Tertiärliteraten unter sich

Diese Replik bezieht sich auf die „Angriffe“ auf die Geisteswissenschaft durch Ulrich Kutschera. Hier kann man den Auslöser nachlesen.

Ulrich Kutschera ist Platoniker. Er denkt, dass die Naturwissenschaften es irgendwie geschafft haben, die erstrebte Ideenwelt zu erkennen. Die Naturwissenschaft habe es obschon ihrer besonderen Methode irgendwie geschafft, mit dem wirklich Wirklichen in Verbindung zu treten. Diese Ansicht wurde im neuzeitlichen „Kampf wider der Theologie“ lange kultiviert und nicht zuletzt von Kant verfeinert, der die Sicherheit, die einem ein Gott geben konnte durch eine Sicherheit die einem die Wahrheit geben kann, ersetzt hat. So suchen also die Naturwissenschaften als Erben der Metaphysik, scheinbar am Fundament alles Wirklichen, mit ganz besonderen, zeitlosen Methoden die Wahrheit. Deswegen können sie uns als einzige sagen, was wirklich ist, also wie die „platonischen Ideen“ aussehen.
Ich halte dieses Verständnis von menschlichen Praktiken für wenig zielführend. Als Ziel, das muss ich ausdrücklich betonen, sehe ich, pragmatistisch und utilitaristisch, die Förderung des Wohls der Menschen. Ein Unterschied muss ein Unterschied sein, der eine bessere, d.h. lebensfreundlichere Praxis ermöglicht. Philosophische Antworten auf diesen Vorwurf der „Sinnlosigkeit der Geisteswissenschaften“ wurden vielfach und von großen Denkern gegeben. Einige Namen die man hier nennen kann: Richard Rorty, Ludwig Wittgenstein, Willard van Orman Quine, Winfried Sellars, Robert Brandom, William James, John Dewey, Hans Georg Gadamer oder auch Friedrich Nietzsche.
Vor allem die letzten beiden traten immer für ein anderes Ziel aller Praktiken ein, als die Wahrheitssuche. Sie meinten, dass der Mensch nicht von einem „Willen zur Wahrheit“ getrieben wird, der ihn über alle anderen Lebewesen und die Kontingenz erhebt und zu einem Bürger im Reich der Objektivität macht, in dem er neben Gott am Festmahl der Wahrheit teilnehmen kann. Sie traten ein für eine Selbstbildung, eine Vervollkommnung der eigenen Lebensgeschichte, sodass man seinen eigenen kontingenten Roman glaubhaft erzählen könnte. Diese Ansicht über Philosophie und menschliche Praktiken überhaupt ist den Ästheten näher als den Naturwissenschaftlern. Hinter beiden Vorstellungen steht im Endeffekt die Idee, dass der Mensch etwas Besonderes sei. Nur über das Warum ist man sich noch nicht einig. Ulrich Kutschera ist der Meinung, der Mensch sei etwas besonderes, weil er an einer übermenschlichen Wahrheit teilhaben kann. Deswegen ist es für ihn so wichtig, die Grenze klar zu ziehen zwischen den Praktiken, die die Wahrheit garantieren und jenen Praktiken, die nichts dazu beitragen. Da die Methode der Naturwissenschaften scheinbar eine andere, am Fundament der Realität ansetzende, ist, muss sie klar von der Methode der Geisteswissenschaften getrennt werden, die „nur“ bei Gesprächen bleibt. John Dewey auf der anderen Seite war der Meinung, dass der Mensch etwas Besonderes sei, da er seine eigene Evolution (durch solche gespräche) beeinflussen kann. Diese Fähigkeiten könnte man nutzen, um eine Welt zu schaffen die für die Menschen lebbarer wird. Aber nicht, weil man mit dem Gott „Wahrheit“ in Verbindung steht, sondern da man mit den anderen Menschen in Verbindung steht.

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