Rorty und die Illusion eines Ich

Das Fazit des Buches „Ich: Wie wir uns selbst erfinden“ ist recht überraschend und auch wieder nicht. Es besagt, dass wir unser Ich, Neurologisch gesehen, wohl aus vielen kleineren Bewusstseinsaktivitäten herausillusionieren. Das Gehirn hat es nicht direkt mit der Außenwelt zu tun, sondern mit einem Modell, das die Sinne ihm liefert. Das Gehirn selbst ist blind und taub, es kann sich nur aus den neuronalen Daten der Sinnesorgane eine Simulation der Umwelt basteln. Genau in dieser Simulation befindet sich das Gehirn jederzeit, niemals „an den Sachen selbst“. Weil wir das Gefühl, jemand zu sein, immer nur innerhalb dieser Gehirnsimulation der Außenwelt haben, ist das Selbst, etwas essenziell immer gleich bleibendes, ebenso Teil der Simulation.
Man könnte sich an Kant erinnert fühlen. Das transzendentale Subjekt erschafft Raum und Zeit, in dem sich die Erscheinungen, die Simulationen der Dinge an Sich bewegen. Aber das ist ein Notwendiges Geschehen und kein relativistisches fabulieren, was einem gerade in den Sinn kommt. Das wir nicht anders können als uns als ein Ich zu begreifen steht immer noch außer Frage. Weil dem so ist hat, nach meiner Meinung, diese Einsicht zunächst keine allzu große Auswirkung auf die Praxis, eher beschränkt sich die Wirkung auf bestimmte Sprachspiele. Wenn man das Ganze beispielsweise aus der Perspektive Richard Rortys betrachtet (ja, ich bin ziemlich beeindruckt davon), dann kann man daraus sehr viel gewinnen.
Die These des Buches kommt Rorty letztendlich sehr entgegen, denn auch er wollte die Annahme einer Essenz der Dinge stets vermieden wissen. Es gibt also kein Wesen des Selbst, es gibt nur Verhaltensweisen unter bestimmten Hinsichten, nichts was außerhalb des steten Wandels steht. Die Annahme eines Ichs im Kontext der Hirnsforschung mag also obsolet geworden sein. In anderen Sprachspielen, wie zum Beispiel dem der Selbsterfindung oder der Rechtssprechung wird ein System, das auf ein Ich verzichtet nicht durchhaltbar sein. Daher muss man auch die lokale Begrenztheit der Sprachspiele immer erkennen.
Die Gefahr die sich bei Rorty immer auftut ist, dass der Mensch in viele Menschen aufsplittert, dass sich quasi in jedem Sprachspiel ein anderer Mensch befindet. Wenn man aber von Vorne herein das „eine Selbst“ als situationsabhängige Simulation betrachtet, kann einem das nicht passieren. Man könnte sagen, ich bin immer derjenige, als der ich mich in einer bestimmten momentanen Situation sehe.
Die Erinnerungen an unser Selbst können nicht als verlässliche Zeugen aufgerufen werden um uns zu versichern, dass wir heute der sind, der wir auch letztes Jahr schon waren. Auch die Erinnerungen an ein Selbst werden, wie alle Erinnerungen, ständig umgeschrieben. Da der Mensch von der Evolution so ausgestattet wurde, dass er möglichst lange überlebt, hat er wenig Interesse an einer „objektiven Abbildung“ der äußeren Welt. Diese Neodarwinistische Sicht macht er erklärbar, wieso es im Gehirn dazu kommt, dass Erinnerungen erfunden oder zumindest massiv verändert werden, um das Selbstbild konsistent zu halten. Ein Gedächtnis, das manches Mal die Fakten ein wenig verdreht oder schönt, kann im Überlebenskampf definitiv von Vorteil sein. Aus der Erinnerung können wir eine unwandelbare Essenz des Selbst nicht ableiten, der von Rorty beschworene liberale Ironiker wird mit dieser Kontingenz umgehen können…

Beide Ausgangspunkte (Das Ich als Simulation und Rortys Sichtweise) verbindend: Das Ich ist Situationsabhängig, es gibt keinen Kern des Selbst, es besteht aus einem beweglichen Zusammenspiel von vielen, kleineren Systemen des Gehirns. Ebenso, mit Rorty verhält es sich mit allem anderen, nirgendwo gibt es ewige, unwandelbare, für alle gültige Wahrheiten. Das Ich, die Sprache und damit die Wahrheit, werden gemacht und nicht gefunden.

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3 Antworten to “Rorty und die Illusion eines Ich”

  1. Ich versteh das alles nicht. Verzeih, aber ich habe oft den Eindruck(vielleicht tu ich Rorty aber Unrecht), daß ich es, bei dem was er sagt, mit des Kaisers neuen Kleidern zu tuen habe.
    Soviel ich weiß sagen die Neurologen, daß es keine bestimmte Lokalisation des Ichs/Selbst in einem Hirnteil gibt, sondern daß das Ich eine Systemleistung des Gehirn darstellt. Das Ich ist etwas Subjektives, etwas was ich aus der Ersten – Person – Perspektive erfahre und was über mein ganzes Leben konstant ist (wenigstens bisher ;-); das lasse ich mir auch nicht ausreden.

    Was bedeutet also der folgende Satz?

    „Es gibt also kein Wesen des Selbst, es gibt nur Verhaltensweisen unter bestimmten Hinsichten, nichts was außerhalb des steten Wandels steht. Die Annahme eines Ichs im Kontext der Hirnsforschung mag also obsolet geworden sein.“

    Soll der Hinweis es gäbe kein Wesen des Selbst bedeuten, daß das Ich nicht konstant ist sondern sich stets verändert? Das wäre merkwürdig. Wenn ich mir eine alte Fotographie von mir ansehe, so sage ich, daß bin ich. Ich bin zwar größer geworden, aber ich werde doch nicht sagen, oh, schau, das eines meiner vielen Ichs, welches damals noch kleiner war. Was soll an diesem Ich eine situationsabhängige Simulation sein?
    Was sagt der Hinweis, es gäbe nur Verhaltensweisen in einer bestimmten Situation? Ist damit das gemeint, was die Behavioristen versuchten, in dem sie, um jede Innerlichkeit/Subjektivität zu umgehen, nur das beobachtbare Verhalten gelten ließen und dadurch den Unterschied zwischen einer Maschine und einem Menschen aus dem Blickfeld verloren?
    Und wieso soll die Annahme eines Ichs für die Hirnforschung obsolet sein? Die Hirnforschung kann doch das Ich genau so untersuchen wie sie andere Aspekte des Bewußtseins untersucht.

  2. Sehr richtig, das Ich kann man sich auch nicht ausreden lassen ; ) Schon Hume, der erste große Kritiker des Ich, hat, wohl schmunzelnd, formuliert: „Alle haben das Problem, dass sie ein Ich haben. Ich hingegen habe dieses Problem nicht“.
    Hume wie Rorty wie dieses Buch wollen, meiner Meinung nach, nicht sagen, dass wir die Vorstellung eines Ich abschaffen sollen. Sie wollen darauf Hinweisen, dass das was wir als sicheres Wissen wähnen vielleicht doch nicht so sicher ist und man gegenüber anderen Meinungen tolerant sein muss – sie könnten die Wahrheiten von morgen sein.

  3. Hab mir auch schon einige Gedanken über das Thema gemacht, auch wenn es hier ja nur sehr kurz angeschnitten ist (aber ich denke, dass es in die entsprechende Richtung geht):

    Die große Frage, die ich mir hierzu immer stelle, ist die nach dem Entstehen von Kreativität. Wenn unser Bewusstsein wirklich rein auf irgendwelchen neurologischen Prozessen basiert, müssen diese klarerweise auch den Naturgesetzen, allen voran jenem der Kausalität unterliegen. Wenn unser Handeln und Denken jedoch bloß Reaktionen auf eingehende Sinneseindrücke sind, wie kann dann im Hirn eines Menschen etwas gänzlich Neues, nicht irgendwie Abgeschautes oder Abgewandeltes entstehen?
    Sind all die technischen und künstlerischen Errungenschaften somit nur Abbilder unserer Umgebung, oder gibt es wirklich so etwas wie ein kreatives Zentrum, in dem vom Menschen ausgehend Dinge geschaffen werden, die nicht direkt mit seiner Umwelt zusammenhängen, jedoch anschließend in diese „hineingesendet“ werden?

    Ach, und mich würde auch interessieren, was jemand denkt, der gänzlich von Sinneseindrücken abgeschnitten ist (blind, taub, geschmacklos, tastunfähig). Wenn sein Ich wirklich nur temporär durch eben jene Eindrücke im Hirn entsteht, wie kann es so überhaupt entstehen, wenn dieser Mensch seit Geburt unter diesen Behinderungen leidet?

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