Bullshit!

Harry Frankfurt brachte so etwas wie einen Bestseller der Philosophie heraus, einen von ihm gehaltenen Vortrag Namens On Bullshit. Er will darin versuchen, eine philosophische Theorie des Bullshits zu umreißen. Das ist ein wichtiges Thema, schließlich gäbe es so viel Bullshit, heute wohl mehr als früher. Doch was ist er genau, was ist das Konzept von Bullshit?
Frankfurt geht dafür auf eine autobiographische Notiz von Wittgenstein ein. Als dieser eine Freundin im Krankenhaus besuchte, der die Mandeln entfernt wurden, sagte sie mit brüchiger Stimme „Ich fühle mich wie ein überfahrener Hund“ und Wittgenstein antwortete relativ schroff (wie es wohl so seine Art war) „Unsinn, woher sollten sie wissen, wie sich ein überfahrener Hund fühlt.“
Diese Aussage war laut Frankfurt Bullshit. Es war eine Aussage, die sich einfach nicht um den Wahrheitswert kümmert, das trennt sie von der Lüge. Der Lügende kennt eine „Wahrheit“ (etwas, das so genannt wird) und will diese bewußt verschleiern. Derjenige, der Bullshit verbreitet kümmert sich nicht um den Wahrheitswert, es geht ihm um den Effekt, den sein rhetorischer Bullshit erzielt. Es geht ihm nicht um eine Faktenlage. In diesem Sinne, sagt Frankfurt, ist der Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge.
Bullshit nimmt in unserer Zeit zu, weil es mehr Kommunikation gibt. Er taucht vermehrt dort auf, wo Menschen über Themen sprechen in denen sie keine Experten sind. So ziehen sie Halbwissen heran und verbinden dieses mit Floskeln, um einen Anspruch durchzusetzen, nicht um etwas korrekt darzustellen. Das Problem ist irgendwie damit verbunden, dass man in einer Demokratie zu allem eine politische Meinung haben muss, auch wenn man sich gar nicht wirklich damit befaßt hat.
„The contemporary proliferation of bullshit also has deeper sources, in various forms of skepticism which deny that we can have any reliable access to an objective reality, and which therefore reject the possibility of knowing how things truly are. These ‘antirealist’ doctrines undermine confidence in the value of disinterested efforts to determine what is true and what is false, and even in the intelligibility of the notion of objective inquiry.” (FRANKFURT, Harry: On Bullshit. S. 64f)
Für Frankfurt ist diese antirealistische Bewegung, weg von wahr und falsch, wohl etwas Schlechtes, wie ihre Verbindung zu dem wenig schmeichelhaften Konzept des Bullshits nahelegt. Mir persönlich macht diese Verbindung eher den Bullshit um einiges sympathischer.

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4 Antworten to “Bullshit!”

  1. Müsste man das Buch in einem Satz zusammenfassen, könnte man sagen: Den Bullshit auf Grundlage von Bullshit zu Bullshit erklären. ;-)

    Aber im Endeffekt kommt es ja nicht nur darauf an, ob es ein Haufen ist, sondern wie stark er stinkt. ;-)

  2. Haha ja, oder vielleicht auch, wonach der Haufen stinkt : D

  3. taoteaking Says:

    Sehr schön ! Habe das Essay von Harry auch gelesen … gut nochmal durch eine so kompakte Zusammenfassung an die wesentliche Aussage erinnert zu werden … nämlich , dass der Bullshit der Wahrheit viel gefährlicher wird als die Lüge, weil er sich gar nicht wirklich um sie kümmert … schön … und lustigerweise hatte auch ich , wie du es auch andeutest, eine gewisse Affinität zum Bullshit … ich fand die Schilderung der „Bullround“ (oder so ähnlich) cool … ein Zusammenhang wo allen Beteiligten klar ist, dass gebullshittet werden darf … denn wenn sich Bullshitter und Lügner und jene Mischen die an Wahrhhaftigkeit (ha ha ) interessiert sind mischen , dann ist das schon eher unangenehm und unsympathisch .
    ;-)

  4. Frankfurt geht dafür auf eine autobiographische Notiz von Wittgenstein ein. Als dieser eine Freundin im Krankenhaus besuchte, der die Mandeln entfernt wurden, sagte sie mit brüchiger Stimme „Ich fühle mich wie ein überfahrener Hund“ und Wittgenstein antwortete relativ schroff (wie es wohl so seine Art war) „Unsinn, woher sollten sie wissen, wie sich ein überfahrener Hund fühlt.“
    Diese Aussage war laut Frankfurt Bullshit. Es war eine Aussage, die sich einfach nicht um den Wahrheitswert kümmert, das trennt sie von der Lüge.

    Habe das Buch nicht gelesen und ich bin mir nicht sicher, ob ich Franfurts Bemerkung richtig verstehe. Hat er nun die Aussage von Wittgensteins Freundin oder Wittgensteins Aussage als Bullshit bezeichnet? Ich persönlich halte letztere für pedantischen Bullshit. Denn wer eine Aussage wie „Schmeckt wie Scheiße“ nur auf Worte reduziert, hat ein ernsthaftes Problem mit Kommunikation, die seit ihren allerersten Aufzeichnungen auf Bildern (d.h. auf Kontinuum nicht auf Komplexen) beruht. Sicher weiß man nicht, wie sich ein Frosch im Hals anfühlt, aber man hat eine Vorstellung davon und die andere Person, weiß, dass man den Frosch noch nicht im Hals gehabt hat und hat ebenso eine Vorstellung (die möglicherweise ähnlich ist).

    Ansonsten finde ich die kritische Betrachtung von Wissen sehr wichtig. Halbwissen ist allerdings auch ein sehr dehnbarer Begriff, denn über wirkliches Wissen verfügt niemand, und ebenso kann niemand alle Kontexte benennen, die zum Begreifen eines Gegenstandes notwendig sind. Ja, es gibt quantitative Unterschiede, und hier man muss sehr wohl differenzieren. Vielleicht wäre es sinnvoll die Betrachtung auf die Intention der Aussage zu fokussieren, d.h. ob die entsprechende Person ihre Aussage aus dem ihr eigenen Wissen deduziert, oder ob sie zuvor eine Meinung hat und sich entsprechend unkritisch Wissen angeeignet hat, dass die Meinung stützt. Auch das ist nicht ohne weiteres möglich, weil wir davon ausgehen, dass der Prozess der Bildung immer auch reziprok mit Meinung funktioniert, aber gerade in der Webkultur kann Argumentation kritisiert werden, wenn die Bildung im Laufe einer Diskussion enorm transformiert wird, d.h. sich spontan Wissen z.B. über Wikipedia angeeignet wird. Dieser spontane Bildungsprozess – quasi Bildung als Reflex, nicht zur Entwicklung, sondern zur Verteidigung einer Meinung – ist meiner Meinung nach ein wirklich guter Angriffspunkt, wenn man gefährliches Halbwissen und ideologische Argumentation identifizieren möchte.

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