Revival / Farben
Ich plane ein Revival dieses Blogs und möchte mich bei all den Antwortenden entschuldigen, deren Beitrag ich nicht entsprechend gewürdigt habe. In der Phase der Diplomarbeit musste ich meine Energien von einigen Dingen abziehen. Vielen Dank an alle, die mir ihre Ansichten hinterlassen haben. Von nun an bin ich wieder “brav” und antworte auch.
Und damit man sieht, dass ich es ernst meine, gleich ein paar Dinge, die mich aktuell beschäftigen. Weil es recht frisch ist, ist es auch unzusammenhängend.
“Ich weiß doch, wie es ist, Rot zu sehen und kann mich darin nicht irren”
Weiß man so etwas? Ich möchte sagen: Nein.
Hier muss man zwei Ebenen trennen.
1) Ein Satz möchte eine Beziehung zwischen mir und einer Tatsache ausdrücken
2) Ein Satz möchte die Beziehung zwischen mir und einem Bewußtseinsinhalt ausdrücken.
Der Satz, um den es geht, st vom Typ 2. Ich soll wissen, wie es sich für mich anfühlt, Rot zu sehen. Ich soll nicht unfehlbar darin sein, rote Gegenstände zu identifizieren.
Wissen wird üblicherweise als gerechtfertigte, wahre Überzeugung definiert.
Ich weiß wie es ist, Rot zu sehen ist meiner Ansicht nach kein Wissen, weil die Rechtfertigung fehlt.
Man stelle sich vor:
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, Rot zu sehen!“
„Warum weißt du das? Und wie?“
„Naja ich habe immer diese Sensation wenn ich rote Gegenstände sehe“
„Aber es gibt optische Täuschungen, die eine Farbe vorgaukeln, die gar nicht da ist?“
„Egal, wenn man mir Rot vorgaukelt, habe ich das Rot-erlebnis“
„Das heißt dein Rot-erlebnis ist nicht abhängig von der Anwesenheit roter Gegenstände“
„Scheint so, aber ich kann mich darin nicht irren, dass ich Rot zu sehen glaubte“
„Dann geht es aber nicht mehr um ein Wissen sondern um ein Glauben. Wissen muss man rechtfertigen können und es soll eine Beziehung zwischen dir und Tatsachen herstellen. Du kannst dich hier aber nicht rechtfertigen, denn das Sprachspiel der Farbwahrnehmung ist so aufgebaut, dass es hier endet. Hier herrscht eine Gewissheit, aber kein Wissen. Denn für Wissen muss man Gründe anführen können.“
Dh ich kann die Gewissheit haben, rot zu sehen, aber Wissen kann ich es nicht. Selbiges gilt für Schmerzen. Hier endet das Sprachspiel.
Das bedeutet, auf lange Sicht gesehen, dass es keine Trennung zwischen physischen und psychischen Zuständen gibt, sondern eine Unterscheidung von Sprechweisen und ihren Grammatiken.
Das Mentale muss keine Nicht-physische Sache sein.
1. August 2011 um 22:54
Keine direkte Antwort auf einen Artikel, aber mich würd’s freuen, wenn du das Schreiben am blog wieder aufnimmst. Soweit ich sehe, gibt es kaum ernsthaftere deutschsprachige philosophische blogs.
Gruß,
dbH
17. Oktober 2011 um 7:47
Mein erster Eindruck:
1.Das geschilderte Problem entsteht m. E. aus der Trennung zwischen “Tatsache” als etwas vom Beobachter verschiedenes und dem, was bemerkt wird (‘bewusstt’). M.E. kann ich nichts über etwas aussagen, was sich mir nicht zeigt.
2. Aus meiner physistisch geprägten Sicht habe ich nur das zur Verfügung, was mein Gehirn mir anlässlich körperlichen Sensoriierens zur Verfügung stellt. Die Hirnaktivitäten haben irgendwie damit zu tun, wie ich mich äußere. Wie das geht, weiß bis heute niemand.
3. Vor dieses Dunkel hinein setzten Philosophen Wörter, die um das Dunkel zu verdecken, wie Plakate fungieren: Bewusstsein, Vernunft … und vermehren damit Probleme: Sie reden von Dingen, die man weder sehen noch fühlen (ertasten, berühren, riechen, …etc) kann.
4. Wie das Gehirn die Lichtwellen verarbeitet, die Farbeindrücke hervorrufen, ist teilweise erforscht und es gibt dazu interessante Forschungsergebnisse. Im Wesentlichen dürfte “Farbsehen” Ergebnis von Gehirnaktivitäten sein, die auch situativen und individuellen Bedingungen folgen. Unter Laborbedinungen können Aussagen über eigene Farbwahrnehmungen den gemessenen Lichtwellenwerten widersprechen.
20. Oktober 2011 um 23:11
Hallo,
ein schöner Beitrag, einfach reich.
Allerdings, ein kleiner Sprung zum Schluss – zum Selber-denken … bzw. den Dialog fortzuführen; ist das so eingeplant? – Sehr gut!
Zum Sachproblem: Das thematisiert Wittgenstein u. a. in “Über Gewissheit”, oder? Ich glaube, gegen die Einsicht sträuben sich immernoch große Teile der Fachwelt.
Aber was für Konsequenzen bringt das eigentlich mit sich?
Klar, der revolutionäre, gegen die (reifizierende) Tradition sich richtende Impetus scheint deutlich genug heraus, aber die Konsequenzen? Kann man mit der Einsicht Wittgensteins etwa immer noch sinnvoll Phänomenologie betreiben (oder phänomenologische Studien?, wenn man so will), und wenn ja, wie?
Oder bleibt nur eine Art Grammatiktheorie, als Theorie unserer Redeweise (und vielleicht ihrer impliziten Annahmen) übrig?
Aber der letzte Satz des Beitrages ist, nach Vorhergehendem, streng genommen falsch, oder?
3. November 2011 um 1:11
Ja, ich möchte den Dialog fortsetzen. Aber ich merke an, dass ich nichts von Wittgenstein und sprachphilosophischen Problemen verstehe.
Für mich stellt sich das Bild einer Wundertüte ein, was die Sprache hergeben soll. Ich halte Sprechen und Schreiben für einfache Tätigkeiten, die ontogenetisch langsam erlernt werden. Niemand weiß, wie Menschen das eigentlich machen. Es gibt aber Kenntnisse mit deren Hilfe man Spracherwerbsstörungen auflösen kann. Wie das funktioniert, weiß auch wieder niemand. Ich vermute, dass Sprechenlernen mit motoneuronalen Funktionen zusammen hängt, die z.B. das Organ “Stimmbänder” so zum Funktionieren bringen können, wie Menschen es von Geburt an hören und woraus die neuronale Aktivität im Gehirn Sprechmuster (Regeln) bildet, die Menschen in die Lage versetzen, so zu sprechen, wie die anderen Menschen ihrer Umgebung auch. Kleine Menschen experimentieren mit ihrem Sprechen um sie übereinstimmend mit anderen gebrauchen zu können. Das ist das, was sich im Wesentlichen beobachten lässt.
Die Konsequenz für mein Denken ist: Ich möchte nur von dem ausgehen, was ich mit anderen zusammen beobachten kann, daraus können Schlussfolgerungen gezogen werden, deren Angemessenheit gemeinsam beurteilt werden kann. Von einem psychischen oder geistigen inneren “Raum” auszugehen, halte ich für überflüssig und fragwürdig. Darüber kann sich jeder mit sich selber streiten.
Wenn man das links liegenlässt, womit man nicht weiter kommt, wird ein Philosophieren ermöglicht, dass vom Erforschbaren ausgeht. Zum Erforschbaren gehört auch das Farbensehen. Farben existieren vermutlich nur im Auge des Betrachters. Kinder können lange bevor sie die entsprechenden Wörter sprechen können, Farben zuordnen. Es gibt keine farbigen Gegenstände, meinen Physiker, sondern nur farbiges Licht. Wie Menschen Farben wahrnehmen hat nicht viel mit der Physik der Farben zu tun. Beim Menschen sind neben den optischen Sensoren für die unterschiedlichsten Lichtwellen spezifische Neuronen am Werk, die sich gegenseitig hemmen – sonst könnten wir nur grau sehen -, und u.a. in der Lage sind für Farbkonstanz zu sorgen. Weil Menschen nur drei Farbsensoren im Auge haben, ist es bei Computermonitoren und Fernsehgeräten nicht notwendig mehr als drei Farben darzustellen. Diese drei Farben sind Rot, Grün und Blau. In der Mischung auf Papier, zum Beispiel bei einem Tintenstrahldrucker, verwendet man dagegen die Farben Gelb, Blau und Magenta. In der Kunst gelten ebenfalls Gelb, Blau und Rot als Primärfarben. Doch Farbsehen geschieht, ohne mein Wissen, ohne dass ich es direkt beobachten kann. Meine Natur erbringt hier Leistungen, die andere erforschen können. Der Widerspruch, dass unter bestimmten Bedingungen alles wieder anders sein kann, macht mich vorsichtig, von Gewissheit auszugehen.
Ich nenne darum das, wovon ich ausgehe, Annahmen.