Naturwissenschaft als Kulturpolitik

Gerne trennt man unsere Kultur in zwei Bereiche, die nicht zusammenhängen. Auf der einen Seite kann man den „harten Bereich“ sehen, auf der anderen den „weichen Bereich“ der Kultur. Im harten Bereich, dort ist die Naturwissenschaft zu finden, dort ist die Wahrheit zuhause. Hier geht es um eine Korrespondenz des Menschen mit einer nichtmenschlichen Welt, die sich vom möglichst genauen und objektiven Forscher abbilden lässt. Dieser Bereich entspricht unserem Streben nach Wahrheit das den Menschen innewohnt.
Im weichen Bereich geht es im Gegensatz dazu um historisch kontingente Ereignisse, um Kunst und um Politik. Kurz in diesem Bereich ist alles zu finden, was sich nur auf Intersubjektivität als Maßstab für Richtigkeit bezieht. Dem entsprechend kann man im „weichen Bereich“, oder man könnte dies auch „Kulturpolitik“ nennen, entscheiden, über welche Dinge wir reden sollten und über welche nicht. Zum Beispiel, ob wir eine geschlechtsneutrale Formulierung verwenden wollen, oder ob wir Randgruppen mit Unschönen Kosenamen belegen etc. Im „harten Bereich“, oder der „Naturwissenschaft“, sieht es so aus, als müsste man sagen „Wir sollen besser über Photonen reden, denn sie existieren nun mal!“
Laut Richard Rorty, der diese Trennung nicht hilfreich findet, sagen die Empiristen, dass die lokale Gemeinschaft nicht alles ist, was es gibt, wir sollten lieber „Verbindung mit der Realität“ aufnehmen um zu sehen, was wirklich wahr ist.
Diese Idee der Kontaktaufnahme mittels der Sinne verwechsle aber Begründungsbeziehungen mit kausalen Beziehungen. Ersteres besteht zwischen Aussagen, letzteres besteht zwischen Ereignissen. Bei den Begründungsbeziehungen geht es vor allem darum, was wir als ausreichende Begründung annehmen oder nicht. Das manche kausalen Beziehungen Aussagen auslösen erklärt allerdings nicht, wie wir zu unseren Meinungen kommen. Dieser Umstand, und dass wir erst eine Ahnung von „Dingen“ haben, sobald wir sprachlich verfasst sind, sprechen gegen einen „unmittelbaren Zugang zur Realität mittels der Sinne“.
Im Endeffekt, so Rorty, verlassen wir uns nicht auf den speziellen Zugang zur Realität den unsere Sinnesorgane bieten, sondern wir glauben demjenigen, den wir für glaubhaft halten. Wenn uns, und diesen Gedanken halte ich für sehr wahr, jemand etwas Unglaubliches berichtet, oder dieser Jemand unglaubwürdig ist, dann hilft auch sein Verweis auf seine sinnliche Erfahrung nichts. Wir sagen dann wohl etwas wie „Seine Methoden waren nicht ausreichend wissenschaftlich!“ um auszudrücken, dass wir ihm nicht glauben, weil unser Weltbild dies nicht zulässt. Auf der anderen Seite könnte man dasselbe auch mit Gotteserfahrung machen. Wenn es in mein Weltbild passt, oder dieser Mensch ausreichend Glaubwürdig ist, dann werde ich ihm zumindest zuhören.
Die Konklusion der Sache ist, dass Aussagen über Gott oder über naturwissenschaftliche Tatsachen beide eine Erwartungshaltung erfüllen müssen, wenn sie von den Zuhörern angenommen werden wollen. „Erfahrung“ hilft nicht dabei, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, worüber wir reden sollten (Kulturpolitik) und dem, worüber wir reden müssen (Naturwissenschaft). Richard Rorty hat sich vor allem in seiner posthum erschienenen Aufsatzsammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ dafür ausgesprochen, diese Trennung fallen zu lassen, und alles als Kulturpolische Fragen zu verstehen.

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