Objektivität

Die Möglichkeit einer objektiven Sicht der Welt war immerschon (implizit) das Thema der Philosophie. Begonnen hat diese Implizierung schon in der griechischen Antike, wo Wissen über Objekte (noch) nicht wirklich in der Philosophie problematisiert war (in de Sophistik schon, bei Gorgias zb, aber man bemühte sich recht umfassend, sich als Philosoph von den Sophisten zu distanzieren). Platons Ideen waren Wissen, damit ist man wirklich an genau jenen Teilen der Realität, die wahr sind, sogar noch die Teile, die Realer als die dingliche Realität sind. Platon stellte die Ideen auch als prinzipiell erkennbar dar, wenn man sich nur Mühe gibt.
Im christlichen Mittelalter, das sehr vom Platonismus inspiriert war (der Platonismus musste sich aber den Platz an der Sonne mit dem Aristotelismus teilen), war die objektive Wahrheit vor allem bei Gott, der überhaupt der Dreh und Angelpunkt jedes Wissens war. Menschen, die nicht so perfekt waren wie Gott konnten sich natürlich Irren aber prinzipiell war es, auch durch Gottes Hilfe, möglich, die Dinge so zu erkennen, wie sie wirklich sind.
Über die frühe Neuzeit hat sich die Möglichkeit der Wirklichkeit und deren Erkenntnis durch uns Menschen nicht verändert. David Hume, der zwar unsere a priori Erkenntnis leugnete, leugnete dennoch nicht, dass sich unsere Perzeptionen auf etwas wahres, real Existentes bezogen, die wir zumindest a posteriori erkennen können. Wir können laut Hume zwar nicht die wesenhafte Ordnung hinter den Dingen der Welt erkennen, wohl aber, dass es eine Welt gibt, die sich uns zeigt.
Mit Kant änderte sich die Problematik. Durch seine Kopernikanischen Wende wurde erstmals thematisiert, dass wir vielleicht nicht die Dinge an sich, die wahre Welt objektiv wahrnehmen. Doch da die Sichtweise der Welt zwar vom Subjekt gemacht war, aber bei allen Subjekten gleich, hatte dies vorerst nicht allzu viel Auswirkung für das Thema „objektives Wissen“. Mit dem Erstarken der Naturwissenschaften wurde die Voraussetzung der Erkennbarkeit der objektiven Wahrheit nicht wirklich Hinterfragt.
In den Schriften Nietzsches, vor allem den Nachgelassenen, wird aber beispielsweise thematisiert, dass der Satz vom Ausgeschlossenen Widerspruch kein Seinsgesetz sei, sondern ein Gesetz für den Menschen.
Mit dem Auftreten der Analytischen Philosophie wurde dies großteils ausgeblendet. Das Analytische Projekt befasste sich mit der möglichst genauen Wiedergabe einer objektiven Welt. Die objektive Welt muss demnach erst mit kleinsten Sprachatomen verbunden werden, und dies hat möglichst genau im Sinne einer Wissenschaftssprache zu passieren. Dass dieses Projekt nicht durchhaltbar ist, zeigte vor allem der späte Wittgenstein. Er sprach sich vor allem gegen die Vorstellung der Sprachatome aus, die mit kleinsten Teilen der nichtsprachlichen Realität irgendwie verbunden sind.
Putnam kritisiert, dass sich dieser „metaphysische Realismus“ bis heute gehalten habe, vor allem in den Naturwissenschaften. Putnams internalistische Perspektive, die einen Mittelweg zwischen Realismus und Relativismus darstellen soll, ist aber auch noch ein wenig in dieser metaphysischen Sicht gefangen. Denn Putnam beschreibt, dass es wohl „nur“ den Dialog gibt, mehr können wir als Menschen nicht erreichen. Und noch dazu, und das verwundert, fragt Putnam dann, ob dieser Dialog einen idealen Schlusspunkt hat, auch wenn wir ihn möglicherweise nicht erkennen können. Richard Rorty, aus dem Neopragmatismus kommend, sieht für diese Annahme des idealen Endpunktes keine Verwendung, schließlich muss im Pragmatismus ein Unterschied ein Unterschied für die Praxis sein. Die internalistische Perspektive die auf den Dialog zentrieren wollte fällt somit eigentlich in den metaphysischen Realismus zurück.
Rortys Ansicht dazu ist weitaus radikaler und umstrittener. So fällt bei Rorty die objektive, ewige Wahrheit mit momentaner, lokal begrenzter Rechtfertigbarkeit zusammen. Mehr, als das wir uns vor einer momentan relevanten Gruppe rechtfertigen können ist niemals erreichbar. Wenn wir dieser Gruppe hinter uns haben, müssen wir uns um unseren Bezug zur Realität nicht mehr sorgen. Objektivität sei durch Solidarität zu ersetzen. Oft wird dazu kommentiert, dass durch Rortys Sicht alles im Relativismus versinkt. Rorty kommentiert diese Vorwürfe zwar, aber seine Ausführungen dazu können wohl nicht alle Überzeugen.
Die Ansicht „Mensch trifft auf äußere Realität“ (=Objektive Welt ist Abbildbar) ist nach wie vor umstritten. In den meisten Diskussionen folgt inzwischen auf ein „Normalerweise ist das so!“ ein „Ja was ist schon Normal?“. Abseits aller Phrasendrescherei, die nur die eigene Position als „besser als normal“, also als wesenhaft besser platzieren möchte, wird das Paradigma der Naturwissenschaft mit ihrem Exaktheitsideal immer noch als die Methode der Forschung propagiert.
Um zum Abschluss Adolf Holl zu paraphrasieren: „Es muss doch absolute Werte geben, meinen die Leute. Und sie meinen damit ihre eigenen Werte.“
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5 Antworten to “Objektivität”

  1. Das ist ein interessanter Beitrag!
    Ein Aspekt:Wenn Metaphysik die Frage nach der Wahrheit ist, dann geht es auch heute noch um Metaphysik, so scheint mir. Der ideale Schlußpunkt von dem Putnam spricht entspricht doch wohl der Wahrheit. Und das man über eine konkrete Wahrheit nur intersubjektiv Klarheit gewinnt, kann man wohl getrost unterschreiben.
    Der völlig konträre Standpunkt ist der Nietzsches, nachdem es keine Wahrheit gibt (ein wohl selbstwidersprüchlicher Satz).
    In der mittelalterlichen Philosophie war Gott das Wahre und damit auch der Ankerpunkt für die Überzeugung, daß es Wahrheit gibt. Mich würde interessieren, wo Putnam den idealen Schlusspunkt den festmacht.

  2. Zu erst einmal: Danke : )
    Das Problem von Putnam ist, laut Rorty, dass er auf halbem Wege stehen geblieben ist. Die ganze Philosophiegeschichte, also der der Metaphysik, beschäftigt sich damit, „Essenzen“ zu finden, das was „wirklich“ ist. Putnam sieht zwar ein, dass es „nur den Dialog“ gibt, fällt aber in das metaphysische Essenzdenken zurück, durch den „objektiven Hintergrund“ der bei ihm eben als normative Größe installiert ist.

    Rorty, und damit komme ich auf den Hinweis zu Nietzsches „wahrheitslose Wahrheit“, will das ganze System unterlaufen: durch eine Trennung von Öffentlichem und Privaten.
    Er schreibt in „Kontingenz, Ironie, Solidarität“, dass seine Vorstellung des idealen Menschen eine liberale Ironikerin ist (er behält die weibliche Form nicht immer bei). Ironiker sind für Rorty die Menschen, die es in voller Konsequenz verstehen, dass ihr Denken Kontingent, das heißt in gewissem Sinne relativ ist. Dadurch stehen sie zu ihrer Ansicht in gewisser Distanz, ihr Lebensziel ist eine selbstschöpferische Selbstbeschreibung. Rorty meinte, dass Nietzsche der erste war, der dies probierte, aber einen Fehler machte, als der diese ironische Distanz auch auf die Sphäre des Öffentlichen ausbreiten wollte – Selbstschaffung, so Rorty, ist eine Angelegenheit des Privaten. (Im Öffentlichen Raum soll Solidarität das für die Ethik leisten, was früher Essenz leistete, aber das führt zu weit vom Thema weg).
    Rorty beschreibt weiters, dass für einen sich selbst schöpfenden Ironiker die Aussage „Es gibt keine Wahrheit“ eine Frage ist, die man nicht mehr stellt. Rorty (und so auch Nietzsche) wollten keine neue Metaphysik platzieren, sondern neue Fragen stellen und alte vergessen. Das ist vor allem die Arbeitsweise Rortys.
    Für einen liberalen Ironiker stellt sich die Frage nach der Wahrheit gar nicht, so wie sich für den Christen im Mittelalter sich die Frage nach den Gründen für sein Christ-sein nicht stellten. Ich hoffe es einigermaßen verständlich dargestellt zu haben, es handelt sich durch den Gestus der radikalen „Andersheit des Themas“ für mich um ein schweres Gebiet.

  3. Irgendwie ist dieser Rortysche Ansatz (Aufgeben der Frage nach der Wahrheit) letztlich nicht stimmig, da seine ganzen Überzeugungsversuche doch mit dem Anspruch wahr zu sein an den Leser herangetragen werden. Es ist irgendwie widersprüchlich.

  4. Ja das stimmt schon, der Vorwurf des kontradiktorischen Selbstwiderspruches wurde oft an Rorty herangetragen, unter anderem von Habermas. Rorty begegnet dem eher salopp, er sagt, dass man hier nicht nur mit Vernunft arbeiten kann und dass ihn das einfach nicht überzeugt. Wohlwollende Leser werden dieses Problem eher „Rortyanisch“ sehen, kritische eher mit Habermas argumentieren. Ich bin eher der ersten Meinung, dass diese Erklärungsmetohde enormes rhetorisches Potential hat. Mir gefällt einfach die geistige Beweglichkeit der ganzen Sache und die Idee die dahinter steht.
    Aber das muss ja nicht jedem so gehen. (Ich glaube, Rorty würde den letzten satz unterschrieben haben)

  5. Es scheint fast so, als ob die Behauptung, man hätte nun die Methode gefunden, die einzelne Wissenschaften auf den ‚richtigen‘ Weg bringen soll, als Ersatz für die aus der Mode gekommene Ontologie dient. Auch die analytische Philosophie ist eventuell noch von dem Glauben beherrscht, mit allen möglichen linguistischen Methoden, doch noch so etwas wie das Heideggersche „Seyn“ finden zu können. Inzwischen liefern m.E. auch die Neurowissenschaft so viel Forschungsmaterial, dass ’normal‘ bzw. ‚das ist so‘ u.ä. Redewendungen eigentlich außer Gebrauch kommen könnten. Es scheint so, dass bereits die Sophisten im Unterschied zu Platon in diesem Punkt Zutreffendes gesagt haben. „Die Dinge sind für mich so, wie sie für mich zu sein scheinen und für dich so, wie sie dir zu sein scheinen.“

    Das, was im alten Griechenland die Skeptiker zum Schweigen brachte und ihnen Hohn und Spott der Dogmatiker einbrachten, scheint mir aus der irrigen Meinung zu kommen, dass Skepsis ‚handeln‘ unmöglich mache. Die Implikation – man brauche zum Handeln ewig gültige Gewissheiten – halte ich inzwischen für einen Irrtum. Jeder von uns scheint jeden Moment auf Grund von Annahmen zu handeln, die ihm – wie Hume sagt – seine Erfahrung und seine menschliche Natur als probabel nahe legen. Auch Rorty hat darauf hingewiesen, dass unser Pragma ohne die traditionelle erkenntnistheoretische Philosophie auskomme. Menschen handeln – da bin ich mit beiden einverstanden – aus einem probabilistischen Kontext heraus und damit funktioniert menschliches Handeln ausreichend. Wenn wir mehr wollen, erleben wir unsere Grenzen. Darin besteht m.E. die therapeutische Wirkung des Studiums der Philosophiegeschichte, das Rorty jedem Philosophen empfiehlt. Die Wahrheit, Objektivität, Exaktheit scheinen mir vergebliche Versuche, Pfeiler in den Fluss der Veränderungen zu treiben – wie ein Freund dies beschrieb – und so zu tun, als wäre etwas so und so und nicht anders. Es gibt Menschen, die derartiges brauchen und die sollen auch das gerne glauben. Dafür gibt es Religion. Aber mit meinem im Diskurs mit Rolf Reinhold erworbenen philosophischen Ansatz auf die Dinge hinzusehen – und zwar gemeinsam – kann ich das nicht mehr vereinbaren. Und auch ich erlebe auch an mir immer wieder, wie leicht dogmatische Einstellungen sich beim Hinsehen auf die Sachen einstellen. Es könnte sein, dass nicht ‚recht‘ haben – auch im umfassenden Sinne von ‚rechte Kirche‘ oder ‚richtige Auffassung‘ oder ‚richtige Theorie‘ -, sondern einvernehmliches Handeln Menschen verbindet. Für mich besteht darin der Bezug zu ‚philosophieren‘.

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