…vielleicht Geschichten erzählen…

Ich möchte also den Faden vom letzten Eintrag aufzunehmen. Ich denke, dass man vielleicht hier den (Neo)Pragmatismus in die Nähe des Poststrukturalismus rücken kann, dass man der Wahrheitsdebatte im analytischen Kontext vielleicht nur hier einen größeren Sinn abgewinnen kann. Die für mich hier wichtige Idee im Poststrukturalismus besagt, dass auch das Subjekt kein kontextloses Fundament, kein Starpunkt für alles andere darstellt. Das wollte beispielsweise Lacan mit dem Spiegelstadium darstellen und Levinas mit dem Denken der Alterität. Kurz zusammengefaßt besagt das Lacan’sche Spiegelstadium (für diesen Kontext), dass mein Subjekt-sein immer von anderen konstituiert ist. Ich sehe mich quasi durch die Augen der Anderen. Levinas ging so weit, nur das „Subjekt“ zu nennen, was den Ansprüchen der anderen, der Alterität wie er es nannte, antwortet.
Was diese Autoren mit dem Vokabular der Psychoanalyse oder der Metaphysik versucht haben, kann man – meiner Ansicht nach – bei Richard Rorty in einem analytisch geprägten Umfeld finden. Auch hier lautet das Problem: Warum haben wir nicht schon lange das Wesen der Welt richtig erkannt? Auch bei Rorty kann man die im letzten Eintrag erwähnte Ablehnung der Abbildungswahrheit finden (auf seinen Lösungsvorschlag bin ich in diesem Blog schon etliche Male eingegangen). Seine Erklärung dafür, warum das Subjekt nicht zur „wahrheitsgetreuen“ Abbildung der Welt imstande ist, ist eher Darwinistisch – es ging immer ums funktionieren. Was am besten funktioniert, das setzt sich durch.
In Zeiten von Hochkulturen und einer geistigen Evolution die nicht vom Kampf ums nackte Überleben überschattet ist, hat der Mensch sein großes Gehirn kreativ benutzt und mit dem vorliegenden Faktenmaterial verschiedene Geschichten erzählt (die alle zulässig sind, da die Welt nicht sagt wie wir über sie sprechen sollen). Eine der Geschichten heißt Religion, eine heißt Wissenschaft, eine Metaphysik, eine Pragmatismus, eine Poststrukturalismus, und so weiter.
Beim Poststrukturalismus folgt aus dem rein logischen Problem der konsistenten Selbstanwendung des Strukturalismus, dass man auch das Subjekt und dessen Anspruch auf Wahrheit auf eine neue Art beschreibt (Im Modus des vielleicht bei Derrida, im Modus des futur anterieur bei Lyotard,…). Doch was sagt der (Neo)Pragmatismus, warum ich meine Ansichten so weit relativieren sollte, als das ich anerkenne, nicht die letzte Wahrheit zu besitzen? Es ist die emphatische Konzentration auf die Zukunft. Die Zukunft ist das alles entscheidende Ziel für den Pragmatisten, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft treibt für den Pragmatisten alles Denken und Handeln an. Das ist hier auch der Grund, warum ich meine Meinung ändern können sollte – vielleicht kommt ja in Zukunft eine noch bessere Beschreibung, die ein noch besseres Leben ermöglicht, warum sollte ich dann stur auf meiner „alten Meinung“ hocken bleiben? Weil ich sie von Gott habe? Weil sie die Welt richtig abbildet? Weil ich die großen Gesetze hinter der Wirklichkeit erkannt habe? Nein, das führt für Rorty zu nichts, außer zu Rechthaberei und im weiteren zu Blutvergießen.
Wenn man Rorty (und alle anderen „Antirealisten“) rein als Erkenntnistheoretiker liest, dann haben sie natürlich keine „guten Argumente“, warum man den epistemischen Realismus aufgeben sollte, und meiner Ansicht nach blendet man auch eine wichtige (vielleicht die wichtigste) Dimension dieser „antirealistischen Überlegungen“ aus. Erst mit diesem, von der Ethik inspirierten, hinwenden zum zukünftigen Besseren ist meiner Ansicht nach der Impuls gegeben, der auch für Rorty ausreicht um die leidliche (wissenschaftliche) Debatte „Realismus oder Antirealismus“ auf ein gemeinsames Ziel hin gerichtet hinter sich zu lassen, um neue, kreativere Geschichten zu erzählen…

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3 Antworten to “…vielleicht Geschichten erzählen…”

  1. manfred Says:

    Vielleicht paßt zur Literarisierung der Philosophie folgende kurze, schnell hingeworfene Skizze aus meinem Notizbuch:

    Gute Philosophie produziert nicht wahre Sätze, sondern interessante Sätze, an denen man irgendwie haften bleibt, an denen man sich reibt, die aufregen, die man entweder dick unterstreichen oder vollkommen ausradieren möchte. Es sind plausible, plausibel klingende Sätze, um die man sich nicht so einfach herumstehlen kann und darf und will, die das Geheimnis ihrer Wahrheit unergründlich in sich bergen. Interessante Sätze bringen unerwartete Assoziationen ins Spiel, stellen verblüffende Verbindungen zwischen Bedeutungsräumen her, die nicht zusammenzugehören scheinen. Es sind schillernde Sätze, schwankend zwischen scharfer Klarheit und nebuloser Unschärfe, nicht einzuordnen, nicht zu schubladisieren, vielleicht aus dem Mundes eines tiefsinnigen Scharlertans, eines scharfdenkenden Possenreißers, der eins und eins zusammenzuzählen weiß und trotzdem drei herausbekommt. Interessante Sätze sind Behauptungen, deren Begründung in weiteren Behauptungen besteht, die sich im Kreise drehen, aber nicht im Sinne einer müden Stagnation, einer traumatischen Wiederholung, sondern einer tanzenden Bewegung und Staubaufwirbelung.

    Obwohl ich Lacan zu dieser Gattung von Literaten zähle, stellt sich doch eine Frage zum Problem des Subjekts. Kann es nicht sein, daß die von Lacan gegebene Charakterisierung des Subjekts als durch die Anderen konstituiert, eben dadurch, daß sie gegeben wird, wahr wird? Deutlicher: Beginne ich nicht vielleicht erst in dem Moment, mich mit den Augen der Anderen zu sehen, da mir gesagt wird, ich würde mich durch die Augen der Anderen sehen?

  2. Hallo : )

    Entschuldige zuerst bitte die lange Zeit die ich gebraucht habe für eine Antwort, es ist gerade Prüfungswoche ; )

    Deine Skizza halte ich für eine Sammlung von interessantnen Sätzen, ich stimme dem zu. Ich würde noch die Auswirkungen betonen, die interessante Sätze auf andere haben können. Damit bin ich auch bei Lacan. Der „Einwand“ den du hier in deinem letzten Satz gegen Lacan machst, verstehe ich nicht. Man kann ihn gegen jeden und gegen keinen machen, und meiner Ansicht nach wird es der tragweite des Spiegelstadiums nicht gerecht. Vielleicht sehen wir uns gerade nicht mit den Augen der anderen, weil wir uns mit den Augen der anderen sehen.

    lg

  3. manfred Says:

    Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es ein Einwand ist. Die Problematik dessen, was Lacan unter dem Stichwort der symbolischen Ordnung behandelt und mit der äußerst treffenden Metapher des „großen Anderen“ bezeichnet, beschäftigt mich schon lange, viel länger, als ich von Lacan überhaupt weiß. Umso mehr haben mich einige lacanische Gedanken (durch Zizek’s Vermittlung) regelrecht elektrisiert. Einer davon ist die Vorstellung, daß uns die (das Erlernen der) Sprache (und mit ihr „der große Andere), gewissermaßen „kolonisiert“, wir also, wenn wir sprechen (und überhaupt Symbole verwenden), nie (ganz) wir selbst sind, sondern immer schon zu einem mehrweniger großen Anteil dieser „große Andere“ (oder Heideggers „man“).
    Mit meinem „Einwand“ möchte ich den ontologischen Status des „Subjekts“ befragen, (und zwar auf Lebenszeit, also immer wieder, dh ohne je eine – ohnehin immer nur unbefriedigende – Antwort zu wollen). Wenn die Sprache als eines der konstituierenden Merkmale des „großen Anderen“ angesehen werden kann, stellt sich eben die Frage, ob die Vorstellung von einem „Subjekt“ eine vor- und/oder außersprachliche Angelegenheit darstellt oder doch erst durch die Sprache „hereinkommt“. – BIN ich ein Subjekt oder lerne ich es erst durch das Hineinwachsen in die symbolische Ordnung, mich als eines zu betrachten und zu bezeichnen?
    Desweiteren gibt es zumindest zwei Ebenen der Behauptung, wir sähen uns mit den Augen der Anderen. Die erste Ebene ist die im Spiegelstadium erlernte Weise, uns selbst mit den Augen der Anderen zu sehen (und möglicherweise überhaupt erst als solche – also „subjektive Individuen“ – zu „erfinden“), ohne daß uns dies jedoch bewußt ist. Wir wissen die längste Zeit nicht – und die Allermeisten wohl überhaupt niemals – daß „wir uns mit den Augen der Anderen sehen“, glauben also an unser souveränes, unabhängigens, authentisches Urteil über uns selbst.
    Die zweite Ebene betrifft nur jene Glücklichen oder Unglücklichen (?), denen dieser Vorgang eines Tages bewußt wird: diesen stellt sich nun die Frage, ob hier WIRKLICH ein schon die längste Zeit instalierter Prozeß ERST JETZT bewußt wird, oder ob dieser Prozeß in diesem Augenblick erst BEGINNT. Denn vorher war man sich seines unabhängigen und authentischen Blicks auf sich selbst ja ohne jeden Zweifel sicher („niemand weiß mehr über mich als ich selbst“) und ERST JETZT, nachdem man auf solche Gedanken gekommen ist (egal durch wessen Vermittlung), fängt man an, seinen unabhängigen und authentischen Blick auf sich selbst zu bezweifeln.
    Wenn das erstere der Fall ist, sollte man durch diese Bewußtwerdung der „Befreiung“ vom großen Anderen ein Stück näher kommen, oder wenn nicht gerade der Befreiung (die, als totalitäres Ereignis gedacht, vielleicht gar nicht wünschenswert ist), dann doch in Richtung auf eine „Verlängerung der Leine“.
    Ist aber das letztere der Fall, droht die Gefahr, dem „großen Anderen“ nun erst recht auf den Leim zu gehen.
    Die Geschichte – und es ist eine großartige Geschichte – vom „großen Anderen“ handelt von der Verstrickung des Einzelnen in die symbolische Ordnung. „Verstrickung“ ist eine gute Metapher, denn wer in etwas verstrickt ist, hat zwei grundsätzliche Optionen: entweder er rührt sich so wenig wie möglich: dann wird er so verstrickt bleiben, wie er es gerade ist. Oder er versucht, sich der Verstrickung zu entwinden mit der Verheißung, sich einst daraus zu befreien, aber mit dem Risiko, die Stricke, die ihn umwinden, noch enger zu ziehen.

    Noch ein Apropos zur Frage: Warum haben wir nicht schon lange das Wesen der Welt richtig erkannt?
    Abgesehen von den äußerst komplexen Kontexten für Wörter wie „Wesen“, „Welt“ oder „richtig“, setzt schon die Fragestellung ein „richtiges“ Erkennen der Welt voraus, denn nur wer die Welt richtig erkannt hätte, könnte sagen, daß „die Anderen“ die Welt NICHT richtig erkannt haben. Allerdings wird man mit der Vorstellung von einem „richtigen“ Aussehen der Welt (bzw. einer richtigen Beschreibung derselben) nicht weit, jedenfalls nicht bis ans Ende kommen, denn das Aussehen der Welt könnte sozusagen einen „Hasen/Enten-Charakter“ haben. Du kennst gewiß das „Hasen/Enten-Bild“: es ist immer möglich, dasselbe Bild (die Welt) einmal als „Hase“, das andere Mal als „Ente“ zu sehen und man kann natürlich nicht sagen, daß das „richtige“ Aussehen der Welt (zB) die Hasenansicht wäre. Hinsichtlich der Weltbeschreibung könnte man zB sagen, Parmenides hätte die Hasenansicht der Welt „in die Welt“ gesetzt, Heraklit dagegen die Entenansicht. (Desgleichen „Realismus/Idealismus“, „Phänomenologie/Analytische Ph.“ usw. usf.)
    Übrigens auch Nietzsche zur Frage „Warum Wahrheit?“
    Alles hochinteressante „Literatur“.

    Lg manfred

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