Lesen sie das im Original!

Es gibt in der Philosophie den Glaubenssatz, dass philosophische Texte nur in ihrer Originalsprache gelesen werden sollten. Ich verstehe dieses Dogma nicht. Es begegnet einem besonders oft bei den Philosophen der Antike. Es gibt drei verschiedene Übersetzungen und es wird sich immer noch jemand finden, der gerne eine vierte hätte. Was verspricht er sich davon?
Ich denke, dass dahinter vor allem die Idee steht, dass die Wahrheiten eines Textes am besten in ihrer Originalsprache wieder zu finden sind. Das bedeutet in diesem Fall letztlich, dass das Altgriechische einen besseren Zugang zum Wesen der Dinge – zur Wahrheit – bietet als andere Sprachen. Es gibt viele Philosophen die implizit so denken und zwar diejenigen, die meinen, dass nicht alle Sprachspiele und sprachliche Bedeutungen hinlänglich ineinander Übersetzbar sind. Ich bin anderer Meinung. Ich denke, dass einer guten Übersetzung nichts vom Original fehlt und ich denke, dass jede Sprache mitsamt ihren Bedeutungen in jede Andere Sprache übersetzt werden kann.
Vielleicht steht hinter der Idee, dass das Original immer besser ist, auch, dass man sich mehr mit dem Umfeld beschäftigt hat, wenn man die Originalsprache gelernt hat. Dass man dann das Lebensgefühl des Textschreibers besser verstehen kann. Das klingt schon plausibel für mich, aber es hat nichts mit der Sprache zu tun sondern damit, wie sehr sich der Leser bemüht. Um sich mit dem kulturellen Hintergrund der griechischen Antike auseinandergesetzt zu haben, muss man kein Altgriechisch können. Es erleichtert die Sache, aber es ist nicht unbedingt nötig.
Der letzte Grund, der mir noch einfällt ist, dass der Stil im Original besser ist. Aber auch das hat mit der Sprache nichts zu tun sondern mit dem Engagement des Lesers.
Ich hänge dem Originalsprachlichkeitsdogma also nicht an.

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7 Antworten to “Lesen sie das im Original!”

  1. Was hat der bessere Originalstil mit dem Engagement des Lesers zu tun? Den Zusammenhang musst du mir mal erklären – denn ich glaube sehrwohl (ohne es empirisch beweisen zu können), dass einige Sprachspiele, -witze und eben ein gewisser Grundstil sehr leicht bei einer Übersetzung verloren gehen kann – obwohl ich in den meisten Fällen eine solche für gleichwertig zum Original halte, da es letztendlich um die Inhalte geht und nicht um oben genannte Feinheiten (die sich zur Not auch mit Fußnoten und dergleichen erklären lassen).

  2. Oh, nein ich meinte nicht, dass das Original nicht einen besseren Stil haben könnte, aber gerade für philosophische Texte ist der Stil eher zweitrangig. Den Inhalt kann man auch mit schlechteren Stil verstehen und das erfordert eben mehr Engagament des Lesers um Verständnis – das meinte ich.

  3. Eine zweischneidige Angelegenheit.
    Kommt es darauf an, was der Autor meinte, muß man sich schon fragen, warum er dieses oder jenes Wort verwendet hat und weiters, wie dieses oder jenes Wort zu seiner Zeit und in seiner sozialen Umgebung verwendet wurde. Da kann es von Vorteil sein, wenn man in der Lage ist, das Original zu lesen. Allerdings bringt einem das – glaube ich – nur dann etwas, wenn man sich auch sonst in der Welt auskennt, aus welcher der Text stammt.
    Hinterfragt man aber, was der Text mit einem selber macht, ist es nicht so wichtig, in welcher Sprache der Text dasteht: dann ist es einfach ein Text, mit dem man konfrontiert ist und man muß bei sich selber nachforschen, wie man dieses oder jenes Wort auffaßt. Es ist ja auch zu bedenken, daß ein und dasselbe Wort in derselben Sprache Bedeutungsverschiebungen unterliegt und man einen Autor, der in der selben Sprache schreibt (zB der Deutschschreiber Kant), vermeintlich wohlvertraute Wörter nicht ganz in derselben Bedeutung verwendet, wie später gebor’ne Leser (zB „Vernunft“). Man kann das ganz leicht bei sich beobachten, wenn man einen bestimmten Text nach dreißig Jahren wieder mal liest und feststellt, daß er einem nun was ganz anderes sagt als dazumal. Es ist dann beinahe so, als wäre es ein anderer Text. Unter dieser Perspektive spielt es dann gar keine Rolle, ob dieser ein „Original“ ist oder eine Übersetzung, ja nicht einmal, ob diese eine „gute“ ist.

    Außerdem kommt man der „Wahrheit“ auch nicht näher, wenn man die Irrtümer Anderer im Original liest oder in verzerrten Übersetzungen :-)

  4. Weil es leichter zu verstehen ist, ist es sicherlich öfters von Vorteil, das original lesen zu können, aber ich halte es nicht für unbedingt notwendig.
    Den letzten Absatz unterschreibe ich vollkommen : D

    (im übrigen ist es lustig, dass Kant sich in englischer übersetzung viel einfacher liest)

  5. Manfred Says:

    Wäre es „unbedingt nötig“, die Texte im Original lesen zu können, könnte kaum jemand was mit Dschuang Dsi anfangen. Und wer kann schon altindische Philosophie im Original lesen. Und ich müßte mich mit Nietzsche und Wittgenstein zufrieden geben.
    Was ich mich aber ernsthaft frage: w o f ü r wäre es unbedingt nötig, w e n n es unbedingt nötig w ä r e ? Für die Phantasie von einer ahistorischen Wahrheit etwa?

  6. Diese Phantasie ist, soweit ich es mitbekomme, auf der Universität weiter verbreitet, als man meinen würde. Es gibt einige, die nach Hegel einfach aufgehört haben mit ihrer Lektüre der Geschichte der Philosophie und nun auf dem Institut herumhegeln. sehr anstrengend ; )

  7. Manfred Says:

    Die Herumhegelianer mögen die Wahrheit gepachtet haben; dafür sind sie irgendwem aber auch den Zehnten ihrer Früchte schuldig. Wer mag das sein?
    Wer die Wahrheit auf einem Acker züchtet, erhält nur Monokulturen, die momentan, dh in den engen Grenzen eines modischen Zeitgeistes, sehr gewinn- und ruhmbringend sein mögen, auf längere Sicht aber das Gesicht der Erde entstellen und all das Ungeziefer austreiben, welches doch für befruchtende Dialoge so notwendig wäre.
    Was die Wahrheit betrifft, so liegt mir das herumschweifende Nomadisieren mehr. Zwar bringt das keine vollen Kornspeicher, dafür aber vielfältige Perspektiven, was mich inzwischen schon längst dazu gebracht hat, vom heiligen Wort Abstand zu nehmen und zu bedauern, daß es in der Sprache als Substantiv überlebt hat. Ich persönlich kann nur was mit dem Urteil „ist wahr“ etwas anfangen und selbst das scheint mir nur auf eine Minderheit propositionaler Gehalte anwendbar zu sein.
    Aber das wäre ein eigenes Thema und hat absolut gar nichts damit zu tun, in welcher Sprache letztere verfaßt sind.

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