Wittgenstein über Wissen
„415. Ja, ist nicht der Gebrauch des Wortes Wissen, als eines ausgezeichneten philosophischen Worts, überhaupt ganz falsch? Wenn ‚wissen’ dieses Interesse hat, warum nicht ‚sicher sein’? Offenbar, weil es zu subjektiv wäre. Aber ist wissen nicht ebenso subjektiv? Ist man nicht nur durch die grammatische Eigentümlichkeit getäuscht, daß aus ‚ich weiß p’ ‚p’ folgt?
‚Ich glaube es zu wissen’ müsste keinen mindern Grad der Gewissheit ausdrücken. – Ja, aber man will nicht subjektive Sicherheit ausdrücken, auch nicht die größte, sondern dies, daß gewisse Sätze am Grund aller Fragen und alles Denkens zu liegen scheinen.“
Ludwig Wittgenstein – Über Gewissheit, suhrkamp
14. April 2008 um 12:40
Hallo!
Was meint W. denn damit, daß gewisse Sätze am Grunde aller Fragen und alles Denkens zu liegen scheinen? Was sind das für Sätze?
14. April 2008 um 17:23
Ich würde sagen er spricht von „objektiven Wahrheiten“ die man sich als Fundament alles menschlichen wünscht…
14. April 2008 um 19:18
Aber gibt es denn die bei all den relativen Sprachspielen?
14. April 2008 um 21:21
hm, ob es sie gibt, ist in „Über Gewissheit“ eine vielschichtige Frage. Vor allem, in welchem Sinne. Wittgenstein selber, würde ich mal so sagen würde keine Objektivitätstheorie der Wahrheit vertreten. Er hat eine holistische Auffassung von Bedeutung und damit Wahrheit. Bedeutung von Worten ist Gebrauch von Worten. Ein Satz für sich bedeutet nichts, nur in einem Kontext im Sprachspiel und nur hier kann man Wahrheit suchen. Man kann prinzipiell alle Sätze eines Sprachspieles in Frage stellen – aber nicht alle zur selben Zeit. um also manche Sätze zu bezweifeln müssen andere als Wahrheit vorausgesetzt werden.
15. April 2008 um 8:03
Was sind das für Sätze?
Es werden damit Sätze gemeint, die nicht sinnvoll bezweifelt werden können, Sätze von denen wir sagen:
„Es ist meine unerschütterliche Überzeugung daß p“, „Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß p“, „Ich kann nicht umhin zu glauben, daß p“, “Ich kann nicht zweifeln, daß p“ usw.
wobei p eben ein solcher Satz wäre, zB „Das ist meine Hand“. Wenn ich mit jemandem über meine Hand spreche, etwa mit dem Arzt, kann ich nicht sinnvoll daran zweifeln, daß es sich um meine Hand handelt. Wie wäre das, dem Arzt zu sagen, „die Hand tut weh, aber ich bin mir nicht sicher, ob es meine Hand ist.“?
15. April 2008 um 9:37
Wobei man, glaube ich, dem Arzt noch am ehesten fragen kann, ob dies wirklich meine Hand ist, es könnte ja ein neurologisches Problem vorliegen. Es gibt fälle wo Leute zb ein fremdes beim in ihrem Bett finden und so erschrocken sind, dass sie es aus dem Bett werfen und damit als ganzes aus dem Bett fallen, weil sie an dem Bein halt dranhängen. ; )
„Ich schreibe nun diesem kommentar – aber habe ich Hände?“ Hier wird es wirklich unmöglich, sinnvoll zu zweifeln.
15. April 2008 um 15:32
Ja, solche Fälle kann es geben und Wittgenstein zieht sie auch ausführlich in Betracht, weshalb er die Geltung solcher Fundamentalsätze auf Sprachspiele unter „normalen Bedingungen“ einschränkt, ohne jedoch eine nähere Erläuterung für „normal“ zu bringen. Ich nehme an, er meint damit – und viele Äußerungen in ÜG und PU lassen diese Deutung zu – halbwegs übliche Erwartungshaltungen. Jedenfalls würde ich in einem Gespräch über die Hände meines Gesprächspartners niemals erwarten, er könnte die Existenz seiner Hände bezweifeln. W sagt dazu lapidar „So funktioniert dieses Sprachspiel eben.“
15. April 2008 um 19:38
Ist denn die Aussage eines Menschen A , der sein Bein nicht für das seine hält, gleichermaßen wahr, wie die seines Gesprächpartners B, der der Meinung ist, das sei sehr wohl As Bein?
15. April 2008 um 22:14
Das hat für Wittgenstein damit zu tun, ob A aufsteht und herumgeht…
16. April 2008 um 17:04
Hat der, der mit beiden Beinen im Rollstuhl sitzt, keine eigenen Beinen, weil er nicht aufstehen und herumgehen kann?
16. April 2008 um 17:18
Das ist ja auch ein anderer Kontext, ein anderes Sprachspiel ; )
16. April 2008 um 20:11
Sprachkritik – oder: Wovon man nicht wissen kann, darüber muss man …
16. April 2008 um 21:05
Ein nicht betrunkener, angetörnter oder sonstwie offensichtlich geistig beeinträchtiger Mensch, der behauptet, sein Bein wäre NICHT sein Bein, müßte ganz besondere Gründe dafür vorbringen, damit ich ihn ernst nehmen kann. Ansonsten würde ich annehmen, daß er das Sprachspiel (noch) nicht versteht. Denn ohne solche Gründe kann ich NICHT daran zweifeln, daß das Bein, von dem er spricht, das seine ist. Und welche Gründe könnten das sein?
16. April 2008 um 21:09
Es sei denn, er hat ein Holzbein, das er mir dann zeigt! Aber das wäre eben ein solcher besonderer Grund.
17. April 2008 um 15:29
Ach ja, unterscheiden wir also zwischen subjektiver und intersubjektiver Wahrheit. Der Mensch a, der sein Bein nicht für das „seine“ hält, besitzt eine subjektive Wahrheit, die jedoch kaum auf intersubjektive Gültigkeit im Sinne von Wissen Anspruch erheben kann. Eigentlich glaubt er etwas, was für ihn und nur für ihn subjektiv wahr ist. Kann man sagen, sein Bein ist sein Gott ;-) ?
17. April 2008 um 16:47
Subjektiv wahr? Was soll das sein? Und ist es relevant? Was immer einer glaubt, ist für ihn wahr – sonst würde er’s nicht glauben. Oder kann man etwa etwas glauben, das man nicht für wahr hält?
Was nun, wenn er glaubt, die Erde sei eine Scheibe: was soll das dann heißen, es sei FÜR IHN subjektiv wahr? Und was, wenn er glaubt, du wärest kein Mensch, sondern Ungeziefer? Sagst du dann immer noch, man muß es gelten lassen, weil es für ihn subjektiv wahr ist?
17. April 2008 um 18:01
@M.B.
„Und ist es relevant? “ Zweifellos ist es für den betroffenen Menschen relevant, denke ich.
„Was nun, wenn er glaubt, die Erde sei eine Scheibe: was soll das dann heißen, es sei FÜR IHN subjektiv wahr?“
So ist es, vorausgesetzt einen begrenzten Erkenntnisstand. Aber er kann in unserer Gesellschaft keinen Anspruch auf intersubjektive Gültigkeit erheben.
„Und was, wenn er glaubt, du wärest kein Mensch, sondern Ungeziefer? Sagst du dann immer noch, man muß es gelten lassen, weil es für ihn subjektiv wahr ist?“
Das wäre das Gegenteil von dem, was ich immer wieder behaupte, daß nämlich ethische Positionen nicht gleichwertig/relativ sind.