…diese Studie besagt…

Ich denke am Umgang mit „offiziellen Studien“ zu bestimmten Themen in der öffentlichen Diskussion kann man gut erkennen, was ich meine, wenn ich sage, dass Wahrheit von der Anerkennung der Mehrheit abhängt, nicht von objektiven Fakten.
Sobald der erste eine „offizielle Studie“ aus der Tasche zieht, bezweifeln die anderen Diskussionsteilnehmer einfach die Bedienungen, unter denen diese Studie zustande gekommen ist, oder die Aktualität der Studie und ihrer Bedingungen oder in wie fern sie für das Thema von Belang ist und ähnliches. Das Spektrum für die gesellschaftlich legitimierte Ablehnung der sogenannten „objektiven Fakten“ ist sehr breit. Eben hier zeigt sich sehr schön, dass eine momentan rechtfertigbare Behauptbarkeit erst über einen Konsens von bereits interpretierten Aussagen erreicht wird.
Man könnte sagen „die Welt“ steht unserer „Wahrheit“ überraschend gleichgültig gegenüber.

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7 Antworten to “…diese Studie besagt…”

  1. Hallo Sebastian!
    „…dass Wahrheit von der Anerkennung der Mehrheit abhängt, nicht von objektiven Fakten….“
    Da sei Gott vor! :) Die Mehrheit entscheidet, was gemacht werden soll, vielleicht weil sie es für wahr hält. Aber Mehrheit an sich ist doch kein Wahrheitskriterium. Na, die alte Geschichte halt. ;-)

  2. Ich würde schon sagen, dass gesellschaftliche Mehrheit ein Wahrheitskriterium ist (gemeint als wissenschaftlich-deskriptive Aussage nicht als politisch-normative). Allerdings bin ich der Meinung, dass das ganze über verschiedene Glaubenskomplexe funktioniert und man immer beachten muss, dass es nicht nur eine Wahrheit der Mehrheit gibt, sondern auch Wahrheiten von Minderheiten. Die Diagnose eines Lungenkarzinoms durch eine Ärztin wird eher (Wahrheits)Glauben geschenkt als der eines Kleinkindes. Einem Erstsemester wird wissenschaftliches Arbeiten zugetraut als einem fortgeschrittenen Semester und einer Biologieprofessorin wird zum Theme Nahostkonflikt weniger Glauben geschenkt als einem Professoren der Internationalen Beziehungen (alles sehr pauschale Beispiele). Es gibt aber auch Fälle in denen einem Homöopathen mehr Glaube geschenkt wird als einer „Schulmedizinerin“ oder einem Karmapa mehr als einem Politiker.

    An den wenigsten Stellen unserer Gesellschaft verfügen wir wirklich über Primärwissen, sogar in den Wissenschaften, und selbst wenn wir darüber verfügen, verwenden wir bestimmten Theorie der Wahrnehmung, um die Zusammenhänge in der Welt zu verarbeiten bzw. zu verstehen.

    Meiner Vorstellungen nach, muss man grundsätzlich eine Vielzahl von Glaubenskomplexen unterscheiden, die sich (meiner Ansicht nach in Anlehnung an die Systemtheorie) teilweise in einzelnen Subjekten vereinen. Wir entwickeln ein Vertrauen (Vorstellung von Stabilität) gegenüber Freunden, Wörtern, Gruppen wie Experten, Fachleuten, Gurus, Lehrern, „Wissenschaftlern“, etc. Wenn wir ein Widerspruch finden, wird das Vertrauen auf die Probe gestellt, evtl. nicht ganz zerstört, grundsätzlich aber transformiert, d.h. entweder gestärkt oder geschwächt.
    Letztlich kann man Wahrheit, denke ich, durchaus als diskursiven Begriff untersuchen, aber das macht ihn nicht vollkommen relativistisch, denn Wahrheit oder Wahrheitsglaube baut auf (einer Vielzahl von) Institutionen auf, über die teilweise breiter Konsens, teilweise kritischer Dissens herrscht.

  3. Zur Frage, ob gesellschaftliche Mehrheit ein Wahrheitskriterium sein kann, fällt mir ein zynischer Spruch ein, der vor Jahren mal auf die Wand einer öffentlichen Wiener Bedürfnisanstalt gekrizelt worden war: „Eßt Scheiße, denn 100.000 Fliegen können sich nicht irren.“
    Man denke dabei auch an die „gesellschaftliche Mehrheit“ in Hitler-Deutschland, die Juden als „Untermenschen“, ja „Ungeziefer“ bewertete.

  4. Ich wollte auch keinesfalls Relativismus verbreiten. Das wurde ja schon den Pragmatisten und den Dekonstruktivisten plump vorgeworfen – nur weil sie neue Wege suchten, über das Thema zu sprechen.
    Ich halte dein Kommentar, Lara, für wichtig, richtig und spannend. Bei Fragen der Wahrheit sollte es nicht darum gehen, was uns die „Welt gesagt“ hat, sondern darum, was wir warum bereit sind, wem zu glauben.

    manfred, dein Beispiel kenne ich auch (scheint auf mehreren Wcs zu finden zu sein ; ) ) aber es ignoriert eben den Fakt, dass wir Fliegen nicht als Leitfaden für unser Essverhalten anerkennen. Da doch eher jamie Oliver oder etwas in der Richtung.

  5. Das ist eben der Punkt und deswegen schrieb ich „gemeint als wissenschaftlich-deskriptive Aussage nicht als politisch-normative“. Weswegen „wissen“ viele Menschen, dass die chinesische Mauer aus dem All zu sehen ist? Sicher nicht, weil sie sie selbst gesehen haben. Sie glauben es, weil es ihnen entweder plausibel oder vernünftig erscheint (sie also ihrer eigenen Welteinschätzung trauen) und/oder weil sie bestimmte Meinungen für mehr oder weniger glaubwürdig halten (sprich: autoritär-orientiertes Denken). Verschwörungstheorien und Binsenweisheiten basieren gleichermaßen mehr auf Plausibilitätsvorstellungen, als auf faktischer Prüfung. Es scheint durchaus plausibel, dass die US die Mondlandung vortäuschten, um einen bestimmten politischen Effekt zu verursachen. Auch hatte die zionistische Bewegun faktisch mit dem Holocaust ein gutes Argument für die Errichtung des israelischen Staates. Aber natürlich sagt weder das eine noch das andere etwas über die Fakten aus, und die sind oft trockener und banaler als das spektakuläre Enthüllungswissen von Verschwörungen.

    Die chinesische Mauer kann man übrigens nicht aus dem Weltall sehen und sogar aus einigen Kilometern ist sie schwer erkennbar, wie sich heutzutage leicht mit Google Earth prüfen kann. Nur interessieren sich dafür die wenigsten und außerdem gibt es wenig Anlass, wegen der Sichtbarkeit der chinesischen Mauer eine Recherche zu machen.

    Dein Beispiel, manfred, ist der beste Beweis, dass Wahrheit genealogisch diskursiv geregelt wird. Als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler sollte man darin natürlich tunlichst keinen moralischen Imperativ der Willkürlichkeit sehen, sondern im Gegenteil ein Bewusstsein für die Veränderung entwickeln, d.h. sich mehr für die Bedingungen des eigenen moralischen Denkens interessieren.

    (Ich glaube es wäre interessant Menschen auf der Straße zu fragen, ob sie für oder gegen Frieden sind und wenn sie „ja“ sagen, zu fragen weswegen. Sobald die Begründung im Schema tautologisch wird („Das ist gut weil das gut ist“) muss man sich fragen, ob diese Menschen auch in der Lage wären, die Werte für die sie stehen, zu verteidigen und wie sie es machen würden. )

  6. Ich glaube nicht, und das ist eigentlich alles, was ich sagen wollte, dass man den sogenannten „Fakten“ näher kommt, als in deinen Beispielen im ersten Absatz.
    Ich finde es übrigens auch toll in der Selbstanwednung, wie du im zweiten Absatz Plausibilitätsgründe anführst, warum du den Satz „Die chinesische Mauer kann man von Weltall aus sehen“ für falsch erachtest. Um es mit Wittgenstein zu sagen (in Über Gewißheit): „Es spricht (momentan) alles dafür, und nichts dagegen“. Mein „web of believes“ ist ebenso geknüpft, dass ich deinen Einwnad gegen die Sichtbarkeit der chinesischen Mauer für richtig erachte. Deine Sätze erscheinen mir plausibel.

  7. Hihi, nunja, es steht dir ja frei Google Earth zu verwenden. Obwohl… könnte natürlich retouchiert sein. Naja… nicht so… plausibel :)

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