismus“ bis heute gehalten habe, vor allem in den Naturwissenschaften. Putnams internalistische Perspektive, die einen Mittelweg zwischen Realismus und Relativismus darstellen soll, ist aber auch noch ein wenig in dieser metaphysischen Sicht gefangen. Denn Putnam beschreibt, dass es wohl „nur“ den Dialog gibt, mehr können wir als Menschen nicht erreichen. Und noch dazu, und das verwundert, fragt Putnam dann, ob dieser Dialog einen idealen Schlusspunkt hat, auch wenn wir ihn möglicherweise nicht erkennen können. Richard Rorty, aus dem Neopragmatismus kommend, sieht für diese Annahme des idealen Endpunktes keine Verwendung, schließlich muss im Pragmatismus ein Unterschied ein Unterschied für die Praxis sein. Die internalistische Perspektive die auf den Dialog zentrieren wollte fällt somit eigentlich in den metaphysischen Realismus zurück.
Rortys Ansicht dazu ist weitaus radikaler und umstrittener. So fällt bei Rorty die objektive, ewige Wahrheit mit momentaner, lokal begrenzter Rechtfertigbarkeit zusammen. Mehr, als das wir uns vor einer momentan relevanten Gruppe rechtfertigen können ist niemals erreichbar. Wenn wir dieser Gruppe hinter uns haben, müssen wir uns um unseren Bezug zur Realität nicht mehr sorgen. Objektivität sei durch Solidarität zu ersetzen. Oft wird dazu kommentiert, dass durch Rortys Sicht alles im Relativismus versinkt. Rorty kommentiert diese Vorwürfe zwar, aber seine Ausführungen dazu können wohl nicht alle Überzeugen.
Die Ansicht „Mensch trifft auf äußere Realität“ (=Objektive Welt ist Abbildbar) ist nach wie vor umstritten. In den meisten Diskussionen folgt inzwischen auf ein „Normalerweise ist das so!“ ein „Ja was ist schon Normal?“. Abseits aller Phrasendrescherei, die nur die eigene Position als „besser als normal“, also als wesenhaft besser platzieren möchte, wird das Paradigma der Naturwissenschaft mit ihrem Exaktheitsideal immer noch als die Methode der Forschung propagiert.
Um zum Abschluss Adolf Holl zu paraphrasieren: „Es muss doch absolute Werte geben, meinen die Leute. Und sie meinen damit ihre eigenen Werte.“

Hume und die Vorstellungen

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 27. November 2007 by sebastian

Ein nicht kleines Problem ergibt sich für mich bei Humes Konzeption der Vorstellungen, vielleicht begehe ich einen Denkfehler.
Kurzum: Wie kann er sein theoretisches System als Wissen titulieren? Anders gesagt: Gibt es Vorstellungen von Vorstellungen?
Alle Vorstellungen müssen, seien sie auch noch so komplex zusammengesetzt, auf einfachen Eindrücken basieren, um als Wissen angesehen werden zu können, ansonsten ist es „bloße Gewohnheit“ die uns zu Annahmen verleitet. Nicht dass diese Gewohnheit schlecht wäre, auf der Suche nach Wissen aber ist sie nicht brauchbar, sie sagt uns nur etwas über den Menschen aber nicht über die Wahrheit der Welt außerhalb. In diesem Sinne zeigt Hume auch, dass das Prinzip von Ursache und Wirkung auf Gewohnheit zurückgeht, dem Prinzip also letztendlich keine sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke zugrunde liegen. Ähnlich geht er im Traktat mit dem Ich vor, schließlich ist jegliche Vorstellung der Kraft zwischen Körpern oder Geist und Körper nicht auf Eindrücke rückführbar.
Auf welchem Eindruck könnten die Vorstellungen basieren? Auf keinem? Wie kann er sein System dann als Wissen postulieren?
Ich habe einen guten Vorschlag dazu gehört. Er besagt, dass man es ähnlich wie mit der Logik machen müsse, und die Grundaxiome unhinterfragt glauben muss um innerhalb des Systems arbeiten zu können. In der Logik also muss man schon von vorne herein glauben, dass A gleich A ist. Aber diese Ansicht trägt schon der Erfahrung Rechnung, dass es womöglich keinen Objektiven Zugang zu einer Realität geben kann. Ich glaube nicht, dass Hume dies gedacht hat, aber im Nachhinein eine sehr interessante Zugangsweise.
Das Problem erinnert mich an Kants Darstellungen in der Kritik der reinen Vernunft und seinem ganzen Konzept von Wissen, von denen man, nimmt man seine These ernst, gar nichts wissen kann.

David Hume und die Perzeptionen des Geistes

Posted in Philosophie with tags , , , , on 18. November 2007 by sebastian

David Hume ging für seinen Skeptizismus in die Philosophiegeschichte ein. Er wollte alles was für die Erkenntnisgewinnung als Sicher galt in Frage stellen, tat dies allerdings nur sehr punktuell.
Auch wenn er selbst es noch nicht so nannte, er suchte nach dem synthetischen Urteil a priori, das auch Kants Suche bestimmte. Doch wusste er noch nichts von Kants Kopernikanischen Wende (wie denn auch, sie sollte erst geschehen) so wählte er einen anderen Weg. Vom Empirismus kommend wählte er die Dinge die uns gegeben sind als Ausgangspunkt. Er unterteilte alle Wahrnehmungen (=Perzeptionen) des Geistes in zwei Klassen. Die Eindrücke und die Vorstellungen. Jede der beiden ist wiederum in „Innen“ und „Außen“ geteilt.
Die Eindrücke sind das, was wir wahrnehmen, an ihnen ist ein äußerer Gegenstand unmittelbar beteiligt. Alle auch noch so komplexe Wahrnehmungen lassen sich auf basale Kleinsteindrücke rückführen. So sind die Äußeren Eindrücke einfach die Sinneswahrnehmungen. Die inneren Eindrücke sind Gefühlszustände die sich auf einen Gegenstand beziehen der anwesend ist, wie z.B. Liebe oder Ekel.
Die Vorstellungen sind bleichere Abbilder der Eindrücke. Alles was Gegenstand der Transzendenz werden soll muss zuvor als Eindruck wahrgenommen werden. Mit der Innen/Außen Trennung ist es genau wie bei den Eindrücken.
Mit den blassen Vorstellungen, im Gegensatz den lebhaften Eindrücken will er dem Empirismus Rechnung tragen und sicherstellen, dass die Welt als Ort der Wahrheit nicht verloren geht.
Seine Argumentation hat allerdings schon in seiner Darlegung in der „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ seine schwächen, z.B. mit der Mathematik. Er bezweifelt nämlich deren a priotität und will sie alleine aus der Erfahrung erklären, was unmöglich ist (Hier sollte Kant später nachhaken). Außerdem: Warum sollte die Vorstellung von z.B. „2“ blass sein nur weil sie abstrakter ist und nicht auf einen direkten Eindruck zurückzuführen ist sondern zusammengesetzt?