Ein Heer von Metaphern

April 21, 2008 - One Response

Im Bezug auf Nietzsche muss ich meine Meinung wohl in Sachen Wahrheit revidieren. Bei ihm sah ich bisher das unumstößliche Problem, dass er mit einem Gefühl der Sicherheit (so als wäre es die Wahrheit) sagen würde, dass es keine Wahrheit gäbe. Nun bin ich zumindest Unsicher ob ich das nicht zu grob gesehen habe.
In „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn“ betont Nietzsche, dass alles Sprechen Rhetorik ist. Alles Sprechen über die Dinge spielt sich also nicht in einem objektiven Abbildeverhältnis ab, sondern wir haben es mit den Dingen in und als Metaphern zu tun. Aber, dass alles auf Metaphern beruht, das haben wir vergessen, mussten wir vergessen, denn sonst hätte uns der bohrende Zweifel der Relativität weiterhin geschwächt.
Wenn wir mit der Absicht des Erkennens an ein Ding herantreten, dann wollen wir etwas von diesen Ding, zumeist Sicherheit. Kontemplative, konsequenzlose Erkenntnis interessiert uns gar nicht – wir wollen Objektive Wahrheit nicht, wir wollen unsere Nöte beseitigen.
In dieser nachgelassenen kurzen Schrift findet sich auch die berühmt-berüchtigte Definition der Wahrheit als ein Heer von beweglichen Metaphern. Nun ist sich Nietzsche laut eigenen Angaben jedenfalls darüber im Klaren, dass auch er in Metaphern zu Worten kommt, dass auch er die objektive Wahrheit nicht erreichen will. Er hat wie jeder andere Mensch auch, Zwecke die er so verfolgt.
Hier ist dann die Stelle, wo ich meinte, dass Nietzsche inkonsistent wird, im Bezug auf seine Wahrheitsdefinition. Er redet so vom beweglichen Metaphernheer und von der Notwendigkeit des Vergessens dass es Metaphern sind, als wäre seine Wahrheit wahrer als beispielsweise die metaphysische Antwort eines Kant. Nietzsche betont sogleich, dass man ihm entgegenhalten kann und soll, er würde auch interpretieren, aber schwächt dies das Problem?
Man müsste es konsequent als eine neue, alternative Beschreibungsweise eines Sprachspiels sehen, Nietzsches selbst gemachte Grundlage als nicht so grundlegend betrachten als dass sie ein objektives Fundament wären. Ein wenig so wie bei den heutigen philosophischen Bewegungen die „Wahrheit“ verabschieden wollen.
Was Nietzsche aber in diesem Zusammenhang nicht thematisiert ist die Stellung von anderen Meinungen, die seiner entgegenstehen. Wie müsste er damit umgehen? Er hat ja in seiner literarischen Geschichte oftmals andere Meinungen ohne Rücksicht aus Verluste zermalmt, ohne einen Gedanken an mögliche Gleichwertigkeit der Interpretationen. Es muss für Nietzsche also wohl so etwas wie wahrere und falschere Interpretationen geben. Oder man muss ihm einfach zugestehen, dass er andere Meinungen nicht zulassen wollte oder konnte…

Wittgenstein über Wissen

April 14, 2008 - 17 Responses

„415. Ja, ist nicht der Gebrauch des Wortes Wissen, als eines ausgezeichneten philosophischen Worts, überhaupt ganz falsch? Wenn ‚wissen’ dieses Interesse hat, warum nicht ‚sicher sein’? Offenbar, weil es zu subjektiv wäre. Aber ist wissen nicht ebenso subjektiv? Ist man nicht nur durch die grammatische Eigentümlichkeit getäuscht, daß aus ‚ich weiß p’ ‚p’ folgt?
‚Ich glaube es zu wissen’ müsste keinen mindern Grad der Gewissheit ausdrücken. – Ja, aber man will nicht subjektive Sicherheit ausdrücken, auch nicht die größte, sondern dies, daß gewisse Sätze am Grund aller Fragen und alles Denkens zu liegen scheinen.“

Ludwig Wittgenstein – Über Gewissheit, suhrkamp

Über ein Paradox

April 3, 2008 - 2 Responses
Was mich an vielen Gläubigen stört, vor allem den meisten Theologie Studenten die ich im Zuge meines Studiums treffe, ist dieses latente stille arrogante Lächeln des in der Gnade stehenden. Dieses Lächeln tritt bei denjenigen auf, die eigentlich gar nicht wissen, warum es in Sachen Religion einen Grund zur Freude gibt.
Ein wichtiger punkt des Glaubens ist der, um es mit Kierkegaard zu sagen, paradoxe Sprung in den Glauben. Wenn Glauben im Fundament etwas mit Logik oder dem Verstehen zu tun hätte, dann hieße es Wissen und in weiterer folge Wissenschaft, und nicht Religion. Daran scheitern auch alle Gottesbeweise rein methodologisch.
Wenn einem dieser Sprung über den Abgrund gelungen ist, ist man wahrhaft zu beneiden. Kierkegaard versuchte sein Leben lang, diesen Sprung zu tun, was man heute sagen kann, gelang er ihm niemals. Zumindest hat er keine Schrift dazu hinterlassen.
An Kierkegaard muss ich vor allem denken, wenn ich mit einem Theologiestudenten rede(n muss), die einen dann immer gütig lächelnd anblicken, mit ein wenig Schmerz im Blick. Der Schmerz darüber, dass ich armes Schäfchen mich auf einen Irrweg (den der Philosophie) begeben habe.
(Auch Klosterschwestern und Priester haben oft diesen Pathos, es ist wohl von einem lange geschulten Abwehrmechanismus, damit man sich nicht mit dem Unglauben der anderen menschlich konfrontieren muss.)

Diese lächelnde Gestik oder diese arrogante Geisteshaltung kann aber nur dann eintreten, wenn man zwar meint, man sei tief gläubig (was auch immer das bedeuten mag) aber den Sprung ins Paradox (noch) nicht gewagt hat. Ansonsten würde einem der Fehler sofort auffallen: Wenn Glauben etwas ist, das mit Vernunft nicht primär zu erfassen ist, warum kann man aus dem Munde dieser „Gläubigen“ dann Vernunftargumente hören? Mir scheint dieser Sorte Schwätzer liegt mehr an dem Überlegenheitsgefühl als an wirklichem Glauben. Um ein Beispiel für meinen giftigen Verdacht zu bringen: „Ich habe die Antwort auf alle Fragen, auch auf die, die du noch gar nicht stellen kannst, durch Gott gefunden. Ich habe Mitleid mit dir, dass du noch nicht so weise bist, aber keine Sorge du wirst Gottes Willen auch noch erkennen, wenn du bereit dafür bist. Du musst dich nur darauf einlassen!“

Glauben ist keine so einfache Aufgabe, man wartet nicht einfach bis man von der Weisheit erfüllt ist. Kierkegaard hat immer versucht zu glauben. So lange bis er vor Erschöpfung starb und er hat es seiner Meinung nach nie geschafft. Ich meine er war einer der gläubigsten Menschen die es überhaupt nur geben kann.

Betrachtungen eines Unzeitgemäßen

März 25, 2008 - No Responses
Friedrich Nietzsches „Unzeitgemäße Betrachtungen“ sind ein Werk, welches man stellenweise einfach mit Humor lesen muss, was aber nicht über die philosophische Tiefe und Relevanz hinwegtäuschen soll. Nietzsche beschreibt in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“, der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, die Umstände seiner Zeit. Genauer gesagt seinem kulturellen Umfeld in Deutschland. Die Historie würde in Deutschland, bei den Bildungsphilistern, völlig falsch eingesetzt. Die historischen Wahrheiten sind laut Nietzsche „wahr aber tödlich“. Sie machen die „Jugendlichen“ (=die lebenskräftigen Menschen) schwach und durch ein übermäßiges Besinnen auf die bisherige Geschichte gehe ihnen die eigene Schöpfungskraft verloren. Der Mensch müsse daher, um überleben zu können, in einer ihn umgebenden „Atmosphäre des Unhistorischen“ leben. Alles Lebendige benötigt diesen geheimnisvollen Dunstkreis, dieser kann beispielsweise aus Religion aus Kunst oder aus dem Genie selbst bestehen. Doch wenn man diese Atmosphäre, dieses einmalige, unbedingte lebendige mit dem Staub der Geschichte bedeckt wird alles grau und schon einmal dagewesen.
Ich meine aus dieser Sichtweise könnte man auch Nietzsches Werk und sein Denken selber betrachten. Als eines, dass eine „Wahrheit“ zugunsten des Lebens aufgibt. Und auch wenn er in seinen Werken wider aller Logik die Wahrheit verbreiten will, dass es keine Wahrheit gäbe, vielleicht muss man diesen Widerspruch in seiner absichtlich gewählten Verweigerung der Historie der Bildungsphilister sehen. Er wollte immer ein Mensch im Leben sein, kein Ironiker der alles historisch distanziert sieht und damit nicht mehr im eigentlichen Sinne ein Mensch ist, sondern eher eine hohle Bildungspuppe.

Nietzsche über Wahrhaftigkeit

März 23, 2008 - 2 Responses
“Nun frage ich, ob es auch nur möglich wäre, unsre jetzigen Literaten, Volksmänner, Beamte, Politiker als Römer vorzuführen; es will durchaus nicht angehen, weil sie keine Menschen sind, sondern nur eingefleischte Kompendien und gleichsam konkrete Abstrakta. Wenn sie Charakter und eigne Art haben sollten, so steckt dies alles so tief, daß es gar nicht sich ans Tageslicht herauswinden kann: wenn sie Menschen sein sollten, so sind sie es doch nur für den, »der die Nieren prüft«. Für jeden anderen sind sie etwas anderes, nicht Menschen, nicht Götter, nicht Tiere, sondern historische Bildungsgebilde, ganz und gar Bildung, Bild, Form ohne nachweisbaren Inhalt, leider nur schlechte Form, und überdies Uniform.”

aus: Friedrich Nietzsche - Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben