Schopenhauer und die Ethik

Der Beck’sche dtv Verlag hat eine optisch ansehnliche, wirklich lesenswerte Sammlung an Texten zusammengestellt, die beim „richtigen leben“ helfen sollen. Zumindest sind es Texte von Autoren wie Buddha, Epiket, Boethius, Laotse, Nietzsche und Schopenhauer, denen man einige überzeugende Gedanken auf diesem Gebiet zutrauen kann. Schopenhauers Teil in dieser „Kleinen Bibliothek der Weltweisheit“ ist eine Zusammenstellung einiger seiner Schriften zur Ethik, beispielsweise zwei Paragraphen aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“ und Teile aus der „Preisschrift über die Grundlage der Moral“, die den Titel „Über das Mitleid“ trägt.
Gewohnt pessimistisch beginnt Schopenhauer hier, seine Weltsicht darzustellen. Die Zeit zeigt uns immer wieder, dass all unser Streben vergeblich ist, da das Erstrebte vergehen muss. Das ist für Schopenhauer das eigentlich objektive der Zeit, um es kantisch zu wenden. Schopenhauers Welt wird von einem blinden Willen zum Leben durchwaltet, einem willkürlichen Prinzip, Schopenhauers Ding an Sich. Der Mensch als scheinbar vom Willen und allen Anderen getrenntes Individuum befindet sich in der Welt der Erscheinungen, ist jederzeit in Vorstellungen gefangen. Leben heißt für Schopenhauer buchstäblich Leiden. Alles Glück ist negativ, es fällt uns nur auf, wenn es nicht mehr da ist. Und da es Übel in der Welt gibt, die nicht durch alles Glück der Welt aufgewogen werden können, ist es besser, nicht zu sein.
Er schreibt hier gegen optimistische Schriftsteller wie beispielsweise Leibniz, die uns in der besten aller möglichen Welten sehen. Nach Schopenhauer ist unsere Welt sogar die schlechteste aller möglichen Welten. Noch ein wenig schlechter und sie würde zusammenfallen, wie beispielsweise die Welt der Dinosaurier. Jeder Mensch ist vor allem Egoist, wie schon Hobbes beschrieb. Doch auch in dieser düsteren Welt, in der der Mensch des Menschen Wolf ist, gibt es Hoffnung, den Egoismus zu überwinden. Denn Schopenhauer kann nicht leugnen, dass es auch hier, in dieser Vorstufe zur Hölle, Menschen gibt, die wahrlich moralisch handeln. Moralisch Handeln heißt für ihn, dass eine Handlung nicht aus Egoismus motiviert sein darf.
Das Wohl eines Anderen muss dann zu meinem eigenen werden, damit ich sein Leiden verhindern und sein Wohl fördern möchte. Dies kann nur durch die einzig moralische Triebfeder geschehen: dem Mitleid. Gerechtigkeit und Menschenliebe entspringen dem Mitleid, wie alle wirklich tugendhaften Handlungen. Mitleid empfinden bedeutet, zu erkennen, dass im Anderen derselbe Wille wie in mir selber waltet, dass die Trennung in Individuen eigentlich eine Illusion ist. Je mehr Menschen in Richtung der Tugend tendieren, desto mehr erkennen sie dies.

Es ist eigentlich Schade, dass Schopenhauer momentan in der Philosophie ein relatives Schattendasein führen muss. Auch wenn seine metaphysischen Ausführungen nicht mehr haltbar sind (Aber wessen metaphysischen Ausführungen sind das schon?) so finde ich den Gedanken, der hinter Schopenhauers Ethik steht sehr gut und auch heute noch richtig, aber Schopenhauers Versuch, in allen Lebewesen das gleiche Wesen zu entdecken, um Privates mit Öffentlichem zu verbinden, ist gescheitert. Wenn man wahrlich aus Nächstenliebe handelt, hat man erkannt, dass der je momentane Andere ebenso ein Mensch ist wie ich selbst, das Leiden kann, und dessen Leiden verhindert werden sollte. Das kann der Antrieb sein für die Überwindung des wirklich allgegenwärtigen Egoismus.
Neuere Ansätze versuchen dies auch auszudrücken. Sie arbeiten mit dem Gefühl der Solidarität, Gen-altruismus oder (politischen) Gleichheit. Dies führt aber im Grunde auch zur „Goldenen Regel“.

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7 Antworten to “Schopenhauer und die Ethik”

  1. Ich verstehe eins nicht. Schopenhauer war wohl Atheist (so hab ich es irgendwo gelesen). Warum dann eine Mitleidsethik? Ist dann nicht der sozialdarwinistische Hang, wie ihn Nietzsche zeigt, konsequenter?
    Ps. Der „Gen-Altruismus“ ist auch ein Egoismus.

  2. Nun der wahrscheinliche Hintergrund ist, dass er einsehen wollte/musste/konnte, dass trotz aller dunklen Farben, die er zum Ausmahlen der Welt benutzt hat, sich doch wirkliche uneigennützige Menschen in dieser Welt finden lassen. Und dadurch, dass ein und derselbe Wille, also das selbe Wesen in allen Individuen ist, konnte er diese „positiven Ausreißer“ so gut erklären.

    Und ja natürlich ist der Gen-Altruismus in letzter Konsequenz auch egoistisch. In dieser Erklärungsstruktur wird eben versucht, diesen Eogismus auch in Sachen Ethik irgendwie zu resolidarisieren.

  3. Was ist das denn für ein Wille? Ist es der Wille zum Leben, zum Überleben? Dieser Wille hat nun doch ein sehr stark egoistische Komponente und selbst der Altruissmus, der in der Natur auftritt hat diese (an der Basis gen-) egoistische Komponente. Schopenhauers Mitleidsethik ist mir ja überaus sympathisch, vor allem, da er in diese Ethik auch nichtmenschliche Wesen einbezieht, aber ich sehe nicht, wie seine Philosophie diesen Schritt plausibel macht (- begründen kann).

  4. Man muss bei Schpenhauer immer seine Zeit mitdenken. Er hat den Willen nicht als den Willen von Jemandem gedacht. Der wille war seine metaphysische Grundlage, sein Ding an Sich, wie er in Anlehnung an Kant selber sagte. Man könnte es zeitgemäßer vielleicht „Prinzip des Überlebens“ nennen, vielleicht so eine art Vorläufer der Evolutuinstheorie. Aber ich weiß nicht in wie weit man Schopenhauer mit Evolution in Verbindung bringen kann, da bin ich eher vorsichtig. Obwohl es momentan recht „in“ ist, auf alles rückwirkend die Erklärungsstruktur der Evolution draufzupappen ^^

  5. Ja, ich versuche das zu verstehen. Es ist ja auch ein interessanter Gedanke, das Ding an sich als Wille zu fassen.
    Aber was wird aus dem metaphysischen Ding an sich (=Wille) wenn man es in die real existierende Welt zieht? – Ich mag auch nicht überall Evolution daraufkleben.

  6. sebastian Says:

    Die „real existierende Welt“ ist ja für Schopenhauer wie für Kant ja „nur“ Erscheinung. Es ist also praktisch die Selbe Welt nur unter anderen Bedinungen. Die Welt der Vorstellungen ist also eigentlich das verkennen des Wesens der Dinge. Wenn ich das Problem richtig verstanden habe ?! : )

  7. […] hat, das Mitleid. So schön es klingt, folgt es doch der „Erkenntnis”, dass wir in der schlechtesten aller möglichen Welten leben. Warum? Weil wir sterblich sind, also: weil wir geboren sind. Das Mitleid gilt daher allem […]

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