Archiv für Davidson

Das dritte Dogma

Posted in Philosophie with tags , , , , , on 31. August 2009 by sebastian

Donald Davidson hat meiner Ansicht nach eine sehr spannende Ansicht dazu vertreten, wie Sprache funktioniert. In Anlehnung an Willard van Orman Quines epochemachenden Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ möchte Davidson gegen das, von ihm so genannte, „dritte Dogma“ des Empirismus vorgehen. Die beiden Dogmen von Quine sind die Trennung von analytischen und synthetischen Sätzen, die Kant berühmt gemacht hat und der erkenntnistheoretische Reduktionismus, der besagt, das alle Theorien in empirisch überprüfbare Einzelaussagen zerlegt werden können müssen. Das dritte Dogma, gegen das Davidson argumentiert, ist das von Schema und Inhalt. Im klassischen Empirismus (und nicht nur dort) wird die Sprache als ein Schema gesehen, dass einen Inhalt namens „Welt“ strukturiert. Dieses Schema „Sprache“ kann dem Inhalt „Welt“ dann entsprechen oder auch nicht. Wenn es ihr entspricht, nennen wir die Aussagen wahr, wenn nicht falsch.
Gegen diese Ansicht argumentiert Davidson, um von den Abbildungstheorien der Wahrheit los zu kommen. Durch verschiedene Perioden seines Denkens ist es (mir zumindest) nicht klar, ob er überhaupt ein Wahrheitstheorie vertreten möchte. Seine Sichtweise, wie Sprache funktioniert legt er ausführlich in den Aufsätzen „Was ist eigentlich ein Begriffsschema?“ und „Eine hübsche Unordnung von Epitaphen“ dar. Seine Ansicht ist, wie die vieler amerikanischer Philosophen, von Darwin geprägt. Er geht davon aus, dass Menschen versuchen, sich in ihrer Umgebung zurecht zu finden und zu diesem Zweck versuchen, vorhersagen über Ereignisse zu machen. Wenn alle Handlungen eines Menschen auf dieses Ziel hin gerichtet sind, wäre es doch verwunderlich, wenn die Sprache anders funktionieren sollte. Er übernimmt also die Idee Wittgensteins, dass man Worte wie Werkzeuge betrachten kann. Diese Werkzeuge setzen Menschen ein, um die Verhaltensweisen anderer Menschen vorherzusagen oder so zu beeinflussen, dass diese vorhersagbar werden.
Menschen haben also eine Ausgangstheorie, Ideen dazu, wie andere Organismen und Menschen reagieren werden. Noch dazu bilden sie eine vorläufige Übergangstheorie, um mit anderen Sprechern zurecht zu kommen. Wenn zwei Menschen miteinander Sprechen, dann betreten sie das Gespräch mit einer Ausgangstheorie, die sie je nach den Reaktionen des Gegenüber verändern. Dies ist dann die Übergangstheorie. Davidson spricht von einer gelungenen Kommunikation, wenn die beiden Sprecher ihre Übergangstheorie einander soweit angeglichen haben, dass sie das Gefühl haben, die wichtigsten der Reaktionen des Gegenüber vorhersagen zu können. Dann „verstehen“ sie sich. Diese Übergangstheorie wird die Ausgangstheorie des nächsten Gesprächs verändern und immer so fort. Es wird nie einen „idealen Endpunkt“ geben, diese Idee hätte keinen Sinn. Man muss seine Theorien ständig offen halten für unvorhergesehenes wie geniale Einfälle, unglaubliche Dummheiten, Tics, Gestotter, Faustschläge, Küsse, und so weiter.
Wenn man in diesem Sinne einem Menschen „Bewußtsein“ oder „Sprache“ zuspricht, dann heißt das, dass es sich in Sachen der Vorhersage auszahlen wird, sie mit diesen Werkzeugen zu „bearbeiten“, sie als Organismen zu sehen, die über diese Eigenschaften verfügen.

Was sagt man dazu…

Posted in Philosophie with tags , , , , , , , , , on 24. Juni 2009 by sebastian

Eine meiner grundlegendsten Überzeugungen ist die, dass die Welt uns nicht sagt, wie wir über sie sprechen müssen. Das meinte auch Nietzsche, wenn er zu Beginn von Jenseits von Gut und Böse sagt, dass Philosophen nichts finden sondern immer erfinden.

Die für mich wichtigste Folgerung daraus ist, dass man sich in Diskussionen nicht auf den „objektiven Standpunkt“ begeben kann. Man seinen Kontext nicht übersteigen, um vom „objektiven Boden des Wissens“ auf die menschlichen Tätigkeiten zu blicken. Man kann die Diskussion nicht mit einem „Die Welt hat meine Aussage gerechtfertigt“ abblocken (man kann „die Welt“ auch durch „mein Gott“ ersetzen)

Ich sage „Dieser Tisch ist braun“ oder ich sage „Dieser Tisch ist schwer“. Ich sage, dass weder die beiden, noch irgendwelche anderen Sätze über den Tisch, sich  näher am „Wesen“ des Tisches befinden. Wenn man so etwas sagt gibt es immer einen, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und sagt „Das war aber doch nun viel basaler, das ist mein direkter, unmittelbarer Eindruck des Tisches.“ – Warum sollte der Satz „Der Tisch bietet Widerstand für schlagende Fäuste“ näher am Wesen des Tisches sein als „Der Tisch ist häßlich“? – Beides ist in Satzform.

Warum kann man aber sagen, dass der Schmerz des auf den Tisch schlagens näher an der Sache dran ist, als „ist häßlich“? Wahrscheinlich, da wir derart abgerichtet wurden. Man hat uns immer gelehrt, dass die primäre Verbindung von der Welt und unserem Wissen durch die Sinne stattfindet. Als ob die Gegenstände uns die Bedeutung gleichsam zuflüsterten, oder unsere Sinne uns das Wesen der Welt, ihre Bedeutung, offenbarten. Die Geschichte der Philosophie ist voll von Versuchen, dieses flüstern zu hören.

Ich glaube, die Welt hat uns nichts zu sagen, sie steht den Wahrheiten der Menschen gleichgültig gegenüber.

Dass unser Ausgangspunkt für all unsere Überzeugungen Sinnesreize an unserer Oberfläche sind, hat Quine sehr schon beschrieben. Er hat diese Art zu reden erfunden. Aber dass daraus keine Bedeutung folgt, war ihm sehr klar. Man kann mit demselben Set an Reizen zu ganz unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Beispielsweise „Die Welt ist von einem Gott geschaffen“ oder „Die Welt ist ein Produkt blinder Kräfte und Gewalten“.

„Aber wie sind denn die Dinge WIRKLICH?“ – Was soll dieses WIRKLICH bedeuten? Stammt diese Frage nicht aus einem ganz bestimmten Bild, wie man „Wissen“ versteht, nämlich als richtige innere Abbildung der äußeren, objektiven Welt? Wenn man „Wahrheit“ anders zu erfassen versucht, dann wird diese Frage unwichtig.

„Aber es gibt doch nun einmal biologische Tatsachen, sieh hin!“ – Hier versucht man, seine eigene, kontingente Art, die Dinge zu betrachten als „gods eyeview“ auszugeben. Gerade die Naturwissenschaften sind so nahe dran, Theologie zu betreiben, dass die ständige Betonung der „Vorläufigkeit all ihrer Aussagen“ befremdlich wirkt. „Alle unsere Forschungsergebnisse sind nur vorläufig, bis sie falsifiziert werden!“ – alle – außer dem Falsifikationskriterium und den anderen Methoden der Wissenschaft.

Ich denke, es würde mehr helfen, wenn Naturwissenschaftler sich nicht als Menschen sehen würden, die mit einer besonderen Methode Wahrheiten über die Welt finden, sondern wenn sie die Naturwissenschaften als ein Werkzeug betrachten würden, das hilft, besser und angenehmer zusammenzuleben.

Was für positive Auswirkungen diese Sichtweise auf beispielsweise die Genderfrage hätte…