Rorty und Solidarität

Den Vorschlag, den Richard Rorty zu der Objektivitätsdebatte gemacht hat, verdient meiner Meinung nach Gehör. Warum überhaupt auf Wahrheit und Objektivität bestehen? Hat uns Wittgensteins Spätphilosophie nicht eines besseren belehrt? Von dieser analytisch-pragmatistischen Ecke kommend, schlug Rorty einen ganz anderen Wert vor, den wir uns alle zum Ziel setzen sollen: Solidarität.
Das Streben nach Solidarität sollte das Streben nach Objektivität ersetzen. Denn als uns alle vereinender Grund hat sich die objektive Wahrheit als nicht sehr hilfreich herausgestellt.
Reibungspunkte gab es vor allem mit Habermas. Dieser wollte den kontexttranszendenten Moment einer jeden Wahrheitsaussage nicht aufgeben, also die objektive Welt als uns alle vereinenden Hintergrund erhalten. Habermas, der damit die platonische Trennung von Wissen und Meinen erhalten wollte, musste diese Kluft die er aufmachte auch wieder schließen. Er versuchte dies mit der Trennung von Faktizität und Geltung. Diese sei analog zu sehen mit dem Nicht Strategischem Gebrauch der Sprache (=lernen) und den strategischen Gebrauch (= Überreden). Lernen sei kontexttranszendent, warum und wie, das kann er aber laut Rorty nicht erklären. Überhaupt, wenn man diese künstliche Trennung aufgibt, dann kann man dem Umstand Rechnung tragen, dass man überreden und überzeugen gar nicht trennen kann, dass man immer zuerst die Zuhörerschaft vor der man seine Aussagen rechtfertigen möchte, präparieren muss, damit sie die Argumente überhaupt anhören und verstehen können.
Demokratie sei dann nur ein Sprachspiel unter anderen, und man müsse sich mehr mühe geben, Demokratie erstrebenswert erscheinen zu lassen. Das Wissen müsste der Hoffnung weichen, dass es noch besser werden kann.

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8 Antworten to “Rorty und Solidarität”

  1. Hallo!
    Mir ist nicht klar, inwiefern eine „Solidaritätstheorie“ der Wahrheit und Objektivität etwas Neues ist. Worüber soll man sich denn solidarisieren und wird „Wahrheit“ dann per Mehrheitsbeschluß festgestellt? – Nun denke ich, Rorty ist ein kluger Mann und ich verstehe ihn wohl nicht richtig mit dem was ich da so geschrieben habe. Vielleicht können Sie es mir erklären.
    Viele Grüße!
    *

  2. Ich glaube, was Rorty wichtig gewesen wäre, ist zu sagen, dass dies nicht eine „Solidaritätstheorie der Wahrheit“ ist, sondern eine „Solidaritätstheorie statt der Wahrheit“.
    Als Pragmatist vertrat er die Prämisse, dass eine Unterscheidung in der Praxis einen Unterschied machen muss, bevor man über sie diskutieren kann. Nun sagt Rorty, dass die Unterscheidung von Wahrheit und Rechtfertigung in der Praxis aber keinen Unterschied macht. Immer wenn ich sage „Das ist wahr“ könnte ich auch sagen „Das glaube ich aus folgenden Gründen und kann es momentan vor dieser Zuhörerschaft rechtfertigen“.
    Mit Wahrheit wird ja aber eigentlich ein „höherer Anspruch“ verbunden, nämlich, dass man mit Wahrheitsaussagen das eigene Sprachspiel überschreitet und auf den alle Menschen einenden objektiven Hintergrund zielt. Rorty sagt, dass es niemals möglich ist, auf einen solchen objektiven Hintergrund abzuzielen, weil wir eben unseren Lebenskontext (oder Sprachspiel) niemals überschreiten können. Wir würden nämlich keinen Unterschied in der Praxis erkennen.
    Man muss dazusagen, dass sich Rortys Theorie hierbei bevorzugt auf Politik, namentlich der liberalen demokratischen Politik bezieht, also auf Handlungskontexte. Ich glaube aber auch, dass er den Wissenschaftsbetrieb als Handlungskontext einstufte. Denn auch dieser kann Kontext niemals transzendieren.

    (Momentane) Rechtfertigung ist also alles was man pragmatistisch von einer (ewigen) Wahrheit retten kann, so Rorty.

    Ich hoffe ich habe mich einigermaßen klar ausdrücken können : )

  3. Ja, danke!
    Nun gibt es aber Wahrheit und Falschheit, z.B. 2*2=4 oder denken Sie an andere logische Wahrheiten. Was ist mit dem Satz:“Es gibt Naturgesetze.“ – Oder: Neulich traf ich einen Hahn, der behauptete, die Sonne ging auf, weil er morgens krähe. Das sei auch die Überzeugung aller Hähne, in dieser Sache seien sie solidarisch, sagte er.

  4. Ich denke nicht, dass Rorty leugnen würde, dass es Naturgesetze gibt. Was sein Punkt hier wäre, dass wir nicht sagen können, dies sei ewig rechtfertigbar und damit wahr.
    Er macht quasi die selbe Bewegung wie die Skeptiker. Hume sagte auch, dass es töricht wäre, daran zu zweifeln, dass ich verbrenne wenn ich mich ins Feuer setzte, aber dass ich nicht sicher aus dem Wesen der Dinge wissen kann, dass es passiert, weil ich keine synthetischen Aussagen a priori machen kann, weil ich Dinge der Erfahrung ja nie auch schon in alle Ewige Zukunft hinein beurteilen kann.

    Rorty würde also wohl sagen: Es ist sicher, dass es bisher immer geltende Naturgesetzte gab. Es ist sehr sehr unwahrscheinlich, dass sich dies ändern wird, aber wir können es nicht aus dem Wesen der Dinge ausschließen, dass es möglich ist dass sie sich ändern.

    Dem entsprechend sind diese Aussagen auch sehr gut rechtfertigbar, und die meisten Zuhörer würden dem auch zustimmen. Rorty, dem es um die verbreitung der liberalen Demokratie geht, wünscht sich einfach, dass man Rechtfertigungen bringen kann, die auch diese demokratische Politik so einleuchtend darstellen kann wie man das bei Naturgesetzen zb kann.
    Daraus folgt aber nicht, dass Demokratie ewig wahr oder gar wesenhaft besser ist, als andere politische Sprachspiele.

    ( Rorty spricht auch in seinem Aufsatz „Objektivität oder Solidarität“ davon, dass Pragmatisten keine Metaphysik und keine Erkenntnistheorie benötigten, weil sie die platonische Trennung von Meinen und Wissen nicht machen würden. )

    Ich möchte an dieser Stelle eine Antwort kopieren, die ich zu dieser Problematik an die Seminarleiterin verfasst habe, die im Seminar das selbe Problem ansprach. Vielleicht hilft das : )

    „So wie ich Ihr Problem mit Rortys Anwendung des Wortes „objektiv“ verstehe, teilen Sie die Bedeutung des Wortes in zwei Anwendungsbereiche: objektive Wissenschaft und objektive Regeln des Zusammenlebens. (quasi Wissenschaft und Ethik)
    Sie gestehen es Rorty zu, dass in letzterem Anwendungsbereich nicht das erreicht werden kann, was als „objektiv“ im engeren Sinn bezeichnet wird. Ich glaube, Habermas und Putnam würden dem auch zustimmen. Habermas gibt ja auch explizit die Korrespondenztheorie der Wahrheit auf, die meiner Meinung nach eng mit dem Begriff der „wissenschaftlichen Objektivität“ verknüpft ist, denn die Physik beispielsweise möchte nicht unser Sprechen über die Welt erklären sondern zu „den Bausteinen der Realität“ selbst vordringen.
    Sie trennen quasi die objektive Wahrheit, wo es um „Sollen“ (Ethik, Kultur, Zusammenleben) geht und die objektive Wahrheit, wo es um „Sein“ (Was ist wirklich?) geht. Sie gestehen nach dieser Trennung dem ersten Gebiet keine erreichbare Objektivität zu, aber bei dem zweiten sind sie sich, wenn ich sie recht verstanden habe, zumindest nicht sicher. (Habermas und Putnam würden darauf bestehen dass es im ersten Fall die Objektivität wenigstens als Imperativ geben muss)

    Ich glaube aber nicht, dass Rorty diese Unterscheidung zwischen Sein und Sollen machen würde. Ich meine auch, ihn hier selbst als Zeugen anführen zu können. So schreibt er in seinem kurzen Aufsatz „Die Zukunft der Religion“ am Beginn: „Eines Tages werden die Ideengeschichtler vielleicht feststellen, dass die Philosophieprofessoren im 20. Jahrhundert nach und nach damit aufhörten, bestimmte schlechte Fragen zu stellen – Fragen wie „Was existiert wirklich?“, „Wie weit reicht das menschliche Erkenntnisvermögen und an welche Grenzen stößt es?“ und „Wie ist Sprache mit Wirklichkeit verbunden?“ Diese Fragen unterstellen, man könne Philosophie ahistorisch betreiben.“ [Richard Rorty, Gianni Vattimo: Die Zukunft der Religion, suhrkamp 2006 1. Auflage S. 33]

    Ich denke man kann hier im letzten Satz statt „Philosophie“ auch „Naturwissenschaft“ lesen. Wenn für Rorty diese Sein/Sollen Trennung wegfällt, dann kann er alles dem Sollen, der sozialen Praxis unterstellen.
    Naturwissenschaftliche Objektivität ist auch immer Handlungskontextgebunden. Vor allem, welche Themengebiete man damit beleuchtet. Heute ist gerade aktuell sich den Klimawandel durch die Wissenschaftsbrille zu betrachten. Die Kriterien und Standards für naturwissenschaftliche Objektivität sind aber ebenso abhängig von der momentanen Historischen Umgebung – das sind Standards die WIR und JETZT (in einer Handlungspraxis) so ausgemacht haben. So wie es in Vergangenheit zb ein Teil dieses Standards war, dass die Zeugen „Gentlemen“ sein mussten, so sind es heute andere Kriterien.
    Deswegen denke ich nicht, dass Rorty hier ein Problem gehabt hätte, ich glaube auch dass er den meisten Ihrer Ausführung zugestimmt hätte. Wenn ich mir das anmaßen darf, hätte er vielleicht hinzugefügt, dass Sie aus einer „realistischeren Provinz“ kommen als er. Aber das war nur mein Eindruck.“

    mfg

  5. Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung! Es ist alles recht komplex und auch in manchem eine andere Sicht, als ich sie als Hobbyphilosoph habe. Mit Ihrem Urteil zur realistischeren Ecke haben sie Recht. Ich melde mich nochmal zur Sache!

  6. Hallo!
    Es bleibt bei mir doch ein gewisses Unbehagen an dem Rortyschen Vorschlag:
    „Das Streben nach Solidarität sollte das Streben nach Objektivität ersetzen“
    Was sagt dieser Satz denn nun eigentlich. Nicht die Frage, ob dies objektiv oder wahr ist, ist entscheidend (bzw. die Kriterien dafür), sondern nur der Grad der erreichten Solidarität. Wenn es, sagen wir, z.B. durch die Medien gelänge, darin Solidarität zu erzeugen, daß das Gravitationsgesetz nicht existiert, wäre dadurch dann die Frage nach Objektivität oder Wahrheit gelöst? – Ich möchte den Gedanken nicht aufgeben, daß es Wahrheit gibt, und daß ich mich dieser Wahrheit annähern kann u.a. durch Vernunft, ohne deswegen absolute Sicherheit zu haben. Die demokratische Methode, die Rorty vorschlägt, mag ein pragmatisches Unternehmen sein, verdrängt aber meines Erachtens nur die Frage nach Wahrheit und Objektivität durch die Behauptung, es sei eine schlechte Frage.
    Viele Grüße!

  7. Und sehr recht haben sie, ihre Ansicht weiterhin zu vertreten und zu versuchen sie zu rechtfertigen!
    Worum es Rorty letztendlich ging, ist meiner Meinung nach, dass man den „Gesprächsstopper“ der objektiven Wahrheit einsetzt, um den Dialog zu beenden. Da nun niemand mehr mit einem Hinweis auf Rationalität auf die wesenhafte Richtigkeit seiner Position verweisen kann, ist es wieder für alle beteiligten Seiten nötig, darüber nachzudenken und zu besseren Lösungen zu kommen.

    Irgendwo schrieb Rorty sinngemäß: „Für Pragmatisten ist das Gerechtfertigte das momentan Gute, aber vielleicht kommt noch etwas besseres.“

    mfg : )

  8. Mit Interesse habe ich diesen schon etwas verjährten Dialog (auf einer Website) zu Rortys Philosophie gelesen. Mit scheint dessen Thema jedoch von einigermaßen andauernder Aktualität. Nicht auf „Wahrheit verzichten“ zu können, ist ein Merkmal der Abwehr, die sich bei den meisten auftut, wenn Rorty – statt für Wahrheit – für Solidarität redet und schreibt. Philosophische Profis formulieren ihre Abwehr nur kenntnisreicher.

    Die Abwehr ist nachvollziehbar. Sie generiert sich aus Denkfiguren und Denkgewohnheiten, die wir Abendländer unserer philosophischen und religiösen Tradition verdanken. Dass es eine Wahrheit, bzw. wahre Aussagen geben müsse, ist eine weit verbreitete Selbstverständlichkeit. An dieser Selbstverständlichkeit rüttelt Rorty, wenn er behauptet, es spiele keine Rolle für ‚handeln’, ob eine Annahme in einem absoluten Sinne wahr sei oder nicht. Er hält die Bezeichnung ‚wahr’ u.a. für ein Art Gütesiegel – wie z.B. Sicherheitsembleme auf technischen Geräten – die Sichtweisen beigefügt werden, die Menschen als besonders verlässlich für ‚handeln’ betrachten. Dazu gehört eigentlich alles, was wir alltäglich als Wissen bezeichnen und entsprechend handhaben: Fahrpläne von Verkehrsmitteln genauso wie Gravitation, Preise im Supermarkt wie Aktienkurse, dass jeden Tag die Sonne aufgeht, genauso wie das Wissen, dass zuviel Schweinefleisch, den Cholesterinspiegel erhöht, u.v.m.

    Es ist nichts dabei, etwas als ‚wahr’ zu bezeichnen, solange wir einräumen können, dass alles dies auch veränderbar sei, was ja auch zutrifft.

    Für die Gravitation ist das nicht so offensichtlich. Um vergleichbares zu entdecken, ist es nötig, sich zu erinnern – was auch für den alltäglichen Sprachgebrauch nützlich sein kann -, wie es dazu kam, dass Wissenschaftler von Gravitation sprechen. Newton, dem man die Erfindung dieser Idee unterstellt, war gar nicht zufrieden damit, vor allem damit, dass man davon so viel Aufhebens machte. Seine Bescheidenheit hat ihre Veranlassung in der „Sache“, die mit Gravitation bezeichnet wird. Mit „Gravitation“ wird nämlich etwas bezeichnet – ähnlich wie mit vielen anderen Wörtern -, das sich unserer Beobachtung entzieht, das aber hinter bestimmten beobachtbaren Vorgängen stehen könnte. „Gravitation“ wird aber derart selbstverständlich gebraucht, dass dabei leicht der Eindruck entstehen kann, man wisse, wovon man rede. Tatsächlich handelt es sich um eine Hypothese bzw. ein Erklärungsmodell, das auf eine Lücke in unserem Wahrnehmen hinweist. Im Alltag werden Lücken unserer Wahrnehmung – z.B. weil wir einen Sachverhalt nicht kennen, bei etwas nicht dabei waren – mit Erzählungen anderer oder mit Mutmaßungen, Unterstellungen, Behauptungen gefüllt. Da es für Menschen vor allem wichtig zu sein scheint, für ‚handeln’ ein gewisses Maß an Sicherheit zu haben, werden Aussagen, die etwas beschreiben, daran gemessen, ob sie funktionierende Möglichkeiten für ‚handeln’ eröffnen und dann mit Wissen gleichgesetzt. In vielen Bereichen der Physik funktioniert das Erklärungsmodell ‚Gravitation’ und wird vermutlich deshalb beibehalten werden – vor allem mangels anderer, die nützlicher sein könnten.

    Vergleichbare Entstehungen und Traditionen meint Rorty , gibt es bei philosophisch hochgehandelten Bezeichnungen wie Geist, Wahrheit, Objektivität …Und da traf er den Lebensnerv vieler Philosophien, sodass deren Gefolgsleute laut aufschrieen. Sein ‚pragmatischer Turn’ des Philosophierens führte ihn deswegen ins Abseits der akademischen Philosophie, wie sie Universitäten und universitär ausgebildete Philosophen vertreten. Er zog die Konsequenzen und siedelt ins literarische Fachgebiet um, wo man ohne Wahrheitsanspruch, einfach über Ideen reden und schreiben kann, die menschlichem ‚handeln’ bisher unbekannte Räume ermöglichen könnten.

    mfg :)

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