Archiv für Ethik

John Stuart Mill über voraussetzungslose Moral

Posted in Philosophie, Zitate with tags , , , , on 23. Juni 2009 by sebastian

„Es wäre höchst verwunderlich, wenn die Menschen, wären sie sich einig, in der Nützlichkeit das Kriterium der Moral zu sehen, sich in keiner Weise auch darüber einig sein sollten, was nützlich ist, und nichts unternehmen würden, um ihre Vorstellung von Nützlichkeit ihren Kindern beibringen zu lassen und durch Gesetzgebung und öffentliche Meinung zu bekräftigen. Es ist nicht schwer, von jedem ethischen Prinzip zu beweisen, dass es in der Praxis scheitern muss, wenn man zugleich voraussetzt, dass allgemeiner Schwachsinn herrscht. Aber unter jeder anderen Voraussetzung muss die Menschheit im Laufe der Zeit feste Überzeugungen darüber gewonnen haben, wie sich verschiedene Handlungsweisen auf ihr Glück auswirken, und in den auf diese Weise überlieferten Überzeugungen findet sowohl die Masse der Menschen als auch der Philosoph die Gebote der Moral – der Letztere zumindest so lange, bis es ihm gelingt, bessere zu finden.“

aus: John Stuart Mill – Der Utilitarismus, Reclam. [Hervorherbung von mir]

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…vielleicht Geschichten erzählen…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , on 17. Januar 2009 by sebastian

Ich möchte also den Faden vom letzten Eintrag aufzunehmen. Ich denke, dass man vielleicht hier den (Neo)Pragmatismus in die Nähe des Poststrukturalismus rücken kann, dass man der Wahrheitsdebatte im analytischen Kontext vielleicht nur hier einen größeren Sinn abgewinnen kann. Die für mich hier wichtige Idee im Poststrukturalismus besagt, dass auch das Subjekt kein kontextloses Fundament, kein Starpunkt für alles andere darstellt. Das wollte beispielsweise Lacan mit dem Spiegelstadium darstellen und Levinas mit dem Denken der Alterität. Kurz zusammengefaßt besagt das Lacan’sche Spiegelstadium (für diesen Kontext), dass mein Subjekt-sein immer von anderen konstituiert ist. Ich sehe mich quasi durch die Augen der Anderen. Levinas ging so weit, nur das „Subjekt“ zu nennen, was den Ansprüchen der anderen, der Alterität wie er es nannte, antwortet.
Was diese Autoren mit dem Vokabular der Psychoanalyse oder der Metaphysik versucht haben, kann man – meiner Ansicht nach – bei Richard Rorty in einem analytisch geprägten Umfeld finden. Auch hier lautet das Problem: Warum haben wir nicht schon lange das Wesen der Welt richtig erkannt? Auch bei Rorty kann man die im letzten Eintrag erwähnte Ablehnung der Abbildungswahrheit finden (auf seinen Lösungsvorschlag bin ich in diesem Blog schon etliche Male eingegangen). Seine Erklärung dafür, warum das Subjekt nicht zur „wahrheitsgetreuen“ Abbildung der Welt imstande ist, ist eher Darwinistisch – es ging immer ums funktionieren. Was am besten funktioniert, das setzt sich durch.
In Zeiten von Hochkulturen und einer geistigen Evolution die nicht vom Kampf ums nackte Überleben überschattet ist, hat der Mensch sein großes Gehirn kreativ benutzt und mit dem vorliegenden Faktenmaterial verschiedene Geschichten erzählt (die alle zulässig sind, da die Welt nicht sagt wie wir über sie sprechen sollen). Eine der Geschichten heißt Religion, eine heißt Wissenschaft, eine Metaphysik, eine Pragmatismus, eine Poststrukturalismus, und so weiter.
Beim Poststrukturalismus folgt aus dem rein logischen Problem der konsistenten Selbstanwendung des Strukturalismus, dass man auch das Subjekt und dessen Anspruch auf Wahrheit auf eine neue Art beschreibt (Im Modus des vielleicht bei Derrida, im Modus des futur anterieur bei Lyotard,…). Doch was sagt der (Neo)Pragmatismus, warum ich meine Ansichten so weit relativieren sollte, als das ich anerkenne, nicht die letzte Wahrheit zu besitzen? Es ist die emphatische Konzentration auf die Zukunft. Die Zukunft ist das alles entscheidende Ziel für den Pragmatisten, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft treibt für den Pragmatisten alles Denken und Handeln an. Das ist hier auch der Grund, warum ich meine Meinung ändern können sollte – vielleicht kommt ja in Zukunft eine noch bessere Beschreibung, die ein noch besseres Leben ermöglicht, warum sollte ich dann stur auf meiner „alten Meinung“ hocken bleiben? Weil ich sie von Gott habe? Weil sie die Welt richtig abbildet? Weil ich die großen Gesetze hinter der Wirklichkeit erkannt habe? Nein, das führt für Rorty zu nichts, außer zu Rechthaberei und im weiteren zu Blutvergießen.
Wenn man Rorty (und alle anderen „Antirealisten“) rein als Erkenntnistheoretiker liest, dann haben sie natürlich keine „guten Argumente“, warum man den epistemischen Realismus aufgeben sollte, und meiner Ansicht nach blendet man auch eine wichtige (vielleicht die wichtigste) Dimension dieser „antirealistischen Überlegungen“ aus. Erst mit diesem, von der Ethik inspirierten, hinwenden zum zukünftigen Besseren ist meiner Ansicht nach der Impuls gegeben, der auch für Rorty ausreicht um die leidliche (wissenschaftliche) Debatte „Realismus oder Antirealismus“ auf ein gemeinsames Ziel hin gerichtet hinter sich zu lassen, um neue, kreativere Geschichten zu erzählen…

Entweder Hegel – Oder Kierkegaard

Posted in Philosophie with tags , , , , , , on 29. Dezember 2008 by sebastian

Sören Kierkegaards Frühwerk (und von Vielen als sein Hauptwerk bezeichnet) trägt den vielsagenden Titel „Entweder – Oder“. Schon der Titel ist eine Spitze gegen Hegel, wie auch der Inhalt des Buches im Allgemeinen. Der Titel ist eine Verneinung des Herzstückes der Hegelschen Logik, seiner Dialektik. Im Besonderen geht es um die Dialektik von Endlichem und Unendlichem (wie auch der von Einzelnem und Allgemeinen). Man beginnt beim Endlichen als These, setzt diesem die Unendlichkeit als Antithese entgegen und die Synthese ist ein Absolutes, das Endliches wie Unendliches umfaßt. Das Ziel aller Dialektik ist also das Absolute, anders gesagt ist es der eine Gott, der durch den Weltgeschichtlichen Prozeß zu sich selber findet. Deswegen mußte Gott in Gestalt von Jesus menschlich, d.h. endlich werden, um in sich die Endlichkeit mit der Unendlichkeit verbinden zu können. Im Endeffekt wird bei Hegels Dialektik also immer eine Größe übrig bleiben, – eine Einheit – die alle anderen Größen umfaßt.
Diesen Gedanken will Kierkegaard angreifen, doch so leicht ist die Sache bei ihm nicht. Kierkegaard will im Endeffekt auf die Wichtigkeit des Einzelnen als Einzelnen aufmerksam machen, der nicht einfach so im Allgemeinen aufgeht, wie es die Hegelsche Dialektik nahe legt. Der Mensch würde dabei  als Subjekt und individuum verschwinden, es gäbe nur noch abstrakte Größen. Um darzustellen, dass es im Leben doch immer einen Unterschied macht, wer wann was sagt oder auf etwas antwortet, schreibt Kierkegaard immer in Pseudonymen. In „Entweder – Oder“ sind es derer vier.
Victor Eremita findet der Geschichte nach einen Haufen Schriften in einem Geheimfach seines Schreibtisches. Schon dieser erste Name ist ein Hinweis. Diese Schriften sind scheinbar dreigeteilt und Eremtia läßt sie als Buch drucken.
Der erste Teil ist von einem Namenlosen, der das ganze Leben als Kunst leben möchte – einem Ästheten, der A genannt wird. Dieser A nun schreibt einige Texte über Kunst und vor allem über Mozarts Don Giovanni. Weiters erklärt er sich zum Herausgeber eines „Tagebuches des Verführers“, dessen Urheber ein Johannes sein soll. Dieses druckt A am Anschluß an seine eigenen Darstellungen ab. Ob diese beiden Personen nicht doch eine sind, bleibt unzweifelhaft zweifelhaft.
Dem A nun antwortet der zweite Teil von „Entweder – Oder“, den ein gewisser B verfaßt und an A gerichtet hat. B nennt sich selbst einen Beamten und vor allem einen Ehemann und steht für die Lebensart eines Ethikers. „Entweder – Oder“ ist also in drei Teile geteilt, die am Ende als getrennt stehen bleiben, ob B den A überzeugt hat oder umgekehrt, wird nicht geklärt. Eben diese beiden unvereinbaren aber gleichwohl gleich wichtigen Teile des Buches sind schon ein Hohn auf Hegels Dialektik.
Die Lebensformen des Ästhetischen und des Ethischen/Religiösen sind bei Kierkegaard das Hauptthema. Der Ästhet lebt nur als Einzelner, alle Allgemeinheiten sind ihm ein Graus. Er lebt nur für die höchsten Momente der Lust, die er ästhetisch genießen möchte, ganz wie Don Giovanni reine Lebenslust ist, ohne durch ethische Bedenken gehemmt zu werden. Denn erst durch das Ethische, durch die Erinnerung und die Reflektion kommt das Allgemeine ins Spiel. Doch das hemmt für den Ästheten das Leben des Einzelnen. Der Ethiker versucht dem Ästheten nun zu zeigen, dass man auch im Allgemeinen in Leben leben kann, dass es wert ist, gelebt zu werden. Der Ethiker muss dafür vom Leben als einem Erobern von Lustmomenten abrücken zu einem Leben als Besitzen von Tugenden hin. Die höchste Stufe ist dann der religiöse Glaube, der aber mit der Vernunft nicht mehr zu erklären ist. Die Vernunft endet, wo das Ethische endet, alles darüber hinaus erfordert einen „paradoxen Sprung“ in den Glauben.
So viele Möglichkeiten für jeden Einzelnen…

Tugendethik

Posted in Philosophie with tags , , , , , , on 13. Mai 2008 by sebastian

Bei der Nikomachischen Ethik des Aristoteles handelt es sich um eine so genannte Tugendethik. Tugenden sind Haltungen, oder besser Dispositionen zu Handlungen, die längerfristig und im Kontext gesehen werden müssen.
Dieser Ansatz erscheint mir alleine deshalb schon eine gute Möglichkeit (unter Anderen), dem Dilemma der Prinzipienethik zu entgehen. Ich möchte Kant als Beispiel nennen. Hinter Kants Vorstellung der Ethik steht ein kontextunabhängiges Gutes, das objektiv sittlich gut ist. Dass es unmöglich scheint zu einer objektiven, kontextunabhängigen Hinterwelt zu gelangen, indem wir unseren Standpunkt transzendieren, davon bin ich, sozusagen als Prämisse, überzeugt.
Die Antwort die Aristoteles auf die Frage nach dem gesollten gibt, könnte man als die „Lehre von der Mitte“ bezeichnen. Die Tugend ist das angemessene Handeln im Einzelfall, nicht eine ewig wahre, objektive Vorgabe. Diese Angemessenheit ist immer die Mitte zwischen zwei Extremen, die in der jeweiligen Situation schlecht wären. Insofern gleicht dies den hypothetischen Imperativen Kants, da die beiden Extreme nicht an sich schlecht sind, sondern im Bezug auf eine besondere Situation, in der sie zu einem schlechteren Ergebnis in Sachen Glückseligkeit führen würden. (Hier setzt im Übrigen auch der Utilitarismus eines Mill an)
Aber bei Kant wie bei Aristoteles gibt es etwas, dass kontextunabhängig erstrebt wird (werden muss), um seiner selbst Willen. Der Unterschied ist nur, dass es bei Kant eine Sache der Vernunft ist, bei Aristoteles ein Gefühl. Bei Aristoteles kann man (zumindest geht es mir so) leichter nachvollziehen, warum das, welches von allen erstrebte werden soll auch von allen erstrebt werden kann. Es hat einen Hauch von einem späteren Kontraktualismus, welchen ich im Übrigen für die brauchbarste moralische Theorie halte.
Eine Ethik wie die Kantens, die den Egoismus und die Neigungen vollkommen ausklammern will, entspricht einfach nicht der Realität in der wir leben. Aber auch innerhalb eines Kontraktualismus kann die Aristotelische Lehre von der Mitte einen guten Leitfaden abgeben. Nur aus Prinzipien kann eine Ethik nicht bestehen, aber wohl auch nicht ganz ohne sie.

Schopenhauer und die Ethik

Posted in Philosophie with tags , , , , , , on 26. Februar 2008 by sebastian
Der Beck’sche dtv Verlag hat eine optisch ansehnliche, wirklich lesenswerte Sammlung an Texten zusammengestellt, die beim „richtigen leben“ helfen sollen. Zumindest sind es Texte von Autoren wie Buddha, Epiket, Boethius, Laotse, Nietzsche und Schopenhauer, denen man einige überzeugende Gedanken auf diesem Gebiet zutrauen kann. Schopenhauers Teil in dieser „Kleinen Bibliothek der Weltweisheit“ ist eine Zusammenstellung einiger seiner Schriften zur Ethik, beispielsweise zwei Paragraphen aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“ und Teile aus der „Preisschrift über die Grundlage der Moral“, die den Titel „Über das Mitleid“ trägt.
Gewohnt pessimistisch beginnt Schopenhauer hier, seine Weltsicht darzustellen. Die Zeit zeigt uns immer wieder, dass all unser Streben vergeblich ist, da das Erstrebte vergehen muss. Das ist für Schopenhauer das eigentlich objektive der Zeit, um es kantisch zu wenden. Schopenhauers Welt wird von einem blinden Willen zum Leben durchwaltet, einem willkürlichen Prinzip, Schopenhauers Ding an Sich. Der Mensch als scheinbar vom Willen und allen Anderen getrenntes Individuum befindet sich in der Welt der Erscheinungen, ist jederzeit in Vorstellungen gefangen. Leben heißt für Schopenhauer buchstäblich Leiden. Alles Glück ist negativ, es fällt uns nur auf, wenn es nicht mehr da ist. Und da es Übel in der Welt gibt, die nicht durch alles Glück der Welt aufgewogen werden können, ist es besser, nicht zu sein.
Er schreibt hier gegen optimistische Schriftsteller wie beispielsweise Leibniz, die uns in der besten aller möglichen Welten sehen. Nach Schopenhauer ist unsere Welt sogar die schlechteste aller möglichen Welten. Noch ein wenig schlechter und sie würde zusammenfallen, wie beispielsweise die Welt der Dinosaurier. Jeder Mensch ist vor allem Egoist, wie schon Hobbes beschrieb. Doch auch in dieser düsteren Welt, in der der Mensch des Menschen Wolf ist, gibt es Hoffnung, den Egoismus zu überwinden. Denn Schopenhauer kann nicht leugnen, dass es auch hier, in dieser Vorstufe zur Hölle, Menschen gibt, die wahrlich moralisch handeln. Moralisch Handeln heißt für ihn, dass eine Handlung nicht aus Egoismus motiviert sein darf.
Das Wohl eines Anderen muss dann zu meinem eigenen werden, damit ich sein Leiden verhindern und sein Wohl fördern möchte. Dies kann nur durch die einzig moralische Triebfeder geschehen: dem Mitleid. Gerechtigkeit und Menschenliebe entspringen dem Mitleid, wie alle wirklich tugendhaften Handlungen. Mitleid empfinden bedeutet, zu erkennen, dass im Anderen derselbe Wille wie in mir selber waltet, dass die Trennung in Individuen eigentlich eine Illusion ist. Je mehr Menschen in Richtung der Tugend tendieren, desto mehr erkennen sie dies.

Es ist eigentlich Schade, dass Schopenhauer momentan in der Philosophie ein relatives Schattendasein führen muss. Auch wenn seine metaphysischen Ausführungen nicht mehr haltbar sind (Aber wessen metaphysischen Ausführungen sind das schon?) so finde ich den Gedanken, der hinter Schopenhauers Ethik steht sehr gut und auch heute noch richtig, aber Schopenhauers Versuch, in allen Lebewesen das gleiche Wesen zu entdecken, um Privates mit Öffentlichem zu verbinden, ist gescheitert. Wenn man wahrlich aus Nächstenliebe handelt, hat man erkannt, dass der je momentane Andere ebenso ein Mensch ist wie ich selbst, das Leiden kann, und dessen Leiden verhindert werden sollte. Das kann der Antrieb sein für die Überwindung des wirklich allgegenwärtigen Egoismus.
Neuere Ansätze versuchen dies auch auszudrücken. Sie arbeiten mit dem Gefühl der Solidarität, Gen-altruismus oder (politischen) Gleichheit. Dies führt aber im Grunde auch zur „Goldenen Regel“.