Franz Wuketits liest Darwin

Im Zuge einer Vorlesung über Evolutionstheorien habe ich mich auch mit der dazugehörigen Einführung in die Evolutionstheorie von Franz M. Wuketits (der im Übrigen die Vorlesung hält) zur Hand genommen. Die Vorlesung wird zwar von Institut für Philosophie angeboten, was ich habe bisher serviert bekommen habe, war durchwegs Kost für Biologen. Soweit ich die Sache überblicken kann, hat Wuketits die biologischen Aspekte so gut erfaßt, wie es heute möglich zu sein scheint. Von der Seite der Philosophie her bin ich jedoch etwas unzufrieden. Ich habe das Gefühl, das Wuketits dieselbe Sicht zur Wichtigkeit und Richtigkeit der Evolutionstheorie hat, wie ich sie hier Richard Dawkins unterstellt habe.
So schreibt Wuketits folgendes: „Unter dem Einfluß der alttestamentarischen Theologie, des Christentums und der Philosophie Platons war das abendländische Weltbild bis tief in die Neuzeit hinein statisch und ließ den Begriff eines stammesgeschichtlichen Wandels der Organismenarten nicht zu.“ (WUKETITS, Franz M.: Evolution. Die Entwicklung des Lebens. Verlag C.H. Beck: München, 3. Auflage 2009, S. 17.)
Meiner Ansicht nach ist diese Einschätzung der Dinge hilfreich. Die Ideenwelt Platons glänzt wirklich nicht durch innere Dynamik oder Veränderbarkeit. Die Ideen sind quasi göttlichen Ursprungs und ewig gleichförmig. Alles was wir nach Platon tun können, ist, die richtige Methode zu finden, um die Ideen korrekt in unserem Geist abzubilden, also sie zu erkennen. Dieser Vorstellung Platons hängen heute nicht mehr viele Denker an (Obwohl ich letztens erst einen Mathematiker getroffen habe, der tatsächlich einen mathematischen Platonismus vertritt.), sie ist heute eher vehementer Kritik ausgesetzt. So auch durch Biologen, die Darwin ernst nehmen wollen – wie eben Franz Wuketits und wohl auch Richard Dawkins.
(Analoges gilt für die Idee eines Gottes. Man ersetze einfach „Ideenwelt“ durch „Gott“ und „Platon“ durch „Christen“)
Kurz vor der von mir zitierten Stelle, zeigt sich meiner Ansicht nach die philosophische Schwäche von Wuketits: „Obwohl mittlerweile, aufgrund von unzähligen Befunden aus allen Disziplinen der Biologie und ihrer Randgebiete […] Evolution längst als Tatsache anzuerkennen ist, ist die Kontroverse ‚Schöpfung oder Evolution?‘ noch immer virulent.“ (Ebd. S. 16, Hervorhebung im Original)
Das klingt schon nicht mehr so flexibel und dynamisch. (Noch dazu beachte man den Sprung von den Tatsachen zum Imperativ) Das Wort „Tatsache“ hat in den allermeisten menschlichen Sätzen die Aufgabe, etwas Unumstößliches anzuzeigen, ein Faktum quasi. Das Wort ist in der Abbildungstheorie der Wahrheit zuhause. Die Menschen, die heute noch an Schöpfung glauben, die hätten einfach einen plumpen Fehler gemacht, etwas nicht richtig erkannt. Die (klugen) Leute, die erkannt haben, dass es doch die Evolution ist, die da werkt, die haben die Sache erkannt, die haben die Tatsachen richtig erkannt.
Meiner Ansicht nach wird man, wenn man Darwin wirklich ernst nimmt, solche Sätze und solche Wörter nicht mehr benutzen. Genau genommen hat Wuketits hier eine statische Erklärung (Ideenwelt) durch eine andere statische Erklärung (Evolutionsmechanismus) ersetzt. Anders gesagt: „Innerhalb dieser Evolutionsmechanismen, die da am Werk sind, ist alles veränderlich, hat kein Ziel und kein Ende – aber dass es diese Evolution gibt, das ist der ‚wahre, unveränderliche Rahmen‘ aller Veränderung, den wir richtig erkennen können.“ Wenn man so einen Satz sagt, dann negiert man die meiner Ansicht nach philosophisch erst spannenden Dimensionen der Thesen Darwins. Man hat die Möglichkeit zur ziellosen Veränderung wieder relativiert, indem man meint, ein übergeordnetes Rahmenwerk entdeckt zu haben, in dem sich alle Veränderung erst abspielt. Eigentlich wird hier eine immer noch statische Ideenwelt unter neuem Namen postuliert.

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