Über das Böse

Das Problem des Bösen wird erst wirklich zu einem Problem, wenn man die Prämisse des liebenden Gottes, der die Welt erschuf, unbedingt verteidigen will. Unter dieser Voraussetzung ist es nämlich ganz unverständlich, wieso dieser Gott, der doch dem Begriff nach zu der vorausgesetzten Allgütigkeit auch Allmächtig sein muss, einen Kosmos schuf, in dem Leiden und allgemein das „Böse“ existiert.
Eine Antwort darauf: Freiheit. Weil Gott die Menschen als freie Wesen geschaffen hat, konnten sie sich auch zum Bösen entscheiden. Gott wollte kein Puppentheater konstruieren, an dem nichts Möglich und alles Vorherbestimmt ist.
Diese Antwort ist aber ein wenig dünn. Wäre eine Welt in der es keine Freiheit gäbe, aber dafür auch kein Leiden und kein Böses denn unbedingt einer Welt vorzuziehen die beiden enthält? Zumal die Freiheit als Begriff auch ein Problem darstellt und keineswegs bewiesen ist.
Eine andere Antwort: Das Böse ist gar nicht. Das Böse ist nur die Abwesenheit von Sein, und damit die Abwesenheit des Guten. In dieser Argumentation befindet sich ein Trugschluss, der von vielen Theologen und Gläubigen bis heute gerne nicht gesehen wird. Nämlich verbindet diese Theorie die Ebenen von Sein und Sollen, in dem Sinne, dass das so genannte Hume’sche Gesetz verletzt wird. Laut diesem ist ein Übergang von Sein zu Sollen zumindest erklärungsbedürftig. Dieser Ebenenwechsel wird aber gar nicht thematisiert. In anderen Worten klingt es auch noch paradox: Das Gute ist das was ist. Das Böse ist das was nicht ist. Na sehr gut, dann gibt es ja gar kein Problem.
Die mittelalterliche Scholastik hatte ihre ganze Wirkdauer mit diesem Problem gekämpft, ohne es zu lösen. Aber in ihrer Geschichte sind einige wirklich bemerkenswert phantasievolle Ideen entwickelt worden um dem Problem Herr zu werden. Aber das Problem existiert trotz allem. Vielleicht muss man die Prämissen überdenken…
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12 Antworten to “Über das Böse”

  1. ja, schwierige fragen. und keine eindeutigen antworten.

  2. Hans Jonas stellt ja in seiner Schrift: Der Gottesbegriff nach Auschwitz die Prämissen in Frage und verabschiedet sich von der Allmacht Gottes. Aber wird nicht in der Hiob-Geschichte auch der ausschließlich anthropozentrische Aspekt der Klage „Über das Böse“ kritisiert. Wäre denn eine Evolution ohne Tod denkbar?

  3. sethnacht Says:

    „Das Böse“ als Thema ist sicherlich sehr kompliziert. Aber man kann es von verschiedenen Sichten beurteilen:
    – Subjektiv in meiner Welt
    – Subjektiv aus der Gesellschaft
    – Soziologisch
    – Philosophisch
    – Psychologisch
    – usw.

    Du hast das Thema theologisch angesprochen und damit ein Weltbild mit einem allgütigen und allmächtigen Gott in Frage gestellt. In der Tat finde ich ein Weltbild mit einem Gott als allgütige, allmächtige und immer präsente Entität ein wenig einfälltig. Das Problem ist meines erachtens, das eine Welt welche durch eine solche genannte Entität geschaffen wurde und geleitet wird, „das Böse“ per Definition nicht enthalten dürfte, somit muss also mindestens eine der drei genannten Eigenschaften wegfallen muss um „das Böse“ zu ermöglichen. Aber das sehe ich nur als eine Spielerei mit der Definition. Wie bereits erwähnt halte ich nichts von einem solchen Weltbild, weil es Lebenspraktisch überhaupt keine Relevanz hat und die Menschen nur auf einen „Im Leben nach dem Tod wird es dir gut ergehen“-Kurs bringt um sie von den materiellen Mängeln abzulenken und sie zu „knechten“. Das ist sicherlich auch sehr vereinfacht dargestellt, aber solche Themen können ja Bücher füllen!

    Ich denke es wäre interessant „das Böse“ aus der Sicht von anderen Religionen zu beleuchten, insbesondere von solchen welche als „Böse“ angesehen werden! Was denskt du?

  4. @leuchtspur: Nach der NS Zeit wurde die Prämisse wiederholt sehr radikal in Frage gestellt, auch die Frage nach dem Sinn des Philosophierens, vgl. Adorno.
    Das ich die Hiob Geschichte gelesen habe ist schon ein paar Jahre her, sie hat mich recht verwirrt zurückgelassen. Die Erklärung mit der ich dazu leben kann bezieht sich auf den Wandel der Vorstellung des Teufels, die den Teufel noch eher in Richtung eines ‚mal’ak jahwe’ zeigt, einem Abgesandten Gottes, auch wenn der Teufel Gott schon „herausfordert“ und zu einem eigenständigeren Prinzip wird.

    @sethnacht: Ich denke dazu, dass das Bild eines Allmächtigen und vor allem allgütigen Gottes in der Lebenspraxis massive Relevanz hat. Diese Sicht hilft sehr gegen das Gefühl der Einsamkeit, sei es als Mensch im Kosmos oder als Mensch in Verbindung mit anderen Menschen. Im Punkto „Sinnfrage“ ist Gott meines Erachtens nach immer noch eine der Top Antworten. Vor allem eine, die einen mit der Hoffnung vereint, dass sich doch immer alles zum Guten wenden wird. Die Religion rein als Knechtschaft zu sehen ist eine postmoderne Flause, die ich für unhaltbar halte, weil sie alles aus der szientistischen Weltsicht der Naturwissenschaft sieht.
    „Böse Religionen“ gibt es meiner Ansicht nach nicht. Wenn du hier auf den Satanismus und dergleichen anspielst, diese Bewegungen sind nicht Böse sondern Erscheinungen des Zeitgeistes. Sie behandeln nicht das „Böse“, das als Frage an mir nagt, sondern wollen die Individualität betonen und sich von anderen Religionen abgrenzen.
    Das Böse, das mich beschäftigt ist viel basaler, viel „sinnloser“.

    Danke für eure Kommentare : )

  5. Ich komme nochmal auf die Hiobgeschichte. Bekanntlich wurde Hiob, der reich und glücklich war, in die Hand des Teufels gegeben (das Mephistothema). Von da ab ging es ihm dreckig und er hadert schließlich mit Gott wegen seines bösen Schicksals. Das ist das Theodizeethema: Warum ist das Leid, das Böse in der Welt?
    Im 38. Kapitel spricht der Herr zu Hiob:…Wo warst du, da ich die Erde gründete? Sag an, bist du so klug! Weißt du wer ihr das Maß gesetzt hat?… Haben sich dir des Todes Thore je aufgetan? … Kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden oder das Band des Orions auflösen?…etc.
    Was sagt dieser Text? Ich sehe es so: Wir können das Theodizeeproblem nicht mit unseren menschlichen Maßstäben (eben anthropozentrisch) auflösen.
    Ps. Es ist nicht so, daß ich auf diesen Gedanken gekommen bin; ich hab ihn irgendwo gelesen.

  6. Und dennoch kann Gott immer noch alles zum Guten führen, und wer weiss ob es nachher nicht viel besser ist als es jemals war.

    Das Universum könnte also immer noch das bestmögliche aller Universen sein.

    Wer weiss?

    meint
    Christoph

  7. Stimmt sehr richtig, die Leibniz’sche Theodizee kann nicht widerlegt werden. Aber auch nicht bewiesen. Womit man wieder am Anfang steht.

  8. @leuchtspur: Das ist ein Gedankengang, der mir, auch als Philosophiestudent, komplett widerstrebt. Das ist quasi ein Aufgeben auf der Hälfte des Weges. Hier stimme ich Dawkins zu, der im „Gotteswahn“ schrieb, dass Religion schädlich ist, wenn sie einen zu dogmatischen Erklärungsabbrüchen führt und so den Menschen in seiner Neugier hemmt.
    Also das ist ein Gedanke, der mir persönlich nicht weiter hilft, im schlimmsten Fall macht er es noch schlechter.

  9. Nun, was haben denn die Naturalisten für eine Erklärung des Problems? Sie können doch allenfalls die Faktizität feststellen. Warum es das Böse gibt, hat mir noch kein Naturalist erklärt! – Das ist nicht besser als die Antwort im Hiobbuch, denke ich. Ich wäre aber sehr neugierig auf eine naturalistische Antwort zu dem Problem!

  10. Ich könnte mir denken, dass Naturalisten gerne auf die Evolution verweisen, oder auf Relativismus. Sicher Wissen tu ich es aber nicht, wie hier die Allgemeine meinung ist. Ich glaube auch dass das „Böse“ hier oft durch „Pech“ ersetzt wird, wenn man kein ordnendes Prinzip hinter Allem mehr annimmt.

  11. Der Verweis auf die Evolution sagt zuerst nur etwas über die Genese aus. Vermutlich wird ein Naturalist sagen, das ganze Gerede vom Bösen sei ein Scheinproblem, weil es das Böse ja nicht gibt, da alles im Gehirn auf Physik reduzierbar sei. Wenn Singer und Roth behaupten es gäbe keinen freien Willen, dann gibt es auch das Böse nicht, nicht wahr.

  12. ja, die „Scheinproblem“ Ausflucht hat eine lange Tradition ; )

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