Rorty über herrschaftsfreien Diskurs

„I don’t see anything herrschaftsfrei about my handling of my fundamentalist students. Rather, i think those students are lucky to find themselves under the benevolent Herrschaft of people like me, and have escaped the grip of their frightening , vicious, dangerous parents. But i think that the handling of such students is a problem for Putnam and Habermas. It seems to me that I am just as provincial and contextualist as the Nazi teachers who made thier students read Der Stürmer; the only difference is that I serve better cause. I come from a better province.“

aus: Richard Rorty – Universality and Truth

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17 Antworten to “Rorty über herrschaftsfreien Diskurs”

  1. […] Ein Dialog findet hierbei nicht mehr statt, es geht nicht um Wissensvermehrung sondern darum, Recht zu behalten. Wenn überhaupt Dialog, dann ein Platonischer, in dem Einer (zumeist Sokrates) sagt wo es langgeht und sich beiläufig, wie beispielsweise im Dialog Kratylos, von seiner eigenen Weisheit erstaunt zeigt. Was könnte man tun um aus Streitgesprächen vermehrt Dialoge zu machen? [Als Ergänzung/Weiterführung dazu: Zitat von Rorty] […]

  2. „It seems to me that I am just as provincial and contextualist as the Nazi teachers who made thier students read Der Stürmer; the only difference is that I serve better cause. I come from a better province.”
    Eine merkwürdige Position. Zuerst scheint es ihm, als wäre er so wie die Nazi-Lehrer, dann sagt er, ein Unterschied bestünde darin, daß er die besseren Argumente hat, wenn ich das richtig verstehe.
    Bedeutet das nun, daß die Nazi-Lehrer gleichermaßen wie Rorty auf einer „Hochburg der Wahrheit“ sitzen und der Unterschied nur darin besteht, daß Rorty glaubt, die wahrere Wahrheit zu besitzen? Oder ist alles kontextabhängig gleich wahr?

  3. Das ist ja genau Rortys Punkt – er will eben sagen, dass er sich genau so wenig auf eine „objektive Wahrheit“ berufen kann wie irgendjemand anderer. Die eizige Rechtfertigung für seinenStandpunkt ist eine Kontingente Geschichte, kein verwies auf einer Wahrheit jenseits aller Kontexte. Es geht Rorty in diesem Zusammenhang darum, die liberale Demokratie als das wünschenswerteste Darzustellen. Habermas und Putnam die hier erwähnt werden, würden dies begründen indem sie darauf hinweisen, dass die Demokratie wesenhaft – also objektiv – vernünftiger ist als alle anderen politischen Sprachspiele. Dafür müssten sie aber ihren Kontext transzendieren, was sie laut Rorty nicht können. Daher ist Rorty Kontextualist, was bedeutet, dass man alles immer im Kontext sehen muss, und keine Entität oder Sache für sich selbst genommen etwas bedeutet (Er kommt in seiner Bedeutungstheorie von Quine).

    Alles in allem kann Rorty darauf verweisen, dass der momentane geschichtliche Narrativ die liberale Demokratie wünschenswerter darstellt, als ein Faschistisches System. Diesen, seinen Kontext sieht er aber als das was er ist: Kontingent, und nicht ein Verweis auf eine wesenhafte Wahrheit.

  4. Das ist sehr unbefriedigend. Hätte Hitler und die seinen gewonnen, so wäre ihre Wahrheit, so Rorty, halt die richtige. Das möchte ich nicht akzeptieren, kann aber noch nicht begründen, was an diesem Relativismus falsch ist. Stellt er sich durch den Hinweis auf Kontingenz nicht letztlich selbst in Frage und ist sein Hinweis auf die besseren Argumente nicht sinnlos im Kontext der Kontingenz?

  5. Soweit ich die Rezeptionsgeschichte im Blick habe kann ich sagen, dass dieser Punkt immer die wirkliche Kritik an Rortys Ansatz dargestellt hat. Rorty selber entgegnete dem immer, dass er keine Relativistische Erkenntnistheorie vertrete, weil er überhaupt keine Erkenntnistheorie vertrete. Es ging ihm nie um den Punkt, dass etwas zu etwas anderem relaitv sei, sondern lediglich um den rein negativen Punkt, dass man Meinung und Wissen in der Praxis nicht voneinander unterscheiden könne. (Das sagt er ich glaube fast Wörtlich so in seinem Aufsatz „Solidarität oder Objektivität?“).
    Was man positiv dazu sagen kann ist, meiner Meinung nach nur, dass er meint, dass das „Rortyanische“ Vokabular dem Sprachspil der liberalen Demokratie mehr Nutzen bringt als beispielsweise das Vokabular eines Platon oder eines Kant, aber dass dieses Sprachspiel „Liberale Demokratie“ aus Kontingenten gründen vorhanden ist und nicht aus einem Sinn heraus.
    Diskussionspartner die auf Seiten der objektiven Wahrheit waren, hielten Rorty auch ca so einen Punkt entgegen, von wegen, dass es auch genau so gut sein hätte können, dass Hitlers Wahrheit heute gelten könnte, wenn die Weltgeschichte nicht vernünftig verläuft. Laut Rorty ist sie das einfach nicht – ich glaube das im übrigen eigentlich auch nicht, die Weltgeschichte ist eine Geschichte von Zufällen. Vielleicht könnte man es zusammenfassen in „Es wird nicht besser, nur anders“. Solchen Diskussionspartnern pflegte Rorty dann ein Beispiel im Stile meines neuesten Beitrages zu stellen.

  6. „Laut Rorty ist sie das einfach nicht – ich glaube das im übrigen eigentlich auch nicht, die Weltgeschichte ist eine Geschichte von Zufällen. Vielleicht könnte man es zusammenfassen in “Es wird nicht besser, nur anders”.

    Wenn man von Geschichte spricht, fragt man sich doch gleichzeitig, wessen Geschichte, z.B. die Geschichte der Medizin, die Geschichte der Technik, die des Rechts, der Staaten, der Religionen, der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, etc.
    Nun meine ich doch, daß man von den Anfängen zur Zeit des Australopithecus schon einen Fortschritt in den Ideen (z.B.objektivere Welterklärung, – gerechtere Sozialordnungen, etc.) beobachten kann, wahrscheinlich auch in der Praxis, keinen linearen, aber doch Fortschritt. Ist denn nicht die moderne Demokratie in ihrer Konzeption ein Fortschritt gegenüber einer Sklavenhaltergesellschaft. Ist denn nicht das momentane naturwissenschaftlich geprägte Weltbild ein Fortschritt gegenüber einem, in dem der Mensch Spielball der Willkür eingebildeter Dämonen und Geister war?

  7. Ein Fortschritt, ja – von unserem Standpunkt aus. Aber keinem Wesen der Dinge nach. Wir, aus unserem Kontext können die Menschheitsgeschichte im Nachhinein so erzählen, dass das was wir heute praktizieren als das Ergebnis einer Wünschenswerten Entwicklung erscheint – für uns.
    Ich denke, Rorty bekommt von den Umständen Unterstützung. Ansonsten hätte die Philosophiegeschichte zb nach Kant oder schon nach Platon einfach aufgehört. Oder die Forschung. Oder der Kampf für mehr politische Gerechtigkeit.
    Wenn wir das objektiv beste politische Sprachspiel erreicht hätten – woran könnten wir es wohl erkennen?

  8. Es ist klar, daß wir keinen Blick Gottes auf die Welt haben. Wir haben nur den unseren, aber auch die Aussage: Es gibt keinen Fortschritt, es ist lediglich alles anders! ist ein Blick aus unserer Perspektive. Wenn ich nun mir die Evolution des Kosmos und der Lebewesen betrachte, also eine primären heißen Plasmaball vielleicht und den Ausschnitt des Universums, wie wir ihn heute sehen, so kann ich dem „es ist halt nur anders“ nicht zustimmen.
    Ich sehe es auch nicht so, daß die Philosphie nach Platon oder Kant einfach hätte aufhören müssen. Das wäre ja eine Bestätigung einer ahistorischen, statischen Sicht.
    Nun denke ich, daß mit dem „alles ist nur anders“ keine ahistorische Sicht gemeint ist, sondern eine Blick vom Gottesstandpunkt, in dem die innerweltlich Sicht,wie ich sie geschildert habe, als falsch entlarvt wird und durch eine neue Wahrheit ersetzt wird (auch wenn Rorty die „Wahrheit an sich“ doch immer ablehnt, so nimmt er sie für diese Erkenntnis doch wieder in Anspruch!)

  9. Damit, dass nach bestimmten Philosophen die Geschichte der Philosophie auch hätte enden können meinte ich ja dass dies eine bestätigung der ahistorischen Sicht wäre. Und ganz richtig – so ist es aber nicht. Es gibt, meiner (und auch der von Philosophen) Meinung nach, keinen ahistorischen Standpunkt. Damit gibt es aber auch keinen Punkt (keine Objektivität, keine Gods Eyeview), von dem man etwas als „besser“ als etwas anderes bestimmen könnte. Rorty selber beansprucht für seine Position auch keine Wahrheit. Das deutlichste was er dazu schrieb war, dass er nicht glaubt seine position sei wahrer als die von Kant oder Platon, abe rdass es in der momentan gegebenen kontingenten Situation so ist, dass sein politisches Vokabular mehr Probleme löst die ihm wichtig erscheinen als das Sprachspiel eines Kant oder Platon. Es kann genau so gut sein, dass das Rortyanische Vokabular nächstes jahrhundert keine Hilfe mehr ist und durch ein anderes ersetzt wird.

  10. „Damit gibt es aber auch keinen Punkt …., von dem man etwas als “besser” als etwas anderes bestimmen könnte.“

    Wie beurteilst Du denn den ethischen Standpunkt „Die Menschen sind ungleich, es gibt mächtige und schwache, und deshalb ist das Modell einer Sklavenhaltergesellschaft richtig ud angemessen“ gegenüber dem Standpunkt von der normativen Gleichheit der Menschen und dem daraus abgeleiteten Verbot der Sklaverei? Sind das alles nur gleichwertige Sprachspiele?

  11. Ich würde sagen, dass beide von dir angesprochenen Sprachspiele in dem Sinne gleichwertig sind, dass sie beide vertreten wurden und al richtig galten. Von meinem kontingenten und in diesem Umfeld anerzogenen Standpunkt ist natürlich die Gleichheit aller menschen mein bevorzugtes Vokabular. Das würde Rorty auch sagen. Wo sich dann aber Rorty von beispielsweise Habermas zu unterscheiden beginnt ist: keines der beiden politischen Sprachspiele kann sich auf ihre größere Entsprechung mit der Vernunft berufen um sich zu rechtfertigen. Rorty will die liberale Demokratie positiv darstellen, sodass o viele Leute wie möglich die liberale Demokratie für toll befinden. Aber er kann sich dabei nicht auf eine wesenhafte Annäherung an die vernunft berufen, eben weil es keinen objektiven Standpunkt gibt. Es ist in etwa so wie in Nietzsches zweiter unzeitgemäßer betrachtung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Aber ich glaube zu Nietzsche mache ich einen neuen Eintrag ; )

  12. „…keines der beiden politischen Sprachspiele kann sich auf ihre größere Entsprechung mit der Vernunft berufen um sich zu rechtfertigen.“
    Ich bezweifel, daß beides logisch oder ethisch gleichwertige Entwürfe sind. Ich wähle als Beispiel für eine Sklavenhaltergesellschaft oder für eine solche, die der Naziideologie folgt, das platonische Gleichnis der Räuberbande, deren ethischen Maxime Mord und Totschlag sei. So kann doch diese Räuberbande als solche mit dieser ethischen Maximen selbst nicht funktionieren. Sie muß zweierlei Ethik haben. Wenn man nun noch logisch begründen kann, daß die Maxime von der Gleichheit aller Menschen eine größere Berechtigung hat als die Unterteilung der Menschen in solche und andere, dann sind die beiden Entwürfe mitnichten gleichwertig. Zum letzteren siehe: Ernst Tugendhat: Der Ursprung der Gleichheit in Recht und Moral
    zu finden in: http://audiothek.philo.at/modules.php?op=modload&name=Downloads&file=index
    dort in das Suchfeld Tugendhat eingeben

  13. (Tugendhat war vor 1-2 Jahren im Winter auf der Universität Wien und hat einen Vortrag gehalten, und man hat ihm quasi zum „Vorwurf“ gemacht, dass er Kantianisch argumentiert. Ich nehme an, dass man ihn in Sachen Ethik eher zu Habermas setzen kann als zu Rorty.)
    Ich möchte dazu nur 2 Anmerkungen machen:
    1) Wie die Räuberbande zwischen „uns“ und „den anderen“ unterscheidet, so unterscheiden wir auch immer in Menschen, die „Mensch genug“ sind um uns zu verstehen und die „anderen“. Gleich das beispiel Skavenhalter oder Nazis. Wir würden dann doch annehmen, dass diese Gruppen irgendwas am Begriff der menschlichkeit falsch verstanden haben, wenn sie doch nicht anerkennen, dass alle Menschen gleich sind. Sie entmenschlichen ihre Opfer radikal. Ich denke in solchen ethischen Vergleichen machen wir das genau so. Wir Menschen (die die unserer Meinung sind und ich) und die Anderen (die es falsch verstehen, Nazis, Monarchen,…).
    2) Die Maxime der Gleichheit aller menschen ist meiner Meinung nach nicht so wichtig, da man, wie ich oben meinte, die Leute die anderer Meinung sind nicht für „normal“ genug hält, als dass sie die doch „objektiv einsehbaren vernunftgründe für die Gleichheit aller Menschen“ anerkennen würden. Eher ist das Problem einer jeden Ethik, die Ebenen des Privaten und des Öffentlichen zu verschmelzen. So eine verschmelzung würde etwa lauten: „Was bringt es mir persönlich moralisch zu handeln?“. Ich denke die einzige Anwort darauf ist, auf ein Gefühl zu rekurrieren wie es beispielsweise Hume tat oder auch Rorty. Mit Logik sind diese beiden Ebenen nicht notwendig zu verbinden und damit ist moralisches Verhalten an sich logisch überhaupt nicht rechtfertigbar. Aber Grausamkeit fühlt sich einfach „falsch“ an. Hume schrieb in „Über Moral“: „Moral wird als viel mehr gefühlt als beurteilt“.

  14. „Wir würden dann doch annehmen, dass diese Gruppen irgendwas am Begriff der menschlichkeit falsch verstanden haben, wenn sie doch nicht anerkennen, dass alle Menschen gleich sind.“
    Der Ausdruck „falsch“ (als Gegensatz von recht, richtig, wahr) müßte doch in dem Satz konsequenterweise durch den Ausdruck „anders“, also ohne Wertung (oder vielleicht gleichwertig) ersetzt werden, nicht wahr?

    „“Was bringt es mir persönlich moralisch zu handeln?”. Ich denke die einzige Anwort darauf ist, auf ein Gefühl zu rekurrieren wie es beispielsweise Hume tat oder auch Rorty.“
    Worauf läuft denn das hinaus? Bleibt das nicht meilenweit hinter den meisten philosophisch/ethischen Standards zurück? Kann man mit dieser Erklärung einem Verhalten von z.B. Maximilian Kolbe, der freiwillig an Stelle eines Mithäftlings sich dem Hungertod und schließlich der Tötung durch eine Phenolspritze, Preis gabe, gerecht werden?

  15. Falsch könnte man nehmen als „falsch aus unserer kontingenten Sichtweise“ was auf das selbe hinausläuft wie „anders“, ja.

    Warum soll denn beispieslwesie Humes Mechanismus der Sympathie oder Rortys Solidariät nicht ausreichen um solche Heldentaten zu rechtfertigen? Ich glaube nicht, dass es dazu noch einen logischen Unterbau braucht. Das einzige was, meiner Meinung nach, diese Handlung erklären kann ist ein Gefühl, kein Algorithmus.

  16. […] auch ein Nazi sein sollte!” Wiederholt kann ich zu diesem Thema auf das früher gezeigte Zitat zum Herrschaftsfreien Diskurs von Richard Rorty hinweisen. In seiner nun posthum erschienenen Essaysammlung „Philosophie als […]

  17. […] Rorty, Richard: Universality and Truth, zitiert von Parallaxe) Verfasst von Lara Abgelegt in Weltsicht Verschlagwortet mit : Erziehung, Freiheit, […]

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