Über ein Paradox

April 3, 2008 - 2 Responses
Was mich an vielen Gläubigen stört, vor allem den meisten Theologie Studenten die ich im Zuge meines Studiums treffe, ist dieses latente stille arrogante Lächeln des in der Gnade stehenden. Dieses Lächeln tritt bei denjenigen auf, die eigentlich gar nicht wissen, warum es in Sachen Religion einen Grund zur Freude gibt.
Ein wichtiger punkt des Glaubens ist der, um es mit Kierkegaard zu sagen, paradoxe Sprung in den Glauben. Wenn Glauben im Fundament etwas mit Logik oder dem Verstehen zu tun hätte, dann hieße es Wissen und in weiterer folge Wissenschaft, und nicht Religion. Daran scheitern auch alle Gottesbeweise rein methodologisch.
Wenn einem dieser Sprung über den Abgrund gelungen ist, ist man wahrhaft zu beneiden. Kierkegaard versuchte sein Leben lang, diesen Sprung zu tun, was man heute sagen kann, gelang er ihm niemals. Zumindest hat er keine Schrift dazu hinterlassen.
An Kierkegaard muss ich vor allem denken, wenn ich mit einem Theologiestudenten rede(n muss), die einen dann immer gütig lächelnd anblicken, mit ein wenig Schmerz im Blick. Der Schmerz darüber, dass ich armes Schäfchen mich auf einen Irrweg (den der Philosophie) begeben habe.
(Auch Klosterschwestern und Priester haben oft diesen Pathos, es ist wohl von einem lange geschulten Abwehrmechanismus, damit man sich nicht mit dem Unglauben der anderen menschlich konfrontieren muss.)

Diese lächelnde Gestik oder diese arrogante Geisteshaltung kann aber nur dann eintreten, wenn man zwar meint, man sei tief gläubig (was auch immer das bedeuten mag) aber den Sprung ins Paradox (noch) nicht gewagt hat. Ansonsten würde einem der Fehler sofort auffallen: Wenn Glauben etwas ist, das mit Vernunft nicht primär zu erfassen ist, warum kann man aus dem Munde dieser „Gläubigen“ dann Vernunftargumente hören? Mir scheint dieser Sorte Schwätzer liegt mehr an dem Überlegenheitsgefühl als an wirklichem Glauben. Um ein Beispiel für meinen giftigen Verdacht zu bringen: „Ich habe die Antwort auf alle Fragen, auch auf die, die du noch gar nicht stellen kannst, durch Gott gefunden. Ich habe Mitleid mit dir, dass du noch nicht so weise bist, aber keine Sorge du wirst Gottes Willen auch noch erkennen, wenn du bereit dafür bist. Du musst dich nur darauf einlassen!“

Glauben ist keine so einfache Aufgabe, man wartet nicht einfach bis man von der Weisheit erfüllt ist. Kierkegaard hat immer versucht zu glauben. So lange bis er vor Erschöpfung starb und er hat es seiner Meinung nach nie geschafft. Ich meine er war einer der gläubigsten Menschen die es überhaupt nur geben kann.

Betrachtungen eines Unzeitgemäßen

März 25, 2008 - No Responses
Friedrich Nietzsches „Unzeitgemäße Betrachtungen“ sind ein Werk, welches man stellenweise einfach mit Humor lesen muss, was aber nicht über die philosophische Tiefe und Relevanz hinwegtäuschen soll. Nietzsche beschreibt in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“, der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, die Umstände seiner Zeit. Genauer gesagt seinem kulturellen Umfeld in Deutschland. Die Historie würde in Deutschland, bei den Bildungsphilistern, völlig falsch eingesetzt. Die historischen Wahrheiten sind laut Nietzsche „wahr aber tödlich“. Sie machen die „Jugendlichen“ (=die lebenskräftigen Menschen) schwach und durch ein übermäßiges Besinnen auf die bisherige Geschichte gehe ihnen die eigene Schöpfungskraft verloren. Der Mensch müsse daher, um überleben zu können, in einer ihn umgebenden „Atmosphäre des Unhistorischen“ leben. Alles Lebendige benötigt diesen geheimnisvollen Dunstkreis, dieser kann beispielsweise aus Religion aus Kunst oder aus dem Genie selbst bestehen. Doch wenn man diese Atmosphäre, dieses einmalige, unbedingte lebendige mit dem Staub der Geschichte bedeckt wird alles grau und schon einmal dagewesen.
Ich meine aus dieser Sichtweise könnte man auch Nietzsches Werk und sein Denken selber betrachten. Als eines, dass eine „Wahrheit“ zugunsten des Lebens aufgibt. Und auch wenn er in seinen Werken wider aller Logik die Wahrheit verbreiten will, dass es keine Wahrheit gäbe, vielleicht muss man diesen Widerspruch in seiner absichtlich gewählten Verweigerung der Historie der Bildungsphilister sehen. Er wollte immer ein Mensch im Leben sein, kein Ironiker der alles historisch distanziert sieht und damit nicht mehr im eigentlichen Sinne ein Mensch ist, sondern eher eine hohle Bildungspuppe.

Nietzsche über Wahrhaftigkeit

März 23, 2008 - 2 Responses
“Nun frage ich, ob es auch nur möglich wäre, unsre jetzigen Literaten, Volksmänner, Beamte, Politiker als Römer vorzuführen; es will durchaus nicht angehen, weil sie keine Menschen sind, sondern nur eingefleischte Kompendien und gleichsam konkrete Abstrakta. Wenn sie Charakter und eigne Art haben sollten, so steckt dies alles so tief, daß es gar nicht sich ans Tageslicht herauswinden kann: wenn sie Menschen sein sollten, so sind sie es doch nur für den, »der die Nieren prüft«. Für jeden anderen sind sie etwas anderes, nicht Menschen, nicht Götter, nicht Tiere, sondern historische Bildungsgebilde, ganz und gar Bildung, Bild, Form ohne nachweisbaren Inhalt, leider nur schlechte Form, und überdies Uniform.”

aus: Friedrich Nietzsche - Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Zur Trennung von Wissen und Meinung

März 18, 2008 - 9 Responses
Man stelle sich eine Diskussion im Universitären Rahmen vor. Zwei Studenten diskutieren darüber, ob und wer aller zum Studium zugelassen werden soll. Einer der Studenten meint, dass nicht jeder zum Studium zugelassen werden sollte weil sonst jeder „Unsinn“ auf der Universität ernsthaft diskutiert werden könnte. Er ist ein wenig engstirnig und denkt bei „Unsinn“ zum Beispiel an die Gender Forschung, die Tierethik und ähnliches. Sein Kollege, der anderer Meinung ist, ist langsam verzweifelt – keines seiner objektiv logischeren Argumente kann zu seinem Gesprächspartner durchdringen.
Diese Situation ist wahrscheinlich jedem schon einmal in irgendeiner Form passiert. Der engstirnige Student hätte sich in dieser Situation, laut Habermas, eines performativen Selbstwiderspruches schuldig gemacht. Denn er setzt selber voraus, dass au der Universität jeder „Unsinn“ besprochen werden darf, sonst könnte er seine Meinung ja gar nicht vertreten. Man könnte ihn darauf hinweisen, aber ich nehme an, dass dieser Hinweis eines der Argumente wären, die zwar als gut und logisch befunden würden, aber trotzdem nichts ausrichten würden. Denn der Engstirnige wird wahrscheinlich entweder sagen, dass seine Meinung ja nicht auf der selben Stufe steht mit dem „Unsinn“ der anderes, seine Aussage ist ja wahr. Oder er würde ganz einfach sagen, dass jemand, der eine andere Meinung vertritt einfach nicht klug genug ist, seinen Gedanken nachzuvollziehen.
Habermas müsste darauf bestehen, dass sich alle Meinungen vor einem objektiven Wahrheitshintergrund erst als Wissen beweisen müssten, die sodann, nach bestandener Prüfung, als wahr gelten können. Beide Seiten der Diskussion werden (wie es in Diskussionen üblich ist) annehmen, sie seien auf diesem objektiv neutralen Boden und ihre Meinung somit objektiv wahres Wissen und der andere habe strikt Unrecht.
Wenn Habermas meint, dass jeder Diskussionsteilnehmer der Vernunft des besseren Arguments nachgeben muss (am besten noch in einem herrschaftsfreien Diskurs), dann ist das eine sehr romantische Vorstellung einer Diskussion, die in den seltensten Fällen (ich bin versucht „nie“ zu sagen) stattfindet. Im Großteil aller Fälle führt die „objektive Wahrheit“ nur zu zwei Positionen die je von der „Hochburg der Wahrheit“ den anderen mit ihrem Wissen frontal anpredigen. Ein Dialog findet hierbei nicht mehr statt, es geht nicht um Wissensvermehrung sondern darum, Recht zu behalten. Wenn überhaupt Dialog, dann ein Platonischer, in dem Einer (zumeist Sokrates) sagt wo es langgeht und sich beiläufig, wie beispielsweise im Dialog Kratylos, von seiner eigenen Weisheit erstaunt zeigt.
Was könnte man tun um aus Streitgesprächen vermehrt Dialoge zu machen?
[Als Ergänzung/Weiterführung dazu:  Zitat von Rorty]

Rorty über den Ethos des Philosophen

März 10, 2008 - 4 Responses
„Dichter und Romanciers hatten nun anstelle der Prediger und Philosophen die Aufgabe der moralischen Erziehung der Jugend übernommen. Infolgedessen entfernte sich die Philosophie um so mehr von der übrigen Kultur und erschien in ihrer hergebrachten Anmaßung umso absurder, je ‚wissenschaftlicher’ und ‚strenger’ sie wurde. Versuche von seiten der analytischen Philosophen und der Phänomenologen, dies zu ‚begründen’ oder jenes zu ‚kritisieren’, stießen bei den Betroffenen, deren Tätigkeiten vermeintlich begründet oder kritisiert wurden, auf bloßes Achselzucken.“

aus: Richard Rorty - Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, Suhrkamp