Gesetzeskraft

„Das Selbe kann dem Selben in derselben Art und Weise nicht zugleich zukommen und nicht zukommen“
Den recht berühmten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch formuliert Aristoteles in seiner Metaphysik. Man sollte meinen er ist einleuchtend und klar. Doch er rief auch Widerspruch hervor, den wohl eindringlichsten Einwand formulierte Friedrich Nietzsche. Dieser meinte, in einer relativ späten Phase seines Denkens (der betreffende Aphorismus wurde von Nietzsches Schwester in den „Willen zur Macht“ eingebaut), dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch kein Seinsgesetz ist, sondern ein Denkgesetz für den Menschen. Den Dingen könnte beispielsweise zukommen, zugleich Hart und Weich zu sein, in ebenjener Weise, wie Aristoteles sie ausschließt – aber wir Menschen könnten es aufgrund der Beschaffenheit unseres Denkens niemals nachvollziehen oder erkennen.
Moment! Sagen hier findige Metaphysiker. Aber dadurch, dass Nietzsche hier quasi eine Position außerhalb alles Denkgesetze bezieht, macht er doch selber eine Aussage über das Sein, dass das „bloße Denken“ übersteigt. Indem er sagt, der Satz treffe nur auf unser Denken zu, nicht auf die Dinge, beansprucht er doch eben, jene Dinge erkannt zu haben und nicht „nur“ unser Denken.
So, ohne weiteren Kommentar ist dieser Einwand meiner Ansicht nach auch ziemlich stichhaltig. Doch ich denke, man sollte diese Aussage Nietzsches mehr in seinem Kontext betrachten. Konkret heißt das, dass man seine Umdeutung des Wahrheitsbegriffes mitbedenken sollte, um in Nietzsches Aussage mehr zu sehen als eine Fehlerhafte Abbildung der Gegebenheiten. Denn Nietzsches berühmte Formulierung der „Wahrheit als bewegliches Heer von Metaphern“ bezieht Nietzsche auch auf sich selbst. Auch er selbst spricht in Metaphern, er selbst will für sich keine Abbildungswahrheit beanspruchen.
Er wollte mit dieser Metapher, dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ein Denkgesetz und kein Seinsgesetz sei, vielleicht einen Raum besetzen, der nach der Metapher von Gottes Tod leer geworden war. Vielleicht ist es eine Metapher die dem ihm vorschwebenden Übermenschen, der gelernt hat, ohne Gott, ohne Absolutes zu Leben, hilfreich ist. Vielleicht auch nicht, vielleicht gäbe es bessere Metaphern, Nietzsche hat zumindest immer weiter nach ihnen gesucht.
Ich denke, das wäre spannender, als in Nietzsche einen „bloßen Metaphysiker“ zu sehen, der gedanklich so plump war, dass ihm dieser Widerspruch nicht aufgefallen wäre. Ich denke nicht, dass Nietzsche dieser grobe Fehler unterlaufen ist. Eher glaube ich, dass er keine Wahrheit, keine Seinsgesetze, richtig abbilden wollte, da der „Tod Gottes“ meines Erachtens genau mit dem Abschied von solchen ewigen Seinsgesetzen zu tun hat.

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3 Antworten to “Gesetzeskraft”

  1. Hallo Sebastian,
    in meinen Augen sieht es irgendwie schizophren aus: Alle behaupten irgendetwas mit dem Anspruch, es sei die Wahrheit, auch wenn sie bestreiten, daß es so etwas gibt. Man sollte sich das doch einmal ganz langsam durch den Kopf ziehen lassen: ich sage etwas mit dem Anspruch, es sei wahr, füge aber hinzu, daß ich diesen Anspruch mitnichten erhebe. Was nicht heißt: ich sage etwas mit dem Anspruch es sei wahr und dem Zusatz, ich könnte mich auch irren, was den Anspruch ja nicht außer Kraft setzt. Der Irrtum spiegelt sich sozusagen in der Wahrheit oder: ohne Wahrheit kein Irrtum. Aber die Haltung: Ich sage etwas mit dem Anspruch es sei wahr (und das tut doch unausgesprochen jeder, der etwas sagt) aber gleichzeitig, dieser Anspruch sei nicht ernst zu nehmen, ist mir unverständlich. – Vor diesem Hintergrund scheint sich dann die ganze Rationalität zu verflüchtigen, wenn behauptet wird, der Satz vom Widerspruch sei eine Denk- und keine Seinsstruktur. – (Aber vielleicht stammt diese Einlassung ja von seiner Schwester.) Ich möchte jedenfalls auch an den Ausspruch Nietzsches erinnern, wo er (vielleicht beklagend) darauf hinweist, daß wir Gott nicht loswerden, solange wir an die Grammatik glauben!
    Viele Grüße

  2. Interessanterweise gibt es gegenwärtig wieder Logiker, die die weit verbreitet Akzeptanz des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch soziologisch weg erklären. Dialetheisten, allen voran Graham Priest, sind der Auffassung, dass es kein stichhaltiges Argument gibt, dass den Satz vom ausgeschlossenen rechtfertigen könnte (schon gar nicht ließe sich ein solches Argument schon bei Aristoteles finden). Hier ein entsprechender Lexikon-Artikel von Priest: http://plato.stanford.edu/entries/dialetheism/

  3. Charles Says:

    Nietzsche könnte sich aber doch auf die folgende Position zurückziehen:
    Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ist nicht ein Seinsgesetz für den er bisher stets ausgegeben wurde, sondern ein Denkgesetz, nicht mehr und nicht weniger.
    Über Seinsgesetze können wir nichts sagen.

    Das schreibst Du ja auch schon: „…aber wir Menschen könnten es aufgrund der Beschaffenheit unseres Denkens niemals nachvollziehen oder erkennen.“

    Wir haben demnach also nur Denkgesetze; und ähnlich wie Davidson die Unterscheidung von Begriffsschema und dem vermeintlich durch dieses Begriffschema geprägten Gehalt auflöst, müßte man wohl hier Denkgesetze neu konzeptionalisieren oder ein anderes Äquivalent zu Denkgesetzen ausmachen.

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