Undeutliche Grenze

Die Theologie beschäftigt sich immer noch mit der Debatte, wie man mit der Bibel als Glaubensquelle umgehen soll. Kritische Exegese, ja natürlich, aber wie behandelt man das Werk, das man auslegt?
Durch die Kirchengeschichte zieht sich in diesem Punkt die Frage der Inspiration. Saß der heilige Geist in Form einer weißen Taube auf der Schulter der Evangelisten und diktierte ihnen, was sie zu schreiben haben? Oder ist die Bibel Menschenwerk und als solches kulturrelativ?
Wenn man sich in der universitären Debatte dazu nicht selbst als realitätsfremd abstempeln will, dann geht man zumeist einen Mittelweg. Dieser geht historisch auf die Franziskaner zurück, die verlauten ließen, dass der Inhalt der Bibel von Gott inspiriert ist und als solcher fehlerlos. Die Form jedoch ist vom Mensch gemacht. Die Dominikaner sollten später behaupten, auch die Form sei Gottgewollt und unfehlbar. Letztere Sicht bringt das „Problem“ mit sich, dass die Bibel so als historischer Tatsachenbericht gelesen werden muss. Nun hat diese Position, vor allem im Zeitalter der erstarkten Naturwissenschaft, der Religion in ihrer Gesamtglaubwürdigkeit eine schwere Schlagseite verpasst. Argumentativ ist da nicht viel herauszuholen. Die neusten Auswüchse von Intelligent Design sind höchstens bedauernswert. Die meisten Theologen haben sich daher auf die klügere Position begeben: die der Franziskaner. Daraus resultiert: Die Bibel ist kein historischer Bericht, der genau so vorgefallene Ereignisse chronologisch nacherzählen will. Auch ist sie keine Wundererzählung, sie enthält eine Heilswahrheit. Und seit dem 2. Vatikanischen Konzil ist es so festgelegt: die Bibel ist im Hinblick auf die Heilswahrheit von Gott inspiriert und damit in diesem Punkt unfehlbar. Die Forschung hat dann die „trias temporas traditionis“ und die „Zwei-Quellen Theorie“ als Arbeitshypothesen angenommen. Exegese muss also Textkritisch sein. Diese ist dann auch durchaus in der heutigen Zeit noch fruchtbar.
Das ist eine recht klare Unterscheidung, worin die unfehlbare Wahrheit der Bibel liegt und worin nicht. Ich wünschte mir, dass die Institution Kirche auch zu diesem stehen würde. Ich habe den Eindruck, dass diese Grenze nur zu gerne undeutlich gehalten wird, und dass dann die meisten darauf angesprochenen Kirchenvertreter zähneknirschend sagen: „Ja, nichts anderes behaupten wir!“ Ich bin dann geneigt im Geiste hinzuzufügen: „…aber öffentlich sagen tun wir es selten.“
Advertisements

4 Antworten to “Undeutliche Grenze”

  1. Hallo!
    Ich las einen Artikel aus atheistischer Perspektive, der sich kritisch mit biblischen Aussagen zur Ethik beschäftigt und dort nicht unerhebliche Widersprüche aufzeigt. Mich würde es interessieren, wie man denn theologisch, textkritisch mit diesen Widersprüchen fertig wird.
    Wenn Sie Zeit und Lust haben, so schauen Sie doch mal in den Artikel rein. Es würde gerne sehen, wie jemand, der sich mit Religionswissenschaft beschäftigt, das sieht.
    Viele Grüße
    Die Adresse:
    Gesellschaft für kritische Philosophie: http://www.gkpn.de/
    Dort in „Übersicht“ Heft: Heft 11 A&K 1/1999
    Titel: Prof. Dr. Gerhard Streminger: Eine Kritik der christlichen Ethik

  2. Danke vielmals.
    Wenn ich meine Prüfungswoche überlebt habe, werde ich mir die Tipps ausreichend zu gemüte führen und darüber nachdenken. Vielen dank für die Fruchtbaren Hinweise : )

  3. Hmmm, Inspiration und Textkritik schließen sich aber nicht aus. Oder habe ich da was falsch verstanden ?

  4. Ja sehr richtig, sie schließen sich nicht aus. In der „Sancta mater ecclesia“ wurde es (paraphrasiert) so gesagt: Die Bibel enthält sicherlich in dem Punkt eine Wahrheit, insofern sie das beinhaltet, was Gott um unser Heil willen niedergeschrieben haben wollte.
    Heilswahrheit, keine historische Wahrheit. Hermeneutisches Selberdenken ist gefragt, selber betroffen sein, selber aktiv sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: