Wittgenstein: Zentrale Themen von „Über Gewißheit“

Wittgenstein selbst hat über seine Schriften gesagt, dass sie immer um bestimmte Themen kreisen, auch wenn seine Bemerkungen das Ziel nie treffen würden könnte man doch erkennen, worauf er stetig geschossen habe. Ich denke bei meiner genaueren Lektüre von „Über Gewißheit“ sind mir die Ziele auf die Wittgenstein geschossen hat durchaus aufgefallen. So dreht sich „Über Gewißheit“ meiner Ansicht nach um folgende Themen: Maßstäbe und Fundamente, (postformalistischer) Holismus, Wissen als soziale konstituiert und strukturelle Objektivität. Ich möchte zu jedem dieser Punkte einige Worte verlieren.
Maßstäbe und Fundamente – Hier ist vor allem die Kritik am philosophischen Skeptizismus versammelt. Ein solcher ist aus mehreren Gründen nicht durchhaltbar. Das meinte auch G.E. Moore, der mittels seiner Hände die Außenwelt beweisen wollte. Doch Wittgenstein traute diesem Versuch nicht. Moores Beispiel könne dem Skeptiker, der die ganze Außenwelt bezweifelt nichts anhaben, da sein Beweis sich erst innerhalb des bezweifelten Maßstabes befindet. Anders gesagt: Moores Hände sind schon in der räumlichen Welt zu finden, ein Skeptiker dieses Kalibers bezweifelt aber eben den ganzen Maßstab namens „räumliche Welt“. Anders gesagt: Ein Beweis, der innerhalb eines Maßstabes gilt, kann den Maßstab nicht absichern oder begründen. Damit sind wir aber auch schon bei Wittgensteins Antwort auf den Skeptiker: Er selbst benötigt ebenso einen Maßstab zum Zweifeln, innerhalb dessen „wahr“ und „falsch“ ihre Bedeutung haben. Und wenn sie den Maßstab der Räumlichkeit nicht annehmen – warum sollten sie irgendeinen anderen annehmen? Aber wie wollen sie dann Zweifeln? Zweifel brauchen immer ein Fundament, dass als feststehend angenommen wird, sonst ist es gar kein Zweifel. Aber wenn man den Maßstab der Räumlichkeit nicht gelten lässt, dann hat man keine Basis mehr um überhaupt sinnvoll zu zweifeln. Solch ein absoluter Skeptizismus zerstört sich daher selbst.
Holismus – Durch Wittgenstein wurde die Wendung, dass die „Bedeutung der Wörter ihr Gebrach“ sei erst so richtig berühmt. Der Holismus, der sich vor Wittgenstein zu entwickeln begann, der so genannte formalistische Holismus, hatte das Problem, dass Bedeutung eines Zeichens in ihm zwar durch Bezug zu einer Gesamtheit hergestellt wurde, aber nur zu einer Gesamtheit anderer Zeichen. Die Konsequenz daraus war, dass sich Bedeutung und die Welt in der gesprochen wird, niemals treffen mussten oder konnten. Die formalistischen Holisten verloren also in ihrer Bedeutungstheorie die Welt. Wittgenstein verankerte die Bedeutung fundamental in Handlungspraktiken. Diese würden erst das Netz bereitstellen, innerhalb dessen sich sekundär Bedeutungen bilden. Ein Wort bedeutete nun nicht mehr nur einfach all das, was de anderen Worte nicht bedeuteten sondern die Bedeutung kam daher, wie das Wort in welchem Sprachspiel benutzt wurde. Auch lernen wir nicht einzelne Sätze, die wir dann mit einer nichtsprachlichen Wirklichkeit abgleichen, sondern wir lernen ein ganzes Netz aus Bedeutungen und Sätzen, die sich je aufeinander beziehen.
Wissen als sozial“ in verfasst – Diesen Punkt, lese ich persönlich vielleicht etwas stark pragmatistisch, aber meiner Ansicht nach ist das auch gerechtfertigt. Wie auch bei dem Beispiel des „Beetle in the Box“ aus den „Philosophischen Untersuchungen“ möchte Wittgenstein „Wissen“ nicht mehr als das richtige Abbilden einer nichtsprachlichen, „objektiven“ Welt verstanden wissen. Wissen ist kein privater, innerer Vorgang wenn der Geist eine Tatsache richtig abbildet, sondern ein sozialer und öffentlicher Vorgang, der viel mit Anerkennung durch andere zu tun hat. (So entgeht man auch Problemen wie „Woher weiß ich ob wir dasselbe sehen wenn wir sagen wir sehen rot?“) Ein Beispiel Wittgensteins illustriert das kurz und bündig: Wenn ich weiß, dass ich in England bin, aber alle Menschen die ich treffe, sagen mir, ich sei in Dänemark und auch sonst würden Evidenzen dafür sprechen – wem glaube ich eher? Und pragmatistisch angehängt: Was bringt mir solch ein „Wissen“ wenn ich damit höchstens in eine geschlossene Anstalt komme? Daher, so Wittgenstein, geht es bei Wissen darum, meine Sicherheit vor anderen auszudrücken und wenn nötig kann ich weitere Gründe nennen, die in unserem Sprachspiel Geltung haben, aber es geht nicht um ein richtiges Abbilden wortloser Tatsachen. Dadurch entgeht man letztlich dem Problem, wie es ein Haufen sprachloser Solipsisten geschafft hat, die gleichen Worte für dieselben inneren Wissenszustände zu finden und damit zu kommunizieren.
Strukturelle Objektivität – Dieser Punkt war vielleicht der für mich am schwersten zu erkennende. Der Begriff „Strukturelle Objektivität“ wird im jüngst erschienen Buch „Objektivität“ von Lorraine Daston und Peter Galison geprägt (soweit mir bekannt ist). Er bezeichnet den Schritt vom mechanischen Abbilden der Natur („mechanische Objektivität) hin zum Untersuchen der allen mittelbaren Strukturen, die hinter dem Einzelnen stehen. Ich bin mir auch nicht sicher, inwieweit mir Wittgenstein-Exegeten hierbei zustimmen werden, aber ich halte es für einen spannenden Ansatz. Denn Wittgensteins Theorie der Sprachspiele möchte ja eine für alle mittelbare Struktur hinter den Tatsachen freigelegt wissen. Diese Struktur ist quasi das Skelett, auf dem dann das Fleisch der Kommunikation angebracht ist. Ich finde diese strukturelle Objektivität zum Beispiel wieder, wenn Wittgenstein darauf hinweist, dass es einen für alle gemeinsamen Hintergrund geben muss, da wir uns bei denselben basalen Sätzen so sicher sind. Oder darin, dass Gründe des Wissens für alle zugänglich und prinzipiell verstehbar sein müssen. Ich denke also, dass Wittgenstein schon vermeinte, mit seiner Sprachspieltheorie und der Familienähnlichkeit etwas gefunden zu haben, das eine Struktur darstellt, eine Logik wenn man so will, nach der alle Sprachspiele funktionieren, da man dadurch sicherstellen konnte, dass wir uns alle prinzipiell verstehen können. Anders gesagt, dass alle Sprachspiele prinzipiell ineinander Übersetzbar sind. Deshalb hat Wittgenstein, meiner Ansicht nach, eine Privatsprache auch ausgeschlossen, da das Ziel dieser strukturellen Objektivität immer war, die Mitteilbarkeit über alle Kontingenzen der Welt hinweg zu sichern.

Dies ist also meine äußerst knappe Darstellung der Hauptthemen (wie ich sie sehe) in „Über Gewißheit“. Wenn Interesse besteht, könnte ich auch mein wesentlich längeres und ausführlicheres Exzerpt als .rar zur Verfügung stellen. Einfach fragen bitte.

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4 Antworten to “Wittgenstein: Zentrale Themen von „Über Gewißheit“”

  1. Ich habe Interesse an deinem Exzerpt.

  2. http://www.unet.univie.ac.at/~a0325955/LWUG.rar

    bitte sehr. Ich bitte aber meine Tipp und Rechtschreibfehler zu entschuldigen. Wie man sicher an meinen Beiträgen merkt bin ich Legastheniker ; )

  3. […] (06.02.2009): Heute fand ich auf dem WordPress-Blog von Parallaxe eine kurze Zusammenfassung der zentralen Themen von Wittgensteins “Über Gewissheit” […]

  4. Das ist eigentlich Wittgenstein wie ich ihn kenne. Vor allem die pragmatisch-soziale Dimension des Wissens.

    Bei der letzten Zusammenfassung hinsichtlich der „strukturellen Objektivität“ komme ich ins Stocken. Dies ist im gewissen Sinne ein transzendentales Argument der Form, wir benötigen X, da andernfalls Sprache und Weltverständnis nicht funktionieren. Den Gedanken würde ich noch teilen, allerdings ist mir unklar, was danach genau mit Logik gemeint ist. Den Mittelweg zwischen zu starkem Universalismus aber auch zu großer Beliebigkeit, der ja bei Wittgenstein immer beschworen wird, kann ich hier nicht genau erkennen. Was meinst du genau mit Logik? Die Form der Universalsprache, die er schon im Tractatus benutzte, die dann isomorphisch für alle Sprechenden gilt, damit sie überhaupt über alles reden können?

    Hm… Wittgenstein auch schon beim Tractatus transzendental zu lesen, kann ich vollkommen nachvollziehen, die Schritte der Logik gelingen mir nur schwerlich.

    Ich bin aber auch kein großer Wittgensteinleser.

    Grüße

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