Tugendethik

Bei der Nikomachischen Ethik des Aristoteles handelt es sich um eine so genannte Tugendethik. Tugenden sind Haltungen, oder besser Dispositionen zu Handlungen, die längerfristig und im Kontext gesehen werden müssen.
Dieser Ansatz erscheint mir alleine deshalb schon eine gute Möglichkeit (unter Anderen), dem Dilemma der Prinzipienethik zu entgehen. Ich möchte Kant als Beispiel nennen. Hinter Kants Vorstellung der Ethik steht ein kontextunabhängiges Gutes, das objektiv sittlich gut ist. Dass es unmöglich scheint zu einer objektiven, kontextunabhängigen Hinterwelt zu gelangen, indem wir unseren Standpunkt transzendieren, davon bin ich, sozusagen als Prämisse, überzeugt.
Die Antwort die Aristoteles auf die Frage nach dem gesollten gibt, könnte man als die „Lehre von der Mitte“ bezeichnen. Die Tugend ist das angemessene Handeln im Einzelfall, nicht eine ewig wahre, objektive Vorgabe. Diese Angemessenheit ist immer die Mitte zwischen zwei Extremen, die in der jeweiligen Situation schlecht wären. Insofern gleicht dies den hypothetischen Imperativen Kants, da die beiden Extreme nicht an sich schlecht sind, sondern im Bezug auf eine besondere Situation, in der sie zu einem schlechteren Ergebnis in Sachen Glückseligkeit führen würden. (Hier setzt im Übrigen auch der Utilitarismus eines Mill an)
Aber bei Kant wie bei Aristoteles gibt es etwas, dass kontextunabhängig erstrebt wird (werden muss), um seiner selbst Willen. Der Unterschied ist nur, dass es bei Kant eine Sache der Vernunft ist, bei Aristoteles ein Gefühl. Bei Aristoteles kann man (zumindest geht es mir so) leichter nachvollziehen, warum das, welches von allen erstrebte werden soll auch von allen erstrebt werden kann. Es hat einen Hauch von einem späteren Kontraktualismus, welchen ich im Übrigen für die brauchbarste moralische Theorie halte.
Eine Ethik wie die Kantens, die den Egoismus und die Neigungen vollkommen ausklammern will, entspricht einfach nicht der Realität in der wir leben. Aber auch innerhalb eines Kontraktualismus kann die Aristotelische Lehre von der Mitte einen guten Leitfaden abgeben. Nur aus Prinzipien kann eine Ethik nicht bestehen, aber wohl auch nicht ganz ohne sie.

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10 Antworten to “Tugendethik”

  1. Hallo Sebastian!

    „….Aber bei Kant wie bei Aristoteles gibt es etwas, dass kontextunabhängig erstrebt wird (werden muss), um seiner selbst Willen. Der Unterschied ist nur, dass es bei Kant eine Sache der Vernunft ist, bei Aristoteles ein Gefühl.“
    ….
    Nur aus Prinzipien kann eine Ethik nicht bestehen, aber wohl auch nicht ganz ohne sie.“ ……

    Ist es denn nicht so, daß diese Prinzipien sich vor der Vernunft bewähren müssen oder können Prinzipien auch auf einem Gefühl gegründet sein?
    mfg

  2. Ich würde sagen, Kant würde ganz klar meinen, dass die Prinzipien, die wahrlich gut sind, aus der Vernunft stammen müssen. Wie zb das Prinzip der „goldenen Regel“, das sich ja als sehr gut herausstellt, wenn man vernünftig drüber nachdenkt. Gefühle hätte Kant hier, meiner Ansicht nach, nicht als Grund für Prinzipien zugelassen (noch als Grund für irgendetwas anderes wie mir scheint).

    [Wobei mir auffällt, dass ich Kant hier sehr nahe an einen Kontraktualismus rücke – ich weiß nicht, wie viele mir dabei recht geben würden]

    lg

  3. Das der Goldenen Regel ein Kontrakt zugrunde liegt, glaube ich nicht. Ich habe mit keinem Nachbarn (z.B.) einen solchen Vertrag geschlossen. Ich denke, daß sie sich aus in dem Gefangenendilemma erklären läßt.
    Wenn ich mit einem „gleichstarken“ Gegenüber kooperiere, wird in Anlehnung an das Gefangenendilemma das gegenseitige „Leid“ was wir uns antun, minimiert. Bei Nichtkooperation kann es sein, daß ich einmal den ganzen Vorteil und der Kontrahent das ganze „Leid“ hat. Ich muß aber damit (intuitiv) rechnen, beim nächsten Mal (und weitere Male) selbst in eine ähnliche Situation zu kommen.
    Wenn das stimmt, liegt der Goldenen Regel eine gewisse Logik zugrunde, eine Naturgesetzlichkeit sozusagen.
    mfg.

  4. Ich sehe (momentan zumindest) auch die Goldene Regel als so eine Gefangenendilemma abart. Ich soll die anderen so behandeln, wie ich selbst von ihnen behandelt werden möchte – warum?
    Kant: „Weil das vernünftig ist. Nicht weil ich dadurch etwas erreiche sondern weil es ein Denkgesetz der praktischen Vernunft ist. Ich bin nur praktisch vernünftig, wenn ich den kategorischen Imperativ befolge. Die Vernunft ist wesenhaft moralisch. Wir Menschen sind vernünftig!“
    Hobbes: „Weil das vernünftig ist. Wenn ich die Schwäche der anderen nicht ausnutze, dann nutzen sie im Gegenzug die meine nicht aus, wir alle leben länger.“

    Ich tendiere zu Hobbes‘ kontraktualistischen Leseart der Goldenen Regel, der auch das Gefangenendilemma umfasst. Der Vertrag muss natürlichnicht explizit geschlossen werden, insofern habe ich einen Kontrakt mit meinen Nachbarn.

  5. Wenn der Kontrakt nicht explizit geschlossen werden muß, ist dann der Begriff Kontrakt überhaupt sinnvoll? Warum sollte ich mich an einen nicht geschlossenen Vertrag halten.
    Ich teile natürlich die Auffassung, daß das Verhalten nach der Goldenen Regel gut ist, halte aber eine utilitaristische Erklärung in diesem Fall für die richtigere.

  6. Der Kontraktualismus ist ähnlich dazu, dass wir uns an geltendes Recht halten, ohne bei dessen Formulierung mitgestimmt zu haben. Es ist kein Kontrakt im harten Wortsinn, dass irgendwo ein Stück Papsier exisitert, auf dem alle, die mitmachen, unterzeichnen.
    Beim Kontraktualismus ist es eher so, dass man solche Regeln formuliert, von denen man annehmen kann, dass jeder vernünftige Mensch sie auch einhalten würde, ähnlich dem kategorischen Imperativ. (z.B.: Ich will nicht getötet werden, diese Gefahr kann ich minimieren indem ich mich daran halte, meinerseits keinen zu töten. Wen ndie anderen das auch machen haben wir alle einen Vorteil. So wird ein impliziter vertrag geschlossen)
    Ein großer Unterschied zu Kant ist, dass der Kontraktualismus absichtlich auf die Folgen der Handlung schaut. Moral ist im Kontraktualismus eine Verkehrsregel, die unser Handeln zu unser aller Vorteil lenkt. Was der Vorteil ist, ist natürlich nicht feststehend und kann sich durch die Zeit hindurch ändern.
    In dem Sinn kann man die Goldene Regel kontraktualistisch sehen. Weil im Utilitarismus kann man immer noch eher leicht fragen: Und warum interessiert es mich, dass es den anderen gut geht?

  7. „Über Grenzen der Naturwissenschaften“. Ein Kommentar…

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  8. Zum Ursprung von Naturethik – Teil 1…

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  9. Zum Ursprung von Naturethik – Teil 2…

    „ … am Beginn [von Ethik] steht das Gefühl des Respekts für die Bedeutung des Anderen, die der eigenen entspricht.“ Es ist sicher richtig, daß ein bestimmtes Gefühl historisch von Beginn an nicht nur ethisch relevant….

  10. Vernunftethik ist dem Menschen natürlich, Gefühlsethik ist eine Kopfgeburt….

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