Derrida zu Austin

Jacques Derrida schreibt in seinem Essay Signatur Ereignis Kontext, dass sich durch einige begriffliche Veränderungen, die seiner Ansicht nach Notwendig sind, das Primat der gesprochenen Sprache vor dem der Schrift auflöst. Derrida schreibt, dass im abendländischen Denken bis zu ihm nur ein Bild geherrscht habe: Es gäbe zuerst die Sprache der Gebärden, die dann komplizierter würde und mit Symbolen arbeitete – die Lautsprache entstand. Die Schrift erweiterte nun das Feld der Kommunikation über die Maße der Lautsprache hinaus. Nun konnte man viel mehr Menschen die viel weiter entfernt waren, eine Kommunikation zukommen lassen. Doch – so Derrida – diese Ansicht setzt einen homogenen Raum der Kommunikation voraus, der für all diese drei Arten der Kommunikation derselbe sei. Hier nehme die Art der Kommunikation keinen Einfluß auf die Ideen die transportiert werden. Das ist laut Derrida falsch, und seine Verabschiedung dieses Bildes hängt mit der Abwendung von der Abbildungswahrheit zusammen. Wenn die Wahrheit etwas ist, was man nur richtig abbilden muss, dann kann man erklären, wieso die Art der Kommunikation nichts am Inhalt ändert. Wenn man aber sagen möchte, dass Denken Sprache und Schrift ist, dann ist der homogene Raum der Kommunikation zerstört. Dadurch löst sich der abgeschlossene Kontextbegriff auf und jedes Geschriebene Zeichen lebt von einer ewigen Iterierbarkeit – ein Neologismus der „Wiederholung“ mit „Andersheit“ verbindet. Es gibt also keine identischen Kontexte. Jedesmal, wenn man zitiert (und das tut man nach Derrida immer), ändert man den Raum von Kommunikation und Bedeutung.
Doch Derrida macht zwei für mich unverständliche Bewegungen:
1) Er argumentiert über den Abwesenheitsbegriff dafür, dass der Schrift der Vorrang vor der gesprochenen Sprache zukomme. Ich kann nicht erkennen, warum dies passiert. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der Gedanke, den Derrida ausdrücken möchte – die prinzipielle Unabschließbarkeit jedes Sinnhorizontes, anders gesagt, dass es keine Art zu Sprechen gibt, die eine letztgültige und abgeschlossene Wahrheit darstellt – sich anhand der Schrift leichter zeigen läßt. Es ist leichter, geschriebene Sätze von ihrem Autor zu trennen und zuzusehen, wie andere Menschen diese geschriebenen Sätze je nach ihrem Kontext verwenden – die notwendige Iterierbarkeit jedes Zeichens läßt sich hier vielleicht einfacher zeigen. Vielleicht gibt es für Derrida einen metaphysischen Grund des Primats der Schrift. Ich kann allerdings keinen erkennen und meine, dass eine metaphysische Begründung dem Vorhaben Derridas nur abträglich wäre.
2) Er wirft John L. Austin allerlei unhinterfragte metaphysische Vorraussetzungen vor. Laut Derrida hielt der Versuch der Metaphysiker, den anderen Bereichen des Lebens Vorschreibungen aufgrund ihrer metaphysischen Autorität zu machen, bis zu ihm selbst ununterbrochen an. Ich glaube einfach nicht, dass das stimmt. Derrida hat wohl nicht sehen können, wie sehr diese Idee in Oxford unter Gilbert Ryle zu wackeln begann und wie Quine und eben Austin dies weiterdachten. John Searle brachte gegen Derridas Aufsatz eine berühmte Replik vor, die dann zu dem Buch Limited Inc. von Derrida führte. Meiner Ansicht nach besteht an dieser Stelle ein doppeltes Problem: Viele der Denker, die man unter Dekonstruktivisten oder als die französische Postmoderne zusammensammelt haben wohl immer das Gefühl, die angloamerikanischen Philosophen verfangen sich in metaphysischen Netzen, da sie immer noch versuchten, das letzte, aller erklärende Vokabular – Erkenntnisfundamente – zu finden. Viele angloamerikanische Philosophen haben auf der anderen Seite das Gefühl, dass Derrida ihnen erzähle, was sie schon von Austin und Quine kennen. Deswegen auch die Ansicht Searles, dass Derrida quasi eine seichte und ungenaue Sprachphilosophie betrieb als er Austin diskutierte.

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