Der perverse Zugang zum großen Anderen

Für Lacan ist ein Perverser nicht durch ungewöhnliche sexuelle Praktiken oder dergleichen definiert. Strukturell geht es bei der Perversität darum, wie sich der Perverse zur Wahrheit und seiner Rede in Beziehung setzt. Ein Perverser ist für Lacan derjenige, der einen direkten Zugang zum großen Anderen beansprucht. Religiöse Fundamentalisten sind nach Lacan in diesem Sinn pervers. Sie beanspruchen zu wissen, was Gott (hier der Ausdruck für den großen Anderen) will. Für den Perversen sind alle Zweideutigkeiten der Sprache beseitigt, er weiß genau, was der große Andere von ihm verlangt.
Demnach weiß der religiöse Fundamentalist, er muss nicht glauben. Hier treffen sich religiöse Fanatiker mit den „liberalen Zyniker“: beiden fehlt das Vermögen zu glauben. Glauben (vor allem der religiöser Natur) kann man als für die Vernunft grundlose Entscheidung ansehen. Authentischer Glaube beruht nicht auf einer Kette von Schlußfolgerungen, er beruht also nicht auf einem positiven Wissen. Authentischer Glaube könnte also eher im Umfeld einer ethischen Verpflichtung auftauchen, nicht bei vernünftigen Fakten und Wissensgewißheiten.
Liberale Zyniker (z.b. „Brights“ die sich über Glauben lustig machen) und religiöse Fanatiker behandeln religiöse Aussagen (meiner Ansicht nach fälschlich) als quasiempirische Aussagen. In Aussagen über Gott drückt sich für sie ein positives Wissen aus. Das macht es in Zeiten der modernen Naturwissenschaft für die Zyniker leicht, Gott als Hypothese mißzuverstehen und sich obschon der prognostischen Schwäche darüber lustig zu machen. Ebenso leicht läßt es einen religiösen Fundamentalisten im Gegensatz dazu dumm aussehen, da er sich in Dialoge einläßt wie „Ich glaub das nicht!“ – „Wenn es in der Bibel steht ist es genau so geschehen“ – „Bitte denk doch einmal nach!“. Den Anspruch Kreationismus als wissenschaftliche Hypothese durchzubringen sehe ich in diesem Sinne als vollwertig pervers. Religiöse Fundamentalisten sind leicht dazu zu verführen, wissenschaftliche Forschungsergebnisse für ihre religiösen Fehldeutungen einspannen zu wollen. (Deswegen bin ich immer skeptisch, wenn ein Gläubiger in einer Diskussion mit „neusten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen“ kommt.)
Das „witzige“ an dieser Sicht ist meiner Ansicht nach vor allem, dass religiöse Fundamentalisten den authentischen Glauben zerstören. Mit dem Anspruch, den Fundamentalisten stellen fällt es nicht schwer, ihr Projekt dem der Naturwissenschaft unterzuordnen.
Meine These lautet: Wenn es in der Religion um solch ein positives Wissen gehen soll (wo Vernunft und Gewißheit eine Rolle spielen wollen) dann ist sie nicht zu retten.

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4 Antworten to “Der perverse Zugang zum großen Anderen”

  1. Meine These lautet: Wenn es in der Religion um solch ein positives Wissen gehen soll (wo Vernunft und Gewißheit eine Rolle spielen wollen) dann ist sie nicht zu retten.

    Schön formuliert.

    Aber ist solches positiven Wissen nicht auch in den „moderaten“ europäischen Glaubensgemeinschaften noch integraler Teil des Glaubens? Zumindest habe ich bei den meisten überzeugten Gläubigen diesen Eindruck. Gerade wenn es z.B. um das Gebet geht, wird dieses als empirisch wirksam behandelt. Und gerade die Menschwerdung Gottes in Form von Jesus erscheint mir als Teil des Glaubens mit hohem Anspruch auf empirischen Wahrheitsgehalt zu gelten.

    Jedenfalls habe ich nicht den Eindruck, dass unsere Religionsanhänger sich bewusst von dem Anspruch, auch empirische Wahrheit zu verkünden, trennen.

  2. Woher weiß man, daß man etwas weiß? Weiß man es überhaupt, oder glaubt man nur, es zu wissen?
    Das Konzept des „positiven Wissens“ ist schleierhaft. Wie unterscheidet es sich von nichtpositivem Wissen?
    Dem Vorschlag, „Glauben“ als für die Vernunft grundlose Entscheidung zu betrachten, kann zwar Glauben geschenkt werden, doch steht zu befürchten, daß auch unter Entscheidungen, die an der Oberfläche vernünftig begründet erscheinen, der bodenlose Abgrund der Unvernunft lauert.
    Die hier diffamierten „religiösen Fanatiker“ einerseits und „liberalen Zyniker“ andereseits müssen wohl in noch weitere Unterkategorien aufgesplittet werden, jeweils wenigstens zwei, nämlich erstens solche, die für ihren Glauben kämpfen, dh andere bekehren (oder wenn nicht das, dann vernichten) wollen, und solche, die ihren Glauben einfach nur leben, ohne andere damit zu belästigen. Letztere sind aber in ihrem Glauben mindestens ebenso radikal wie erstere, ja vielleicht sogar noch mehr, da sie es nicht nötig haben, Bestätigung bei (bekehrten) Anderen zu finden: der Wunsch, anderen mögen auch demselben Glauben frönen, deutet ja auf eine tief versteckte Unsicherheit im eigenen Glauben hin.
    Da hier schon Lacan angesprochen wird, darf auch an das Begehren nach Anerkennung erinnert werden, um welches herum sich unsere psychischen Apparate und die unserer Mitmenschen konstituieren. Der hier gegebenen Anwendung auf den Begriff des Perversen kann ohne weiteres zugestimmt werden, wenn darin nur eine graduelle (keine prinzipielle) Unterscheidung vom „Normalen“ (das hier explizit unter Quarantäne gestellt wird) gesehen werden soll. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß die vom „großen Anderen“ begehrte Anerkennung ein beständiges Phantasma darstellt, welches in uns allen ihre Früchte treibt, dh auch ein sogenannter authentischer Glaube ist nur eine Frucht aus demselben Stamm wie ein sogenannter fanatischer.

  3. @toni: Wenn man es so sieht, wie ich darzustellen versucht habe, dann kann „positives Wissen“ eben kein integraler Bestandteil von Glauben sein. Dass ein Gebet empirisch wirksam sein soll kann man als Gläubiger natürlich glauben – man darf es aber nicht zu Wissen vorgeben, man kann eben keine Gründe nennen, die eine Frage nach dem „Warum?“ argumentativ befriedigen.
    Ich habe leider auch nicht den Eindruck, dass man sich in Religionen von solcher Art Wahrheitsanspruch trennt – schade darum, dann wird es weiter bergab gehen.

    @manfred: Woher man etwas zu wissen glaubt (überhaupt dein erster Fragekomplex) hängt meiner Ansicht nach mit einer Theorie der Wahrheit zusammen, die ich nicht teile, der sogenannten Zuschauertheorie oder Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wenn ich dem zu erkennenden Beziehungslos gegenüberstehe ist es natürlich nicht klar, warum ich dazu „Wissen“ haben sollte und wann mir die Welt recht gibt. Was ich nicht ausdrücken wollte, ist, dass Wissen irgendwie vor (religiösem) Glauben privilegiert wäre. Es ist ein unterschiedliches Fragen, man wird je andere Sätze als antwort gelten lassen, die mit den eigenen grammatischen Sätzen zusammen hängen. (Überhaupt ist für mich Geltung hier die zentrale Kategorie)
    Ich selbst stelle mich eher zu den liberalen Zynikern. Ich selbst versuche auch, eine bestimmte Sicht auf die Dinge zu verkaufen, weil ich diese meine Weltsicht für im positiven Sinne folgenreich erachte. Soweit ich die Sache überblicke tut das jeder Mensch. Ich nehme eher an, dass mit dem Begriff „religiöse Fundamentalisten“ eine Ader für Bekehrungsabsichten gebunden ist. Menschen, die einfach ihren Glauben leben ohne andere damit zu belästigen…ich weiß nicht ob diese im öffentlichen Raum als Fundamentalisten angesehen werden würden. Und wenn sie in diesem Sinn fundamentalistisch sind – warum nicht. Ich glaube(!) nicht an trennscharfe Begriffe : )
    Deinem letzten Absatz über Lacan stimme ich unumwunden zu.

  4. Gut die Hälfte ist gut abgeschrieben http://www.lacan.com/lacinkXXVII6.htm
    Wäre ratsam das nächste mal als Quelle anzugeben, wirkt sonst leider etwas unglaubwürdig

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