Archive for the Religion Category

Auf dich haben wir alle gewartet!

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , on 21. März 2009 by sebastian

Darum geht es nun.

Der Papst treibt sein Unwesen also in Afrika, als ob die Menschen es dort nicht schon schwer genug hätten. Aber diese Menschen haben ja „noch“ einen Geisterglauben, diesen Menschen muss geholfen werden lässt die Kirche verlautbaren – natürlich vom Papst und seinen Mannen. Armes Afrika. Diesen Menschen, die dem Geisterglauben verhaftet sind, müsse man die Herrlichkeit Jesu Christus zeigen. Ja, darauf haben sie gewartet.
Ich kann an diesem Punkt nicht umhin allgemeiner zu werden und eine Stelle aus der Enzyklika Fides et Ratio von Johannes Paul II zu zitieren:
„Daraus [aus neueren philosophischen Denkbewegungen, Anmerkung von mir] entstanden verschiedene Formen von Agnostizismus und Relativismus, die schließlich zur Folge hatten, daß sich das philosophische Suchen im Fließsand eines allgemeinen Skeptizismus verlor. In jüngster Zeit haben dann verschiedene Lehren Bedeutung erlangt, die sogar jene Wahrheiten zu entwerten trachten, die erreicht zu haben für den Menschen eine Gewißheit war. Die legitime Pluralität von Denkpositionen ist einem indifferenten Pluralismus gewichen, der auf der Annahme fußt, alle Denkpositionen seien gleichwertig: Das ist eines der verbreitetsten Symptome für das Mißtrauen gegenüber der Wahrheit, das man in der heutigen Welt feststellen kann.“ (Zitiert nach: RORTY, Richard & VATTIMO Gianni: Die Zukunft der Religion. S.22)
Ich persönlich möchte einige Fragen an diesen kurzen Ausschnitt der Enzyklika stellen: Welche sind jene Wahrheiten, die wir erreicht hatten, die entwertet wurden? Oder wer entscheidet, ab wann eine „legitime Pluralität“ zu einem „indifferenten Pluralismus“ geworden ist? Von welcher Warte aus will man entscheiden, ob Denkpositionen nicht gleichwertig seien? Und schließlich: Welche soll die Wahrheit sein, gegen die man solch ein Mißtrauen hat? Ich kann mir leicht vorstellen, dass eine so heftige Anklage gegen gewisse Denkbewegungen einen Vorschlag von Johannes Paul II umfassen wird, wie man es denn besser machen könnte. Die Antworten kann oder muss man sich hier zumindest selber denken, sie werden in diesem kurzen Ausschnitt nicht formuliert. Meiner Ansicht nach kann man sich natürlich denken, wo Johannes Paul II die „Wahrheit“ hier erkannt zu haben meint.
Der jetzige Papst ist deutlicher geworden: alle, die nicht wie sie denken – also Jesus anbeten – sind verwirrt und müssen gerettet werden. Solche arroganten Aussagen sind das schlimmste, was einer Religion passieren kann.
Wenn es das sein soll, worum es in der Religion gehen soll, dann bin ich der erste, der atheistische Buskampagnen und Verbannung von Religionsunterricht fordern würde. Aber ich bin trotz solchen dummen Aussagen des Papstes, dass man hier – wo es andere Meinungen gibt – keine „falsche Toleranz“ walten lassen sollte, optimistisch, dass sich der Kern dessen, worum es in der Religion (nicht der Theologie!) geht, retten und lieben lässt – wenn man es denn möchte.
Ich fände einiges daran spannend und interessant – aber bitte ohne Papst!

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Der perverse Zugang zum großen Anderen

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , , on 21. Februar 2009 by sebastian

Für Lacan ist ein Perverser nicht durch ungewöhnliche sexuelle Praktiken oder dergleichen definiert. Strukturell geht es bei der Perversität darum, wie sich der Perverse zur Wahrheit und seiner Rede in Beziehung setzt. Ein Perverser ist für Lacan derjenige, der einen direkten Zugang zum großen Anderen beansprucht. Religiöse Fundamentalisten sind nach Lacan in diesem Sinn pervers. Sie beanspruchen zu wissen, was Gott (hier der Ausdruck für den großen Anderen) will. Für den Perversen sind alle Zweideutigkeiten der Sprache beseitigt, er weiß genau, was der große Andere von ihm verlangt.
Demnach weiß der religiöse Fundamentalist, er muss nicht glauben. Hier treffen sich religiöse Fanatiker mit den „liberalen Zyniker“: beiden fehlt das Vermögen zu glauben. Glauben (vor allem der religiöser Natur) kann man als für die Vernunft grundlose Entscheidung ansehen. Authentischer Glaube beruht nicht auf einer Kette von Schlußfolgerungen, er beruht also nicht auf einem positiven Wissen. Authentischer Glaube könnte also eher im Umfeld einer ethischen Verpflichtung auftauchen, nicht bei vernünftigen Fakten und Wissensgewißheiten.
Liberale Zyniker (z.b. „Brights“ die sich über Glauben lustig machen) und religiöse Fanatiker behandeln religiöse Aussagen (meiner Ansicht nach fälschlich) als quasiempirische Aussagen. In Aussagen über Gott drückt sich für sie ein positives Wissen aus. Das macht es in Zeiten der modernen Naturwissenschaft für die Zyniker leicht, Gott als Hypothese mißzuverstehen und sich obschon der prognostischen Schwäche darüber lustig zu machen. Ebenso leicht läßt es einen religiösen Fundamentalisten im Gegensatz dazu dumm aussehen, da er sich in Dialoge einläßt wie „Ich glaub das nicht!“ – „Wenn es in der Bibel steht ist es genau so geschehen“ – „Bitte denk doch einmal nach!“. Den Anspruch Kreationismus als wissenschaftliche Hypothese durchzubringen sehe ich in diesem Sinne als vollwertig pervers. Religiöse Fundamentalisten sind leicht dazu zu verführen, wissenschaftliche Forschungsergebnisse für ihre religiösen Fehldeutungen einspannen zu wollen. (Deswegen bin ich immer skeptisch, wenn ein Gläubiger in einer Diskussion mit „neusten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen“ kommt.)
Das „witzige“ an dieser Sicht ist meiner Ansicht nach vor allem, dass religiöse Fundamentalisten den authentischen Glauben zerstören. Mit dem Anspruch, den Fundamentalisten stellen fällt es nicht schwer, ihr Projekt dem der Naturwissenschaft unterzuordnen.
Meine These lautet: Wenn es in der Religion um solch ein positives Wissen gehen soll (wo Vernunft und Gewißheit eine Rolle spielen wollen) dann ist sie nicht zu retten.

Antiessentialisten lesen Darwin

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , , , , on 20. Februar 2009 by sebastian

Darwin ist momentan in aller Munde, so auch in meinem. Wer meinen Blog etwas kennt weiß, dass ich dem Pragmatismus nicht abgeneigt bin. Ich habe die These, dass ein Philosoph, der ernsthaft Darwin liest, ein Pragmatist werden wird. Doch diese These will ich hier nicht verteidigen, sondern es geht mir wieder einmal um Religion.
Meiner Ansicht nach werden die (hegelsche) Vernunft, die alles versteht und verstehbar macht und die Religion niemals zusammenfinden, sie werden niemals verschmelzen, die eine Weltsicht wird für die andere immer unverstehbar bleiben. Das kann man von Kierkegaard lernen. Weiters nehme ich eben deswegen an, dass sich die grammatischen Sätze, die das jeweilige Fundament der beiden Sprachspiele darstellen, unvereinbar sind. Für den, der das Sprachspiel der Wissenschaftlichkeit spielt, wird der Satz „Gott ist allmächtig“ niemals die Bedeutung haben wir für den religiösen Sprachspieler. Das kann man von Wittgenstein lernen. Für den Wissenschaftler ist dieser Satz vielleicht eine falsifizierbare These, für den religiösen Menschen ist er ein grammatischer Satz, der die eigene Weltanschauung regelt. Um Vereinigung und Verstehen kann es also beim Konflikt von Wissenschaft und Theologie nicht gehen. Aber um Toleranz im Angesicht unvereinbarer Überzeugungen, ja vielleicht macht das Wort Toleranz nur hier einen Sinn.
Hat man die Bereiche, die ich hier zu trennen versucht habe, nicht lange Zeit und sehr erfolgreich vermischt? Besteht nicht mindestens die Hälfte der abendländischen Philosophie aus Gottesbeweisen?
Ja, ganz sicher. Aber vielleicht wäre es hilfreicher, wenn man diese beiden Sprachspiele strikter trennt. Vielleicht hat sich hier im Laufe der kulturellen Evolution etwas ereignet, das es sinnvoller erscheinen läßt, in neuer Art über das Problem zu sprechen. Vielleicht hätte es für Menschen, die sich als religiös bezeichnen, ebensolche Vorteile wie für diejenigen, die den Naturwissenschaften frönen wollen.
Die bleibende Trennung, die ich vorschlagen möchte, geht von den Thesen Darwins aus, die von Antiessentialisten wie Richard Rorty und Ludwig Wittgenstein auf die Philosophie übertragen wurden. Demnach gibt es kein Ziel, das die Menschheit erreichen müsste, und die eine bestimmte rationale Methode oder eine bestimmte Art zu sprechen voraussetzt. Wenn man sich deshalb, ganz im Sinne Darwins, von einer Wahrheit als einem Abbildungsverhältnis trennt, dann gibt es keinen Grund mehr, warum ein Sprachspieler verächtlich auf einen anderen blicken sollte, obschon dessen (aus der eigenen Perspektive) scheinbar offensichtlich inadäquaten Beschreibung der Wirklichkeit. Die Abkehr von einer Wahrheit, die man am Wesen der Dinge festmachen möchte, hin zu einer Wahrheit als momentan gerechtfertigter Behauptbarkeit, ist sicher ein philosophischer Schritt auf dem Weg, den Darwin vorgezeigt hat.
Meiner Ansicht nach würde eine solch Toleranz und Demut den Anschauungen anderer Menschen gegenüber auch der Bewegung gut zu Gesicht stehen, die man die „neuen Atheisten“ nennt. Ich möchte hier als Beispiel Richard Dawkins und dessen Buch Der Gotteswahn nennen. Er handelt darin einige Themen ab, bei denen ich ihm durchaus zustimme. Beispielsweise, dass Kinder von religiöser Indoktrination fern gehalten werden sollten, und dass Religion nichts Spezifisches mit ethischem Verhalten zu tun hat, das einem abgeht, wenn man nicht religiös ist.
Dawkins vertritt die Theorie, dass sich Religion als ein Nebenprodukt von anderen Mechanismen entwickelt habe. Grundsätzlich ist das aus dem Munde eines Evolutionsbiologen noch keine verächtliche Beschreibung, denn alle menschlichen Praktiken können als Nebenprodukte einer anderen Funktion beschrieben werden. Doch dann sagt er: „Die allgemeine Theorie, wonach Religion ein Nebenprodukt ist – eine Fehlfunktion eines eigentlich nützlichen Mechanismus –, möchte auch ich vertreten.“ (DAWKINS, Richard: Der Gotteswahn. S. 263) Ganz wie es in einem Buch zu erwarten war, das als eine „Streitschrift wider die Religion“ betitelt wird, stellt Dawkins hier, wie sehr oft, die Religion als irgendwie unnütz und dumm dar und meint das natürlich in einem abschätzigen Sinn. So vergleicht er beispielsweise den religiösen Menschen mit einer Motte, die geblendet in ihren eigenen Tod fliegt und nicht zuletzt nennt sich eine große Schar dieser „neuen Atheisten“ die „Brights“. Natürlich kann Dawkins zu Recht stolz auf die Vernunft, die Wissenschaften und ihren Erfolg sein, doch meiner Ansicht nach verliert er mit seiner Verabsolutierung der wissenschaftlichen Vernunft genau das, was man von Darwin gelernt haben könnte.
Vielleicht könnte man sagen, dass Dawkins einen kantischen Vernunftbegriff voraussetzt. Die Vernunft ist für Dawkins der Schlüssel, die Welt zu verstehen. Nicht zuletzt prangt gleich am Umschlag des Buches der Satz: „Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.“ Das Privileg, die Welt richtig abzubilden, also wahre Sätze zu formulieren, hat laut Dawkins die Naturwissenschaft, hier ist sich die Vernunft quasi selbstdurchsichtig geworden. Vor allem in der Biologie und in Sachen Abstammung hätte Darwin endlich aufgeräumt mit diesen primitiven theologischen Ansichten, die die Wissenschaft gefangen hielten. Für Dawkins ist es Darwin und seiner Evolutionstheorie zu verdanken, dass sich die Naturwissenschaften von der Theologie emanzipieren konnten, da die gesamte Komplexität nun ohne „göttlichen Uhrmacher“ erklärt werden kann. Auf dieser rein wissenschaftstheoretischen Ebene wird ihm auch noch niemand widersprechen. Prekär wird die Sache erst dort, wo Dawkins seine Leidenschaft für naturwissenschaftliche Vernunft und Darwin zu einer Pflichtübung für alle Menschen machen möchte, die den Anspruch erheben, sich „vernünftig“ verhalten zu wollen. Natürlich hat Darwin mit geholfen, meine These, dass Wissenschaft und Religion getrennt bleiben sollen, überhaupt erst denkbar zu machen. Doch aus ebendiesen Thesen Darwins kann man nicht folgern, dass eine der Weltbeschreibungen besser weil adäquater wäre also die andere. Auch wenn Dawkins also den Namen „Darwin“ im Gotteswahn am zweithäufigsten erwähnt, so hat er meiner Ansicht nach die wahre Kraft seiner Theorie im Hinblick auf Toleranz anderen Ansichten gegenüber, nicht erkannt. (Interessanterweise gibt es nur einen Namen, den Dawkins im Gotteswahn öfter nennt als den von Charles Darwin: Jesus von Nazareth. Vgl. S. 558ff)
Eigentlich hat Dawkins „Gott“ durch „Vernunft“ ersetzt, so wie die Essentialisten „Bewusstsein“ mit „Sprache“ ersetzt haben. So hat er das darwinsche Wuchern des Lebensbaumes (oder der Koralle, von der Darwin auch spricht) wieder zu einem Konvergieren zu einem Ziel hin uminterpretiert. Diese Ersetzung macht ihn vielleicht blind dafür, dass die Vernunft kein Hintergrund ist, der alle vereinen wird, wie ein Kant es gerne gesehen hätte. Es macht ihn vielleicht auch blind dafür, dass die Ausübung einer Religion keine Dummheit ist, nur weil man hier nicht alles rational erfassen will. Er verkennt, dass jedes Sprachspiel, auch sein eigenes, grammatische Sätze hat, oder anders gesagt, dass sein Sprachspiel ebenso einen uneinholbaren Hintergrund hat. Und schließlich verkennt er wohl, dass es nach Darwin höchst problematisch ist, eine „wissenschaftlich rationale Vernunft“ als privilegierte Weltbeschreibung zu sehen.
Natürlich kann er immer versuchen, andere Menschen für sein Sprachspiel zu gewinnen, doch untergriffige Diffamierungen des religiösen Menschen als primitive, geblendete Motten zeugen weder von Toleranz noch von Demut im Angesicht der eigenen potentiellen Fehlbarkeit und Relativität.
Vielleicht könnte man sagen, dass Richard Dawkins in den Naturwissenschaften das absolute, cartesische Subjekt endlich verwirklicht zu sehen glaubt, zu dessen Dekonstruktion Charles Darwin so viel beigetragen hat.

Man sollte sich auch selber fragen…

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , on 12. Februar 2009 by sebastian

Ich möchte hierzu etwas loswerden.
Diesen Beitrag zur aktuellen Debatte halte ich für interessant. Er beginnt mit einer scheinbar sachlichen Aufzählung von Untaten, die im Namen einer menschlichen Kulturpraxis vor sich gehen. Es werden Untaten aufgezählt, die im Rahmen der katholischen Kirche passieren, eine recht willkürliche Setzung, es hätten gut und gerne auch Untaten im Namen einer anderen Strukturpraxis sein können. Doch gut, es geht eben um Greueltaten, die im Bezug auf die katholische Kirche geschehen sind.
Doch dann auf einmal, nach dem ersten Absatz wird die Darstellung ungerechtfertigt normativ, Sätze mit „sollen“ tauchen auf anstelle von Sätzen mit „sind“. Außerdem wechselt der Fokus scheinbar unbemerkt von „Kirche“ auf „religiöser Glaube“. Der Schlüsselsatz lautet meiner Ansicht nach: „Daher kann ein vernunftbegabter Mensch nach einigem Nachdenken nur zu dem Schluss kommen: Wenn diese Menschen im realen Leben schon so irren, so ignorant sind und Menschen mit Füßen treten, kann auch das was sie glauben, nicht richtig sein.“ Dieser logische Schluss ist im besten Falle abduktiv und damit in keiner weise plausibler als der gegenteilige Schluss. Die vorgenommene Verkürzung von „Religion“ auf „römisch-katholische Kirche“ greift hier störend ins Geschehen ein.
Die Struktur der katholischen Kirche gehört auch meiner Ansicht nach radikal erneuert. Der Autor setzt aber diese singuläre menschliche Praxis ungefragt (und meiner Ansicht nach sehr kurzsichtig) in Eins mit der Pluralität des Sprachspieles der „Religion“. Noch einmal wiederholt lautet die Kernaussage des hier angeführten Arguments: „Diese Menschen machen Fehler – alles was sie glauben muss Unsinn sein.“
Mit diesem „Argument“ könnte man jedoch jeden Atheisten, jeden Naturwissenschaftler und überhaupt jeden, der einem gerade nicht in den Kram paßt, zu diskreditieren versuchen, denn jeder Mensch macht aus der Sicht der anderen Fehler.
Ich sehe jedenfalls in diesem Beitrag keinen Grund dafür aufgezeigt, warum man Atheist werden sollte oder müsste, weil einem die katholische Kirche nicht gefällt, oder was die Abkehr von religiösem Glauben mit „Vernunft“ zu tun haben sollte. Oder auch, was denn die so vielgepriesene Vernunft überhaupt besagt. Diese (und auch meine eigene) Argumentation war jedenfalls alles andere als „vernünftig“ in einem Hegelschen Sinn.

Holocaustleugner, der Papst und Kierkegaard

Posted in Religion with tags , , , , on 5. Februar 2009 by sebastian

In Anbetracht des meines Erachtens nach skandalösen Benehmen des Oberhauptes der katholischen Kirche, möchte ich ein wenig was dazu sagen.
Nach einer scharfen Zurechtweisung von Angela Merkel reagiert der Papst also empört. Sehr interessant. Doch noch interessanter finde ich daran die Kritik derjenigen Menschen, die sich „Katholiken“ nennen, oder doch zumindest bei der Erhaltung dieses Vereins beteiligt sind. Sie bleibt nämlich, wenig überraschend, wieder einmal aus, oder dort wo sie geübt wird ist sie ein zahnloser und gezwungen anmutender Gestus.
Moment, könnte man mir hier entgegnen: „Es gibt doch wohl nachweislich genügend öffentliche Einsprüche gegen die neusten Aktionen des Papstes, z.B. bei der Rehabilitierung von Holocaust Leugnern und beim Einsetzen eines theologischen Fundamentalisten in hohe kirchliche Ämter!“
Da mag etwas dran sein, ich hab die leeren Worthülsen auch gehört. Aber: Hat das den Papst beeindruckt? Oder irgendjemanden im Vatikan? Oder hat es einen Kirchenzweifler davon überzeugt, dass „die Katholiken“ ja eigentlich doch keine so üblen Gesellen sind? Ich denke nicht.
Aber, so kann man weiter einwenden: „Das sagt ja nur der Papst, aber bei den einzelnen Gläubigen in den Kirchen ist das ganz anders!“
Da mag etwas dran sein, ich möchte das mit einem Zitat beantworten, das man hier nachlesen kann, indem man aber „akademische Linke“ für diese zwecke durch „Katholiken“ ersetzen muss. Meiner Ansicht nach stellt die Situation der selbsternannten „rechtschaffenen, aber nicht erhörten Gläubigen“ genau so eine Struktur der Selbstlegitimierung in der eigenen Untätigkeit dar.
Die These die ich vorbringen möchte, ist an Kierkegaard angelehnt: Wenn es diesen Menschen, diesen „aufrechten Katholiken“ die dem Vatikan widersprechen, wenn es diesen Menschen mit ihrem Glauben ernst wäre, dann gäbe es die Struktur der katholischen Amtskirche nicht mehr. Dann wären die meisten Menschen schon aus der Kirche ausgetreten und die letzten Fundamentalisten wären ein trauriger aber theologisch wie politisch bedeutungsloser Haufen. Aber es ist eher wie Kierkegaard schon anprangerte: Die Einzelnen lassen sich hier von den Sicherheiten, die das Allgemeine ihnen bietet einlullen, sie bleiben in einer uneigentlichen Allgemeinheit gefangen, sie ergreifen sich nicht selbst, sie sind Sklaven des Allgemeinen.
Ich hege indes keine Hoffnung, dass sich an dieser katholischen Struktur etwas ändert. Der Punkt, der mich aufregt ist dieser unhinterfragte Selbstbetrug, diese Trennung von der „Kirche für uns Gläubigen“ und in die „Kirche des Vatikans“. Hier ist der religiöse Glaube unauthentisch, er ist eine Entschuldigung, ein Placebo für eigene Ängste.
„Ja wirklich schrecklich was der Papst da schon wieder gesagt hat. Bei uns im Pfarrkaffee ist das ja ganz anders. Austreten? Ich? Nein, warum?“

Fragwürdige Fragwürdigkeit

Posted in Philosophie, Religion with tags , , on 27. Januar 2009 by sebastian

Ich möchte kurz auf diesen Beitrag antworten.

Meinem Erachten nach ist das ein Beispiel für sehr untertourig laufende Religionskritik, auch wenn ich einigen (zentralen) Thesen zustimme. Solch eine Religionskritik ist eine, die froh ist, etwas gefunden zu haben, wohin man die Schuld für alles Schlechte hinschieben kann, damit man sie nicht mehr vor der eigenen Haustür findet. („Es gab doch die Aufklärung, aber es ist noch immer kein Frieden, das muss diese prinzipiell gewalttätige Religion sein!“ Der Antagonismus von Religion und Vernunft ist einer, der eine Schuldzuweisung erleichtert. Oder die Geschichte mit den Busplakaten – warum sollte ich mein Leben nicht genießen, wenn ich an Gott glaube?)
Den Thesen, denen ich zustimme wären:
(1)    dass Religionsunterricht in der Schule durch einen Ethikunterricht ersetzbar sein muss.
(2)    Ich sehe ebenfalls die dringende Notwendigkeit, dass sich die Strukturpraxis der katholischen Amtskirche ändert. Da kann man gar nichts schönreden. Hier muss sich eine Menge ändern. Meiner Ansicht nach hat das, was heute in Kirchen passiert nur mehr am Rande etwas mit religiösen Erfahrungen zu tun. Aber das ist ein anderes Thema, wichtig hier zu erwähnen bleibt, dass meiner Ansicht nach religiösen Bewegungen keine politische Macht zugeteilt werden sollte.
Was daraus allerdings für mich keinesfalls folgt, ist eine Feindschaft zur Religion wie sie von sogenannten „Liberalen“ oder „Freidenkern“ gerne probagiert wird. (Christliche) Religion hat nach wie vor Sinn und gibt manchen Menschen auch Sinn. Welches Recht haben dann diejenigen, die der Vernunft folgen, anderen ihre Ansichten verleiden zu wollen?
Ich bin mir darüber im klaren, dass viele Menschen die Meinung vertraten, dass die Religion (welche das auch immer sei soll) abgeschafft werden sollte, aufgrund der schlechten Erfahrungen, die man mit ihr durch die Geschichte hindurch gemacht hat. („Oh Vernunft, Kreuzzüge!“, „Oh Vernunft, Hexenverbrennungen“ – auf der anderen Seite „Oh Gott, Keimbahnintervention!“ und „Oh Gott, Respektlosigkeit!“)
Ich kann diese Ansicht verstehen, nur blendet sie meiner Ansicht nach auch aus, dass mindestens(!) ebensoviel Gutes im Namen der Religionen geschieht und geschah. Abgesehen davon geben religiöse Sprachspiele Möglichkeiten zur Sinnfindung, die anderen Sprachspielen – zum Beispiel dem der Vernunft – einfach nicht offen stehen. Beim Thema des eigenen Todes oder des Sinn des Lebens beispielsweise konnte mir noch keine naturwissenschaftliche Antwort etwas befriedigendes Antworten. Darauf etwa zu sagen „Nach dem Tod ist halt nichts, man lebt nur im jetzt!“ blendet für mich zu viel aus. Für andere Menschen mag das anders sein, natürlich, aber das hilft mir persönlich nichts.
Hier sind dann auch die Grenzen der Vernunft verortet. Sie ist nur so lange vernünftig, so weit Andersdenkende sich ihr unterwerfen. Durch die Vernunft entsteht sehr viel Frieden, wenn alle anderen Menschen auch so vernünftig sind wie die eigene Gruppe. (Dasselbe fordert interessanterweise der Islam im Koran: Es wird totaler Friede sein, wenn erstmal alle Menschen zum Islam konvertiert sind.) Die Grenzen der Vernunft sind also dort, wo die Vernunft nicht mehr von allen Teilnehmern der Diskussion als alle vereinender Hintergrund anerkannt wird. Die Grenzen der christlichen Religion sind dort, wo JHWH nicht mehr von allen als der Schöpfer anerkannt wird. Meiner Ansicht nach wird es letztlich zwischen diesen beiden Sprachspielen keine vernünftige(!) Vermittlung geben können, ihre Grundprämissen sind zu verschieden. Doch beide müssen bestehen dürfen, beide haben Anhänger, die sich über ihre Zugehörigkeit definieren. Das einzige was die Jünger der Vernunft und die Jünger JHWHs hier eint, ist, dass sie etwas gefunden haben, das ihrem Leben Stabilität und Sicherheit gibt. Wünschenswert wäre, dass diese Gleichheit in aller Verschiedenheit zu gegenseitigem Respekt und Demut im Umgang führen sollte. Von beiden Seiten sind ursupatorische Übergriffe untersagt. Der Papst muss sich aus politischen Dingen heraushalten, die „Liberalen Freidenker“ aus religiösen. Keine Gruppe hat der Anderen zu sagen, dass es nur einen richtigen Weg gäbe (nämlich den eigenen).
Der Anstoß des Artikels ist allerdings viel naheliegender und nicht unbedingt mit Religion in Verbindung zu bringen: Niemand möchte gerne öffentlich beleidigt und diffamiert werden (Frau Winters Kommentar zum Islam ist ohne einen einzigen Paragraphen zu bemühen einfach eine plumpe und unsinnige Beleidigung, sie ist kein „Opfer der Religion“).
Es wäre schön, wenn §188 abgeschafft werden würde, wenn das bedeutet, dass man ihn nicht mehr benötigt, weil die sogenannten vernünftigen Menschen gelernt haben, mit den sogenannten religiösen Menschen zurechtzukommen und Rücksicht aufeinander zu nehmen und umgekehrt.

Einige Gedanken zum Begriff „Religion“

Posted in Philosophie, Religion with tags , , , , , , on 30. Oktober 2008 by sebastian

Am Beginn der Religionswissenschaft steht zentral, wichtig und unumgehbar die Frage danach, was Religion eigentlich sei.

Der Religionsbegriff ist bis heute nicht geklärt. Hier scheint es, dass wir die Sache nicht richtig erkannt haben. Es ist keine genaue Definition von „Religion“ in der praktizierenden Religionswissenschaft vorhanden. Aber muss man dann eine genaue Definition haben? Und was bedeutet „genau“? Bedeutet es „der Sache entsprechend“? Ab wann wird eine Definition genau?

Warum wird angenommen, dass uns die Welt irgendwann sagen wird, wie diese Sache namens Religion richtig, das heißt genau, abzubilden, das heißt zu definieren, ist? Sagt uns die Welt, was Religion eigentlich ist, wenn wir genau genug hinsehen?

Dann bedeutet „genau“ dass es mit den Tatsachen der Welt übereinstimmt, die Welt macht unsere Aussagen wahr und unsere Definitionen zutreffend. Die Welt sagt uns dann, wie wir über diese Sache namens Religion sprechen müssen, weil die Tatsachen nun einmal so liegen.

Ich halte diese Abbildungswahrheit, diese Korrespondenztheorie, für falsch. Ist nicht die Ansicht von Wittgenstein hier hilfreich: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch.“? Wenn der Begriff „Religion“ in der Wissenschaft davon verwendet und verstanden wird, wenn mit ihm umgegangen wird, dann hat er hinreichend genaue Bedeutung. Religion kann man verstehen als Zusammenfassung einer Familienähnlichkeit.

Es ist doch sinnlos, zu sagen, dass ich ein Wort immer falsch oder nicht genau genug verwende. Worte sind immer so genau, dass sie funktionieren können. Der Begriff Religion wird verwendet und verstanden. Ein Begriff ist nicht falsch, nur weil er nicht so kompliziert erklärt wird, wie es theoretisch möglich wäre.

Angenommen: Jeder, der „Religion“ benutzt, versteht etwas, wenn „Religion“ gesagt wird, wenn auch nicht alle dasselbe. Die, die es nicht verstehen, werden beim Spiel der Religionswissenschaft nicht mitspielen, denn wer das Wort nicht versteht, verwendet es nicht und umgekehrt.

Man muss dann den Anspruch fallen lassen, dass man etwas, das von der Welt wahr gemacht wird, sagt, wenn man über die Religion spricht, die zuvor genauestens, nach allen Regeln der Welt definiert wurde. Religion ist nicht für alle wichtig oder auch nur existent.

Dann sieht man Religionswissenschaft als die Darstellung und den Vergleich von verschiedenen, spannenden und kreativen Vokabularen, um die Welt so zu beschreiben, dass sie Sinn macht. Die Religionswissenschaft hat dabei natürlich ihre speziellen Methoden, Regeln, die das Spiel konstituieren.