Darwin ist momentan in aller Munde, so auch in meinem. Wer meinen Blog etwas kennt weiß, dass ich dem Pragmatismus nicht abgeneigt bin. Ich habe die These, dass ein Philosoph, der ernsthaft Darwin liest, ein Pragmatist werden wird. Doch diese These will ich hier nicht verteidigen, sondern es geht mir wieder einmal um Religion.
Meiner Ansicht nach werden die (hegelsche) Vernunft, die alles versteht und verstehbar macht und die Religion niemals zusammenfinden, sie werden niemals verschmelzen, die eine Weltsicht wird für die andere immer unverstehbar bleiben. Das kann man von Kierkegaard lernen. Weiters nehme ich eben deswegen an, dass sich die grammatischen Sätze, die das jeweilige Fundament der beiden Sprachspiele darstellen, unvereinbar sind. Für den, der das Sprachspiel der Wissenschaftlichkeit spielt, wird der Satz „Gott ist allmächtig“ niemals die Bedeutung haben wir für den religiösen Sprachspieler. Das kann man von Wittgenstein lernen. Für den Wissenschaftler ist dieser Satz vielleicht eine falsifizierbare These, für den religiösen Menschen ist er ein grammatischer Satz, der die eigene Weltanschauung regelt. Um Vereinigung und Verstehen kann es also beim Konflikt von Wissenschaft und Theologie nicht gehen. Aber um Toleranz im Angesicht unvereinbarer Überzeugungen, ja vielleicht macht das Wort Toleranz nur hier einen Sinn.
Hat man die Bereiche, die ich hier zu trennen versucht habe, nicht lange Zeit und sehr erfolgreich vermischt? Besteht nicht mindestens die Hälfte der abendländischen Philosophie aus Gottesbeweisen?
Ja, ganz sicher. Aber vielleicht wäre es hilfreicher, wenn man diese beiden Sprachspiele strikter trennt. Vielleicht hat sich hier im Laufe der kulturellen Evolution etwas ereignet, das es sinnvoller erscheinen läßt, in neuer Art über das Problem zu sprechen. Vielleicht hätte es für Menschen, die sich als religiös bezeichnen, ebensolche Vorteile wie für diejenigen, die den Naturwissenschaften frönen wollen.
Die bleibende Trennung, die ich vorschlagen möchte, geht von den Thesen Darwins aus, die von Antiessentialisten wie Richard Rorty und Ludwig Wittgenstein auf die Philosophie übertragen wurden. Demnach gibt es kein Ziel, das die Menschheit erreichen müsste, und die eine bestimmte rationale Methode oder eine bestimmte Art zu sprechen voraussetzt. Wenn man sich deshalb, ganz im Sinne Darwins, von einer Wahrheit als einem Abbildungsverhältnis trennt, dann gibt es keinen Grund mehr, warum ein Sprachspieler verächtlich auf einen anderen blicken sollte, obschon dessen (aus der eigenen Perspektive) scheinbar offensichtlich inadäquaten Beschreibung der Wirklichkeit. Die Abkehr von einer Wahrheit, die man am Wesen der Dinge festmachen möchte, hin zu einer Wahrheit als momentan gerechtfertigter Behauptbarkeit, ist sicher ein philosophischer Schritt auf dem Weg, den Darwin vorgezeigt hat.
Meiner Ansicht nach würde eine solch Toleranz und Demut den Anschauungen anderer Menschen gegenüber auch der Bewegung gut zu Gesicht stehen, die man die „neuen Atheisten“ nennt. Ich möchte hier als Beispiel Richard Dawkins und dessen Buch Der Gotteswahn nennen. Er handelt darin einige Themen ab, bei denen ich ihm durchaus zustimme. Beispielsweise, dass Kinder von religiöser Indoktrination fern gehalten werden sollten, und dass Religion nichts Spezifisches mit ethischem Verhalten zu tun hat, das einem abgeht, wenn man nicht religiös ist.
Dawkins vertritt die Theorie, dass sich Religion als ein Nebenprodukt von anderen Mechanismen entwickelt habe. Grundsätzlich ist das aus dem Munde eines Evolutionsbiologen noch keine verächtliche Beschreibung, denn alle menschlichen Praktiken können als Nebenprodukte einer anderen Funktion beschrieben werden. Doch dann sagt er: „Die allgemeine Theorie, wonach Religion ein Nebenprodukt ist – eine Fehlfunktion eines eigentlich nützlichen Mechanismus –, möchte auch ich vertreten.“ (DAWKINS, Richard: Der Gotteswahn. S. 263) Ganz wie es in einem Buch zu erwarten war, das als eine „Streitschrift wider die Religion“ betitelt wird, stellt Dawkins hier, wie sehr oft, die Religion als irgendwie unnütz und dumm dar und meint das natürlich in einem abschätzigen Sinn. So vergleicht er beispielsweise den religiösen Menschen mit einer Motte, die geblendet in ihren eigenen Tod fliegt und nicht zuletzt nennt sich eine große Schar dieser „neuen Atheisten“ die „Brights“. Natürlich kann Dawkins zu Recht stolz auf die Vernunft, die Wissenschaften und ihren Erfolg sein, doch meiner Ansicht nach verliert er mit seiner Verabsolutierung der wissenschaftlichen Vernunft genau das, was man von Darwin gelernt haben könnte.
Vielleicht könnte man sagen, dass Dawkins einen kantischen Vernunftbegriff voraussetzt. Die Vernunft ist für Dawkins der Schlüssel, die Welt zu verstehen. Nicht zuletzt prangt gleich am Umschlag des Buches der Satz: „Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.“ Das Privileg, die Welt richtig abzubilden, also wahre Sätze zu formulieren, hat laut Dawkins die Naturwissenschaft, hier ist sich die Vernunft quasi selbstdurchsichtig geworden. Vor allem in der Biologie und in Sachen Abstammung hätte Darwin endlich aufgeräumt mit diesen primitiven theologischen Ansichten, die die Wissenschaft gefangen hielten. Für Dawkins ist es Darwin und seiner Evolutionstheorie zu verdanken, dass sich die Naturwissenschaften von der Theologie emanzipieren konnten, da die gesamte Komplexität nun ohne „göttlichen Uhrmacher“ erklärt werden kann. Auf dieser rein wissenschaftstheoretischen Ebene wird ihm auch noch niemand widersprechen. Prekär wird die Sache erst dort, wo Dawkins seine Leidenschaft für naturwissenschaftliche Vernunft und Darwin zu einer Pflichtübung für alle Menschen machen möchte, die den Anspruch erheben, sich „vernünftig“ verhalten zu wollen. Natürlich hat Darwin mit geholfen, meine These, dass Wissenschaft und Religion getrennt bleiben sollen, überhaupt erst denkbar zu machen. Doch aus ebendiesen Thesen Darwins kann man nicht folgern, dass eine der Weltbeschreibungen besser weil adäquater wäre also die andere. Auch wenn Dawkins also den Namen „Darwin“ im Gotteswahn am zweithäufigsten erwähnt, so hat er meiner Ansicht nach die wahre Kraft seiner Theorie im Hinblick auf Toleranz anderen Ansichten gegenüber, nicht erkannt. (Interessanterweise gibt es nur einen Namen, den Dawkins im Gotteswahn öfter nennt als den von Charles Darwin: Jesus von Nazareth. Vgl. S. 558ff)
Eigentlich hat Dawkins „Gott“ durch „Vernunft“ ersetzt, so wie die Essentialisten „Bewusstsein“ mit „Sprache“ ersetzt haben. So hat er das darwinsche Wuchern des Lebensbaumes (oder der Koralle, von der Darwin auch spricht) wieder zu einem Konvergieren zu einem Ziel hin uminterpretiert. Diese Ersetzung macht ihn vielleicht blind dafür, dass die Vernunft kein Hintergrund ist, der alle vereinen wird, wie ein Kant es gerne gesehen hätte. Es macht ihn vielleicht auch blind dafür, dass die Ausübung einer Religion keine Dummheit ist, nur weil man hier nicht alles rational erfassen will. Er verkennt, dass jedes Sprachspiel, auch sein eigenes, grammatische Sätze hat, oder anders gesagt, dass sein Sprachspiel ebenso einen uneinholbaren Hintergrund hat. Und schließlich verkennt er wohl, dass es nach Darwin höchst problematisch ist, eine „wissenschaftlich rationale Vernunft“ als privilegierte Weltbeschreibung zu sehen.
Natürlich kann er immer versuchen, andere Menschen für sein Sprachspiel zu gewinnen, doch untergriffige Diffamierungen des religiösen Menschen als primitive, geblendete Motten zeugen weder von Toleranz noch von Demut im Angesicht der eigenen potentiellen Fehlbarkeit und Relativität.
Vielleicht könnte man sagen, dass Richard Dawkins in den Naturwissenschaften das absolute, cartesische Subjekt endlich verwirklicht zu sehen glaubt, zu dessen Dekonstruktion Charles Darwin so viel beigetragen hat.