Platons „Parmenides“

Platons Dialog „Parmenides“ ist schwer zu interpretieren. Er gehört zu den Spätdialogen und allgemein nimmt man an, Platon habe hier seine Ideentheorie nochmaliger, kritischer Betrachtung unterzogen.
Die Hintergrundgeschichte ist selbst geschichtlich Fragwürdig (nicht dass das besonders wichtig wäre) denn sie bringt den jungen Sokrates mit einem greisen Parmenides und einem in der Blüte stehenden Zenon zusammen.
Sokrates kam also, um einen Vortrag Zenons zu hören. Nach dem Vortrag spricht Sokrates mit Zenon und Parmenides darüber. Er erklärt, dass Zenon nur das selbe wie Parmenides sagte, nämlich das nur Eins sein könne. Zenon gehe die ganze Sache allerdings von der anderen Seite an und erklärt dass es unmöglich sei, dass es Vieles gäbe. Zenon gibt Sokrates recht, er wollte nur seinen Lehrer verteidigen.
Sokrates beginnt nun, seine Vorstellung von der Einheit von Einem und Vielen aufzurollen.
Hintergrundgeschichtlich war der Hauptvertreter des Vielen Heraklit, der sagte, es gäbe nichts Seiendes, nichts Beständiges, nur den Wandel. Auf der Gegenseite standen die Eleaten um Parmenides, die (ziemlich Sprachphilosophisch) erklärten es könne das Viele nicht geben. Das Eine ist analog zu setzen mit dem Geistigen (Sein) und das Viele mit dem Körperlichen (Seiend). Platon hat jedoch die Sein/Seiend Trennung nicht systematisch vorgenommen.
Sokrates meinte nun also er könnte zwischen einem und Vielem vermitteln. Zenons Argumentation beruht auf dem Ähnlichen und dem Unähnlichen. Wenn es Vieles gäbe, dann müsste das Ähnliche dem Ähnlichen Unähnlich sein und anders herum. Es kämen einem Seienden also zwei entgegengesetzte Beschreibungen zu – logisch Unmöglich. Sokrates versucht dem mit der Idee des Ähnlichen und der Idee des Unähnlichen zu begegnen. Ein Seiendes also, dem diese beiden Ideen in verschiedenem Maße zukämen wäre logisch konsistent ähnlich und unähnlich.
Voraussetzung des ganzen ist aber, dass die Ideen eine eigene Existenz hätten, unabhängig vom Seienden.
Doch nun beginnt Parmenides das Gesagte nach bester sokratischer Manier zu zerlegen und auf Widersprüche hinzuweisen. Es beginnt damit, dass Sokrates nicht genau sagen kann, wovon es alles Ideen geben soll, ob nur von schönen Dingen oder auch von Schmutz oder von allem Seienden. Doch Schlimmer noch: Ein und dasselbe (die Idee) soll in vielem zugleich sein? Ist es dann von sich selbst etwa getrennt?
Parmenides argumentiert meiner Meinung nach ein wenig unfair weil er Sokrates in die Vorstellung hineintreibt dass die Ideen selber Dinge sind. So fragt er, ob ein Segeltuch, das über mehrere Leute gespannt sei nicht über jedem ein anderes Stück sei. Und sei dies nicht auch bei der Idee so?
Ein weiteres Problem ist die Aufgehen der Begriffe im Seienden. Wenn Ideen eine eigenständige (und von Parmenides suggerierte) dingliche Existenz hätten, dann könnte man niemals zwischen Idee und Ding vermitteln, weil man dafür wieder einen Begriff, also eine Idee benötigte, und so weiter, ad infinitum. Sokrates wendet hier ein, dass die Ideen nur in den Seelen beheimatet sein könnten. Aber Parmenides erwidert eiskalt, dass Gedanken immer Gedanken von Etwas sein müssen. Sein ist kein seiendes Etwas.
Der letzte Versuch von Sokrates: Ideen sind Urbilder und die einzelnen Dinge gleichen sich den Urbildern an – Ideen sind so also weder in der Dingwelt noch in der Geistigen. Parmenides weiß darauf zu erwidern, dass Idee und Ding sich dann ähnlich sein müssen. Sie müssen also das selbe aufgenommen haben um Ähnlich zu sein. Doch diese Ähnlichkeit kann man nicht wieder einfach so voraussetzen, man würde wieder eine Idee dafür benötigen. Schon ist man wieder im infiniten Regress gelandet, wobei aber, wie mir scheint, Parmenides unter der Hand wieder die Verdinglichung der Idee vorgenommen hat.
Der restliche Dialog ist eine Vorführung von Zenons Dialektik durch Parmenides, wo er zeigt dass egal was man annimmt, Eins, Vieles, Seiendes Eins, etc, alles ist sowie nicht ist und alles scheint, sowohl als auch nicht scheint. Mit diesem Satz lässt einen Platon verdutzt zurück.
Der zweite Teil soll, meiner Meinung nach, zeigen, was die eleatische Logik zu diesem Problem zu sagen hat. Möglich dass Platon die Lächerlichkeit ihrer These aufzeigen wolle, mit der alles ist und zugleich nichts ist. Auch soll es wohl zeigen, dass der dialektische Prozess wichtiger ist auf dem Weg zum besten Leben als das Wissen. Wissen ist für Platon wie die berühmte Leiter, die man zurücklässt, sobald man an ihr nach oben geklettert ist. Platons höchstes Ziel – die Schau der Idee des Guten – hat Zentral die Komponente des Handelns impliziert. Vielleicht soll dieser Dialog zeigen, dass auch der ganze Komplex der Ideen, wie alles, ständig verbesserungswürdig ist und das exakt das der Weg der Dialektik ist und nur dies zu Schau des Guten führt. Vielleicht soll es aber auch nur zeigen, dass die Eleaten die Ideenlehre nicht verstanden haben…

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