Welch Wunder…

Mit Argumenten von Hilary Putnam ist es so eine Sache. Er wirft sie einem salopp formuliert und scheinbar nebenbei hin. Doch bei aller prägnanten Kürze braucht es meist ganze Aufsätze (wenn nicht Bücher) um eines von ihnen zu widerlegen. So auch das so genannte „miracle argument“ für den wissenschaftlichen Realismus. Paraphrasiert lautet es: „Wenn die Wissenschaften die Welt nicht richtig abbilden würde, wenn also ihre Aussagen nicht den Tatsachen entsprechend, d.h. wahr sind, dann ist der große Erfolg ein Wunder.“
Man könnte meinen, dass Putnam damit ausgesprochen hat, was jeder (Wissenschaftler) denkt, und doch gibt es eine nicht geringe Zahl an Gegnern, die berühmtesten sind Bas van Fraassen und Larry Laudan. Letzterer setzt sich sehr elaboriert in seiner „Confutation of Convergent Realism“ mit dem Argument auseinander. Seine Hauptthese ist, dass Putnam einen abduktiven Schluss machen muss, vom Erfolg einer Theorie auf deren Wahrheitswert. Das heißt eigentlich, dass Putnam hier argumentativ nicht mehr in der Hand hat, als: „Was funktioniert ist wahr“.
Diese Strategie aber soll dem Skeptiker zeigen, dass Wissenschaft nicht prinzipiell fehlgeleitet ist, dem Positivisten, dass Wissenschaft nicht auf Wahrnehmbares beschränkt ist und dem Pragmatisten, dass Erkenntnistheorie immer noch wichtig ist.
Doch das Argument und seine Folgen erscheinen nicht so einleuchtend, wie der Realist es gerne hätte. Realisten wie Putnam wollen argumentieren, dass der erkenntnistheoretische Realismus als Ganzes wahr sein muss, da er einige Konsequenzen hat, die zu wahren Ergebnissen führen. Aber so abergläubisch werden Realisten dann doch nicht sein, meint Laudan, dass sie einen ganzen Theoriekomplex auf Teufel komm raus kaufen müssen, nur weil ihnen manche Konsequenzen der Theorie gefallen. Noch dazu kann man in der Schlussbetrachtung lesen, dass es eigentlich nicht klar ist, wieso diese Erklärungskraft der Wissenschaften nur von einer realistischen Erkenntnistheorie geleistet werden können soll. Das ist (bisher) nur ein Gebot der Realisten.
Tatsächlich denke ich, dass man das miracle argument leicht umdrehen kann. Wenn die Wissenschaft tatsächlich der Welt entspricht, warum ist die Menschheit erst in unserer Zeit auf die Idee gekommen? Es ist doch eher ein Wunder, dass es dann so lange gedauert hat. Wieso hat Newton das nicht gesehen als er seine Mechanik schrieb? Aber Newtons Mechanik hatte lange genug „wahre Konsequenzen“. Ich denke, nur am Rande, dass sich unsere Auffassung, was „wahren Konsequenzen“ sind, damit verändern, was gesucht und verlangt wird. Daraus erklärt sich meiner Ansicht nach besser, warum wir heute eine andere Theorie anstelle der Newton’schen Mechanik haben und warum wir in 200 Jahren mit ziemlicher Sicherheit wieder eine andere Theorie als bevorzugen werden.
Oder man kann das miracle argument auch auf Religion anwenden. Diese hat sicherlich auch genügend „wahre Konsequenzen“. Es wäre doch ein Wunder, wenn dieses System nicht wahr wäre, wenn diese Wahrheiten unverbunden im Raum schweben sollten. Wie sollte man sich sonst erklären, dass es überall so etwas wie Religion gab und gibt?
Alles in allem ist das miracle argument wohl eher pragmatisch hilfreich um sich im momentanen Kontext zu rechtfertigen als erkenntnistheoretisch ultimativ zwingend.

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6 Antworten to “Welch Wunder…”

  1. Leuchtspur Says:

    Hallo!
    „Das heißt eigentlich, dass Putnam hier argumentativ nicht mehr in der Hand hat, als: „Was funktioniert ist wahr“.“
    Ich frage mich, ob das Funktionieren denn keine notwendige Bedingung für Wahrheit ist. Oder könnte man auch den Satz vertreten: Was nicht funktioniert ist wahr?
    Ich meine nicht, daß es eine hinreichende Bedingung für Wahrheit ist (Wahrheit ist, wie wir wissen, ein weites Feld.;-) , wie wohl denn auch in einer naturwissenschaftlichen Theorie nicht allein das Funktionieren von etwas etwas über die Bewährung der Theorie aussagt.
    Im Übrigen wäre es ein Wunder, würde man alle Jahre die Welt mit einer neuen Theorie erklären können. Die Newtonsche Mechanik ist aber heute nicht falsch, sie ist halt ein Spezialfall der Allg.Relativitätstheorie. Die Darwinsche Selektionstheorie ist heute nicht falsch, sie ist halt nur ein Element in der umfassenderen Synthetischen Theorie.
    Viele Grüße
    lsp
    PS.
    „Noch dazu kann man in der Schlussbetrachtung lesen, dass es eigentlich nicht klar ist, wieso diese Erklärungskraft der Wissenschaften nur von einer realistischen Erkenntnistheorie geleistet werden können soll.“
    Welche Alternative hat Larry Laudan?

  2. Meiner Ansicht, und der von Laudan nach, ist das funktionieren eigentlich der alleinige Grund, eine Theorie „wahr“ zu nennen. Putnam wollte aber mehr, Er wollte vom Funktionieren der Theorie den Schritt zum Realismus machen, den Laudan nicht mitgehen kann oder will. Ob Theorien, die heute als Grenzfälle behandelt werden, wie zb die Newtonsche Mechanik heute ein Grenzfall ist (Limiting case) bespricht Laudan ebenfalls. Das passiert manchmal aber nicht immer, zb bei den früheren Theorien der Plattentektonik in der Geologie. Die haben auch lange Zeit funktioniert, aber heute gelten sie als Unsinn. Auch die Alchemie ist so ein Fall.

    lg

  3. Leuchtspur Says:

    Gut, aber was bietet Laudan als Alternative für eine realistische Interpretation der Theorie?
    Zu den veralteten Theorien:
    Ich kenne die veraltete Erkärung zur Plattentektonik nicht, wohl aber etwas zur Alchemie. Von Letzterer kann man sagen, daß sie eben nicht funktionierte und im Putnamschen Sinne wohl auch kein Beleg für Realismus darstellt. Ein Wunder wäre, hätte sie funktioniert und würde sich heute aber als falsch herausstellen.
    Viele Grüße
    Bernd

  4. Lauden will die Wissenschaft als Werkzeug sehen, also nur auf die Funktionalität schauen und nicht auf eine damit verbundene Wahrheit und sucht so eigentlich nicht nach einem Realismus.
    Und die Alchemie hat sehr lange funktioniert und auch die älteren geologischen Theorien – sonst hätte man sie nicht hunderte von Jahren beibehalten. Sie haben also sehr lange im vollen Wortsinn funktionert, aber da sich – meiner Ansicht nach – die Ansprüche an eine Theorie gewandelt habenb, funktionieren sie heute nicht mehr, dafür funktionieren heute andere Theorien. Und in Zukunft werden wieder andere funktionieren. Genau diese Bewegung kann man mit Laudans Ansatz erklären.

    lg

  5. Leuchtspur Says:

    Ok, Laudan sieht die Wissenschaft als funktionierendes Werkzeug. Aber was ist für ihn dann das, was ich als Realität bezeichne?
    Zur Alchemie: Ich denke man darf den zeitlichen Gebrauch einer „Theorie“ nicht nicht mit Funktionieren verwechseln. Der zentrale Anspruch der Alchemie, eine Theorie zu besitzen, Gold zu machen, hat nie funktioniert.
    Viele Grüße
    Bernd

  6. Die erste Frage verstehe ich wohl nicht ganz. Er hat die „Realität der Aussenwelt“ nicht bezweifelt. Sein Werkzeugdenken führt natürlich in Antirealistische Gefielde, aber auch wenn etwas kein Wesen hat erfinden wir die Sachen nicht aus dem Nichts.
    Und die Alchemie hat sehr gut funktioniert, sie wurde lange benutzt. Weil die zentralthese, Gold herstellen zu können dann aber immer wichtiger wurde, und die Erfolge ausblieben, distanzierte man sich nach und nach von dem Vorhaben. Unter den vorherigen Vorzeichen hat die Alchemie aber – solange sie eben unter bestimmten Voraussetzungen verwendet wurde – funktioniert.

    lg und guten Rutsch : )

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