Ohne Wahrheit werden wir schlechte Menschen…

Menschen, die eine kontextualistische Wahrheitsauffassung vertreten werden oft mit einem (vermeintlichen) Totschlagargument konfrontiert. Ein plakatives Beispiel für dieses Totschlagargument war immer schon Nietzsche, der sich (meiner Einschätzung nach in seinem Frühwerk zumindest) für eine Wahrheit als ein „bewegliches Heer von Metaphern“ stark machte. Das bedeutet letztlich, dass es keine fixe Wahrheit gibt, außer dem, was wir uns als Wahrheit anzuerkennen bereit erklären. Durch Nietzsches spätere Konzentration auf den Übermenschen gelang es den Nationalsozialisten, Nietzsche für sich in beschlag zu nehmen.
Damit war diese Art der Wahrheitstheorie (unverschuldet) in Verruf geraten. Ihre Gegner sagten Dinge wie „Seht her, wenn wir die Wahrheit nicht als eine Korrespondenz mit einer dem Menschen übergeordneten und von ihnen unabhängigen Welt sehen, dann gibt es keinen Grund, warum man nicht auch ein Nazi sein sollte!“ Wiederholt kann ich zu diesem Thema auf das früher gezeigte Zitat zum Herrschaftsfreien Diskurs von Richard Rorty hinweisen.
In seiner nun posthum erschienenen Essaysammlung „Philosophie als Kulturpolitik“ beschreibt Rorty, warum er diesen Vorwurf für unbegründet hält. Denn die Nazis wären aus ihrer restlichen Haltung niemals die Idee gekommen, die Wahrheit zu kontextualisieren. Nichts in ihrem politischen System gibt einen Hinweis darauf, dass eine kontextualisierte Wahrheitsauffassung ihren politischen Zielen hilfreich sein könnte. Nur demokratisch eingestellte Liberale zögen einen Vorteil aus dieser Idee, die viele verschiedene Lebens-, Glaubens- und Denkformen als Gleichwertig nebeneinander stellt, da es keinen objektiven Standpunkt von außerhalb gibt, von dem man bewerten könnte.
Rorty ist also nicht der Ansicht, dass man sich seine Meinung zu grundlegenden (ontologischen) Dingen zurecht legt und sich dann dazu passend eine politische Haltung anfertigt. Viel mehr sei es so, dass man sich zuerst die politische Haltung (in diesem Fall die der liberalen Demokratie) zu eigen macht und daraus resultiert die Kontextualisierung der Wahrheit, die es ermöglicht, noch mehr und unterschiedliche Menschen gleichwertig in das große Gespräch einzubinden. Daher sei der Vorwurf des kontextualistischen Nazis für Pragmatisten keine ernsthafte Schwierigkeit.

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3 Antworten to “Ohne Wahrheit werden wir schlechte Menschen…”

  1. Wobei die Frage offen bleibt, ob unter der oberflächlichen Pluralität und Dynamik der liberalen Gesellschaft nicht in Wirklichkeit Eintönigkeit und Erstarrung herrschen. Die Integrationskraft des kontextualistischen Wahrheitsverständnisses wäre dann nur eine Chimäre. Ansonsten kann ich Rorty durchaus zustimmen. Danke für den Beitrag!

  2. „Kontextualisierte Wahrheitsauffassung“ – toll. Wer prägte diesen Begriff?

    Ich nannte das bisher immer „Modell-Agnostizismus“, ein Begriff, den ich von Robert Anton Wilson habe.

  3. Mir ist bisher kein „Urheber“ dieses Ausdrucks unter gekommen. Ich habe ihn jedoch oft bei Richard Rorty verwendet gefunden, vor allem in seiner Diskussion mit Jürgen Habermas über das Wesen der Wahrheit. Überhaupt scheint es ein beliebter Ausdruck im Neopragmatismus zu sein.

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